Qwant Dieses Start-up will die europäische Alternative zu Google werden

Mittwoch, 01. November 2017
Alberto Chalon, Managing Director von Qwant.
Alberto Chalon, Managing Director von Qwant.
© Qwant / Alain MBouche

Wenn wir im Internet nach etwas suchen, dann steuern wir in der Regel schnurstracks Google.de an. Wenn es nach Alberto Chalon geht, soll sich das aber künftig ändern. Chalon stürzt sich nun mit der Suchmaschine Qwant in den Kampf gegen Platzhirsch Google und will mit einer großangelegten Kampagne auch die deutschen Nutzer zum Wechsel animieren. Sein zentrales Argument: Datenschutz.

Seit zehn Jahren ist die Suchmaschine Google mit einem konstanten Marktanteil von 90 Prozent in Deutschland der unangefochtene Platzhirsch im Bereich Desktop-Websuche. Mobil sind es sogar noch ein paar Prozentpunkte mehr. Ein nahezu uneinholbarer Vorsprung, zumal auch andere Wettbewerber wie Bing und Yahoo in den vergangenen Jahren sowohl in Deutschland als auch in anderen Märkten kein nennenswertes Gegengewicht zum Tech-Riesen aus Mountain View etablieren konnten.

Ausgerechnet ein vier Jahre altes Start-up aus Frankreich hat sich nun auf die Fahne geschrieben, die Google-Dominanz zu brechen und setzt dabei vor allem auf die Datensammelwut des Tech-Riesen: "Wir wissen, dass die Menschen sich Gedanken um ihre privaten Daten machen und auch einen Anbieterwechsel in Betracht ziehen, um diese zu schützen", sagt Alberto Chalon, Managing Director von Qwant (siehe Interview unten). Und genau mit diesem Datenschutz-Argument will Chalon auftrumpfen.

Marktanteile der Suchmaschinen in Deutschland 2016 (Angaben in Prozent)

Quelle: Statista
Anders als Google sammelt Qwant eigenen Angaben zufolge nämlich keinerlei Daten über die Nutzer, verzichtet also freiwillig auf den essenziellen Rohstoff der Internetökonomie. Google verdient bis heute ein Vermögen damit, durch Coockies so viele Daten wie möglich über den einzelnen Nutzer zu erfahren und daraufhin maßgeschneiderte Werbung neben den Suchergebnissen zu platzieren. Werbung gibt es bei Qwant zwar auch, aber sie sieht für alle User gleich aus. Kein Tracking. Keine zugeschnittenen Anzeigen. Kein Speichern von Nutzerbewegungen.

"Wie würden Sie sich fühlen, wenn Sie im echten Leben genauso behandelt würden wie es online zur Zeit passiert? Würde Ihnen das nicht eine Höllenangst einjagen?", fragt Chalon. Es ist die gleiche Metapher, die Qwant nun in einem TV-Spot bedient, der in den nächsten Tagen im deutschen Fernsehen zu sehen ist (siehe Video unten) und die hiesigen Datenschutz-Liebhaber zum Wechsel bewegen soll. Es ist übrigens das zweite Mal, dass Qwant den deutschen Markt erobern will: Bereits 2014 wagten die Franzosen hierzulande den Aufschlag, scheiterten jedoch an der Technik, die noch nicht genau genug an die deutsche Sprache angepasst war. Nun soll es besser laufen.

Interview mit Alberto Chalon, Managing Director von Qwant

Google ist das Non-plus-ultra bei der Websuche – auch in Deutschland. Mit welchem Argument will Qwant die Nutzer zu einem Wechsel bewegen? Das erste und wichtigste Argument ist sicherlich die Privatsphäre. Wir wissen, dass die Menschen sich Gedanken um ihre privaten Daten machen und auch einen Anbieterwechsel in Betracht ziehen, um diese zu schützen. Und Qwant ist die einzige Suchmaschine, die die Privatsphäre ihrer Nutzer wirklich respektiert. Wir arbeiten gänzlich ohne Drittanbieter-Cookies und sammeln deshalb auch keinerlei Daten über unsere Nutzer abseits von der direkten Sucheingabe. Das ist dann auch schon Punkt Nummer zwei: Jeder bekommt bei uns ein unverfälschtes, neutrale Suchergebnis, das nicht vorher gefiltert wurde. Keine Echokammern oder Filterblasen, keine erhöhten Hotelpreise nur weil ich vorher schon einen Flug online gebucht habe. Viele Leute können diese Art von Einfluss auf ihr Leben nicht leiden, sie wollen selbstbestimmt durchs Web surfen und neutral behandelt werden.

