Weltfrauentag

Jung von Matt entwickelt Dessous, die Frauen vor sexueller Gewalt schützen sollen

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Smarte Unterwäsche: Das AIKYOU-Höschen "Protegé" mit eingebauten Mikro Controller
© Jung von Matt
Smarte Unterwäsche: Das AIKYOU-Höschen "Protegé" mit eingebauten Mikro Controller
Es ist nicht direkt eine Kampagne zum Weltfrauentag, sondern vielmehr ein Innovationsprojekt, das Frauen an jedem x-beliebigen Tag vor sexueller Gewalt schützen soll: Protegé. Bei dem Gemeinschaftsprojekt von Jung von Matt, dem Wäschelabel AIKYOU und der Amann Group handelt es sich um einen intelligenten Slip, der im Fall eines Angriffs automatisch einen Notruf absetzt - dazu muss das Höschen allerdings zerrissen werden.
Klingt verrückt? Ist aber laut Gün Aydemir, Kreativchef von Jung von Matt/Neckar, die Lösung für ein durchaus gängiges Problem, mit dem sich junge Frauen im Zeitalter von Tinder und Match.com konfrontiert sehen: Rape Dates. Wenn der Mann bei einem Date zutraulicher wird als die Frau es möchte, kann Protegé sie vor einer Vergewaltigung schützen.


Im Handel ist das Produkt noch nicht erhältlich. Es handelt sich dabei um einen Prototypen, für den die Agentur zurzeit potenzielle Investoren sucht. Die Chancen stehen nicht schlecht: Protegé ist bei den Innovation Awards der SXSW in der Kategorie "Speculative Design" nominiert. Kommende Woche bekommt das Team von JvM die Möglichkeit, ihr Produkt life vor Ort bei der Digitalmesse zu präsentieren.

Die Idee dafür hatte Aydemirs Kollegin Anna Rondolino. Die Kreativdirektorin erklärt: "Als Frauen kennen wir die alltäglichen Einschränkungen, die uns in Bezug auf Kleidung auferlegt werden. Wir haben in der Vergangenheit immer wieder Produkte gesehen, die die Trägerin vor sexuellen Übergriffen schützen sollen. Stattdessen schränken sie Frauen jedoch oft durch Schlösser oder unbequeme und unschmeichelhafte Stoffe zusätzlich ein. Wir wollten eine andere Art von Produkt entwickeln, das es den Frauen ermöglicht, sich frei, sicher und zugleich attraktiv zu fühlen."


Die Dessous sind mit einer von der Amann Group entwickelten Technologie namens Smart Yarn Silver-tech+ verarbeitet, die mit einem Mikro-Controller verbunden ist, über den im Notfall via Smartphone eine Verbindung zu vorher definierten Kontaktpersonen hergestellt wird. Nadja Krautter, Global Communication Manager bei der Amann Group, sagt dazu: "Wir möchten einen Beitrag zu Protegé leisten, da die Tech-Industrie sehr männlich dominiert ist, sodass Frauenthemen eher in den Hintergrund treten. Und da die Smart Lingerie eine Idee von Frauen für Frauen war, stellen wir unsere Technologie und unser Know-how gern zur Verfügung."

Zu dem Wäschelabel AIKYOU hat Jung von Matt eine besondere Verbindung: Eine der beiden Gründerinnen war früher in der Agentur tätig. Das exklusive Label hat seinen Sitz im baden-württembergischen Remchingen und ist auf Dessous für Frauen mit kleinen Brüsten spezialisiert. Für Bianca Renninger und Gabriele Meinl, die Geschäftsführerinnen von AIKYOU steht fest: "Beim Design unserer Dessous ist es uns wichtig, den weiblichen Körper zu respektieren. Wir möchten, dass sich unsere Kundinnen frei fühlen, und wollen sie gleichzeitig unterstützen. Jede Frau sollte in der Lage sein, mit ihrem Kleidungsstil auszudrücken, wie sie sich fühlt. Sie sollte tragen dürfen, was sie möchte, ohne dabei ihre Sicherheit zu gefährden."

Aydemir hofft, dass es den Beteiligten gelingen wird, zusätzliche Unterstützer für ihr Projekt zu finden, damit es weiter entwickelt und schließlich sogar in Serie gehen kann. Die normalen Höschen von AIKYOU kosten regulär zwischen 29 und 34 Euro. Ausgestattet mit der Smart-Technologie wären es laut dem Kreativen zwischen sieben und zehn Euro mehr. Das ist allerdings noch Zukunftsmusik. Derzeit gibt es nur etwa ein halbes Dutzend Exemplare, mit dem sich das Team nächste Woche bei der SXSW um Sponsoren bewirbt.

Da Jung von Matt dieses Jahr wieder bei Award Shows mitmacht, könnte man auf die Idee kommen, dass Protegé letztlich nur ein probates Mittel ist, um Kreativpreise zu gewinnen. Für Aydemir gibt es allerdings einen entscheidenden Unterschied zwischen einer Goldidee und einem Prototyp. Man wolle das Thema Prototyping bei JvM/Neckar ganz bewusst stärker forcieren und vor allem technologische Innovationen vorantreiben. Deshalb habe man Protegé und ein anderes Projekt namens "Rebuilt from Memories" auch gezielt bei den SXSW Innovation Awards eingereicht, die überhaupt nicht relevant für Kreativrankings sind. Man wolle sich damit in der weltweiten Tech- und Digital-Szene-Gehör verschaffen. Die Strategie scheint aufzugehen: Jung von Matt ist als einzige deutsche Agentur mit gleich zwei Projekten unter den Finalisten vertreten. Zu den Gewinnern der vergangenen Jahre gehört beispielsweise das Berliner Start-Up Share, dessen Produkte mittlerweile deutschlandweit im Handel erhältlich sind. bu
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