Fragwürdige Kampagne zum Earth Day

So stellt Ogilvy Umweltsünder an den Pranger

   Artikel anhören
Aus DNA-Proben hat Ogilvy Gesichter von Umweltsündern erschaffen
© Screenshot Youtube / Ogilvy Asia
Aus DNA-Proben hat Ogilvy Gesichter von Umweltsündern erschaffen
Bei dieser Kampagne dürfte Datenschützern der Atem stocken. Hierzulande wäre der provokante Marketingstunt wohl nicht möglich gewesen. Anlässlich des gestrigen weltweiten "Earth Days" hat Ogilvy & Mather Asia die an achtlos weggeworfenen Zigarettenkippen, ausgespuckten Kaugummis und sonstigem Müll klebende DNA genutzt, um die Gesichter der Umweltsünder zu reproduzieren und so der Umweltverschmutzung ein Gesicht zu geben.
Hong Kong hat ein großes Müllproblem. Laut Lisa Christensen, Gründerin und CEO der auftraggebenden Initiative The Hong Kong Clean-Up von Ecozine und The Nature Conservancy wurde im vergangenen Jahr innerhalb von sechs Wochen eine nahezu unfassbare Menge von knapp 4000 Tonnen Müll gesammelt. Christensen: "Traurigerweise herrscht hierzulande eine 'und nach mir die Sintflut' Mentalität. Das muss sich ändern." Die Aktion mit dem Motto "The Face of Litter" soll dazu beitragen und die Bewohner Hong Kongs zum Nach- und Umdenken anregen.


Das obige Video zeigt, wie das Ogilvy-Team um Chief Creative Officer Reed Collins und Executive Creative Director Rafael Guida vorgegangen ist: An zuvor ausgewählten Ecken in der Stadt haben die Kampagnenmacher Müll gesammelt. Mit Hilfe von US-Forschern sowie der noch jungen Software "Snapshot DNA phenotyping" von Parabon NanoLabs wurde das daran haftende Erbgut analysiert und in ein dazugehöriges Phantombild "übersetzt". Dabei fließen Details wie die Pigmentierung der Haut, Augen- und Haarfarbe, Gesichtsform und das Geschlecht mit in das Ergebnis ein. Was nicht erkannt werden kann, ist das Alter der betreffenden Person.

Die so entstehenden durchaus realen Gesichter hat Ogilvy auf Plakate gedruckt, die neben dem Konterfei des Umweltsünders auch den dazugehörigen Corpus Deliciti zeigen. Das Kampagnenpaket wird von Online-Maßnahmen komplettiert. "Diese Kreation ist einzigartig", so CCO Collins. "Sie ist interaktiv. Sie ist innovativ. Sie ist unser eigenes wissenschaftliches Experiment, mit dem wir uns für einen gesellschaftlichen Wandel einsetzen."


Die Arbeit ist sicherlich sehr aufmerksamkeitsstark und bewirkt bestimmt, dass einige Hong Konger künftig umweltbewusster handeln. Doch bei all der guten Absichten, die dahinter stehen - im Hinblick auf Persönlichkeitsrechte ist der Marketingstunt durchaus mit Vorsicht zu genießen. Schließlich werden die Personen ungefragt als Umweltverbrecher an den Pranger gestellt. Besonders aufgebrachte Kritiker (die sich übrigens im Netz bislang nicht finden lassen) könnten das Ganze mit einer Hetzjagd vergleichen. Was Ogilvy Hong Kong zu diesen Vorwürfen sagt, ist nicht bekannt. Das Team war bislang auf Nachfrage nicht zu erreichen. jm
stats