Qwant verzichtet auf Tracking. Verschreckt man mit diesem altmodischen Modell nicht die Werbeindustrie? Sehen Sie es mal so: Was bringt es einem Unternehmen denn, wenn es seine Kunden in jeden Winkel verfolgt und diese sich dann beobachtet und von Retargeting Ads gejagt fühlen? Kaufen sie dann mehr in diesem Zustand? Ich bezweifle das mal. Wir machen den Nutzern dieses Gefühl in unserem neuesten TV Spot deutlich: Wie würden Sie sich fühlen, wenn Sie im echten Leben genauso behandelt würden wie es online zur Zeit passiert? Würde Ihnen das nicht eine Höllenangst einjagen? Die Nutzer von Qwant würden das sicherlich bejahen. Sie verstehen das Web und seine Arbeitsweise. Sie machen sich auch Gedanken um ihre persönlichen Daten und wertschätzen die Tatsache, dass sie bei uns dieselben neutralen Suchergebnisse wie jeder andere bekommen. Wenn man jetzt diesen Nutzern zielgerichtet "altmodische" Anzeigen ausspielt, sind sie weitaus eher bereit, auch darauf zu klicken und etwas zu kaufen. Auf diese Weise ist Google ebenfalls jahrelang erfolgreich gewesen und letztlich zur heutigen Größe angewachsen.

Darum geht es uns: Wir sind nicht gierig, wir respektieren unsere Nutzer und wir sind vollauf zufrieden mit den Geschäftszahlen, die wir mit unserem Modell erreichen können. Außerdem setzen wir auch noch auf andere Einnahmequellen, zum Beispiel unser Shopping-Angebot. Dazu befinden wir uns derzeit in intensiven Gesprächen mit verschiedenen eCommerce-Anbietern in Deutschland, um in diesem Bereich schneller zu wachsen.

Was sind die konkreten Ziele für den europäischen beziehungsweise den deutschen Markt? Wie viele Marktanteile will Qwant erreichen? Europaweit gesehen wollen wir in naher Zukunft einen Marktanteil von 5 bis 10 Prozent erreichen. Ende 2018 werden wir in Deutschland einen Anteil von 2 bis 4 Prozent des Marktes haben und profitabel arbeiten.

Welche konkreten Werbemaßnahmen plant Qwant in den nächsten Wochen und Monaten in Deutschland, um bekannter zu werden? Wir haben in den letzten Wochen die ersten Kanäle in sozialen Netzwerken eröffnet, um gemeinsam mit unserer Community zu wachsen. Wir investieren in diesen Kanälen auch, um Aufmerksamkeit und Verständnis für Privatsphäre und das Thema Web-Suche zu erzeugen. Es ist wichtig, Nutzern noch deutlicher zu machen, was bei jeder Sucheingabe in einer Suchmaschine passiert und welche Spuren sie bei jeder Browser-Session im Web hinterlassen. Deshalb haben wir mit ersten Erklärvideos wie diesem zu Privatsphäre begonnen, um Nutzer aufzuklären. Außerdem werden wir den TV Spot diesen Monat auch im deutschen Fernsehen zeigen und parallel auf YouTube weiter ausspielen. Qwant-Gründer Eric Léandri wird darüber hinaus auf verschiedenen Konferenzen rund um das Thema Privatsphäre präsent sein. Zu guter Letzt haben wir einfach ein sehr interessantes und vielseitiges Produkt mit gut gefüllter Roadmap anzubieten: Die Menschen hören in den kommenden Monaten also so oder so von Qwant.

Meist gelesen
Ich habe die Datenschutzbestimmungen zur Kenntnis genommen und akzeptiere diese.
stats