Agenturkarriere

"Ich würde es wieder tun"

Freitag, 19. Juni 2015
Wieder wird viel über Arbeitsbedingungen und Bezahlung bei Agenturen diskutiert. GWA-Vizepräsident und Thjnk-Chef Michael Trautmann findet, dass das negative Image nicht gerechtfertigt ist. Für HORIZONT schildert er, warum ein Agenturjob noch immer die beste Wahl ist.

Als sich meine Schulzeit dem Ende neigte, hatte ich drei Berufswünsche: Sportmediziner, Lufthansa Pilot oder irgendwas mit Werbung. Dass ich nicht zum Arzt tauge, lernte ich während meiner Zeit als Sanitäter bei der Marine, den Eignungstest der Lufthansa versemmelte ich in der allerletzten Übung, dem Flugsimulator.


Zum Thema Werbung hatte ich keinerlei familiäre Vorbelastung. Vielleicht gab es so etwas wie einen Fingerzeig. Meine einzige mit der Note 2 (Minus) bewertete Klausur im Deutschleistungskurs widmete sich der Analyse einer Anzeige für einen Danone Joghurt. Meine erste praktische Berufserfahrung sammelte ich dann 1988 während eines 6-monatigen Praktikums bei Grey in Düsseldorf. Der leider viel zu früh verstorbene Thomas Paudler und auch Bernd M. Michael nahmen mich damals unter ihre Fittiche. Zahlreiche Freundschaften wie zum Beispiel zu Alex Wipperführth, der heute eine Agentur in San Francisco hat und der mich 1997 mit Reinhard Springer zusammen brachte, bestehen bis heute. 
„Die Inhalte, mit denen wir uns beschäftigen, sind spannender als je zuvor. “
Michael Trautmann
Meine Vorstellungen, was ich genau in der Werbung machen könnte, waren intuitiv richtig. Es müsste doch jemanden geben – so dachte ich damals – der zwischen denen, die Werbung brauchen und denen, die sich die Werbung ausdenken, vermittelt. Das Berufsbild des Kontakters kannte ich nicht, das Praktikum bei Grey, bei dem ich sofort ins kalte Wasser geschmissen wurde, hatte bei mir den Funken gesetzt, der mich nach Stationen als Unternehmensberater und Marketingleiter dann irgendwann im Alter von 32 Jahren als Quereinsteiger zu Springer & Jacoby führte. Diese Agentur hatte zu ihren guten Jahren – und davon gab es reichliche – eine Magie, die sich vor allem in einer extrem starken Unternehmenskultur zeigte. In den 5 Jahren bei Springer & Jacoby habe ich sehr viel gelernt, über Werbung, über Marken, über mich und meine Stärken und vor allem über meine Schwächen. Vor allem aber habe ich gelernt, dass Werbung Teamsport ist, und dass der Einzelne nichts ist, wenn  er sich nicht in sein Team einbringt. Mit 37 habe ich dann noch einmal die Seiten gewechselt und eine Gesamtverantwortung für das weltweite Marketing einer Automobilmarke übernommen, bevor ich dann 2002 an der Gründung einer Werbeagentur beteiligt war.

Die Rahmenbedingungen für Agenturen sind anspruchsvoller geworden. Kunden sind heute weniger bereit, Geld in die Hand zu nehmen, potentiellen Mitarbeitern bieten sich andere Möglichkeiten bis hin zur Unternehmensgründung gleich nach dem Ende des Studiums oder auch bereits während des Studiums. Sie wissen alle, dass 15 der reichsten 20 Amerikaner ihr Studium abgebrochen haben. Warum also Agentur? Weil die Inhalte, mit denen wir uns beschäftigen, spannender sind, als je zuvor. Weil wir eine Branche sind, die die Chance hat, sich quasi jeden Tag wieder neu zu erfinden. Weil wir Mitarbeiter aus verschiedenen Ländern und Kulturkreisen haben und weil es bei uns viele Frauen gibt. Weil es fast jeden Tag Spaß macht, ins Büro zu kommen. Weil unsere Kunden uns Aufgaben geben, die für ihre Marken von essentieller Bedeutung sind. Weil wir fast alle die Möglichkeit haben, uns auch für soziale Projekte einzubringen. Weil wir Mitarbeiter haben, die nebenbei noch Rockstars oder Olympiasieger sind. Weil wir schon nach dem Motto „Work hard – play hard“ gelebt haben, als es die Zeitschrift "Business Punk" noch nicht gab. Jeden Tag? Nein, nicht jeden Tag, aber so oft, dass ich heute sagen kann: Ich würde es wieder tun. Michael Trautmann

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