Gamescom-Veranstalter Felix Falk "Angela Merkels Besuch ist ein starkes Signal für die ganze Branche"

Sonntag, 20. August 2017
BIU-Geschäftsführer Felix Falk
BIU-Geschäftsführer Felix Falk
© BIU

Die am Dienstag startende Gamescom war wohl noch nie so politisch wie in diesem Jahr. Als Träger der weltweit größten Spielemesse dürfen sich der Bundesverband Interaktive Unterhaltungssoftware (BIU) und dessen Chef Felix Falk erstmals über den Besuch von Angela Merkel freuen. Im Interview mit HORIZONT erläutert Falk, warum der Games-Markt hierzulande zwar boomt, aber von der Politik noch vernachlässigt wird.

Herr Falk, in diesem Jahr stattet Angela Merkel der Gamescom zum ersten Mal einen Besuch ab. Wissen Sie schon, ob Sie mit der Bundeskanzlerin gemeinsam zocken dürfen? Davon gehe ich nicht aus (lacht). Die Kanzlerin ist zwar sehr interessiert an Games und technischen Innovationen, aber ich erwarte nicht von ihr, dass sie sich innerhalb von fünf Minuten in "Street Fighter" einspielt und gegen mich gewinnt. In der kurzen Zeit, die uns vor Ort mit der Kanzlerin bleibt, wollen wir uns auf andere Inhalte konzentrieren, zum Beispiel die Innovationskraft der Games-Branche und ihre Rahmenbedingungen in Deutschland. Ihr Besuch ist darüber hinaus natürlich ein starkes Signal für die ganze Branche und macht deutlich, dass sie mittlerweile wirt-schaftlich und kulturell von großer Bedeutung ist.

Mit ihren 63 Jahren gehört Angela Merkel zu der Altersgruppe, die hierzulande überraschenderweise die größte Gamer-Gruppe stellt, nämlich die Ü50er. Das stimmt. Die Zahl der Gamer in diesem Alterssegment wuchs innerhalb von nur zwölf Monaten um eine halbe Million auf insgesamt 8,7 Millionen Menschen. Die Ü50er sind außerdem die am stärksten wachsende Gruppe und machen schon jetzt etwa ein Viertel aller Gamer in Deutschland aus. Diese Entwicklung wurde natürlich sehr stark beeinflusst vom Smartphone-Boom der vergangenen Jahre. Die Eintrittsbarriere ist bei den oftmals sehr einfach konzipierten mobilen Spielen für ältere Menschen sehr niedrig. Die Jüngeren nutzen dagegen häufiger Konsolen- oder PC-Spiele.

Die Gamescom 2017

Seit 2009 findet die Gamescom in der Regel im August in Köln statt. Im vergangenen Jahr besuchten rund 345000 Menschen aus 97 Ländern die Stände von 877 Ausstellern aus 54 Ländern – mehr als jemals zuvor. Wenn am 22. August wieder für vier Tage die Tore öffnen, rechnen die Veranstalter mit einem erneuten Besucherrekord. Die Gamescom, die in diesem Jahr unter dem Motto „Einfach zusammen spielen“ steht und erstmals von Bundeskanzlerin Angela Merkel eröffnet wird, verdankt ihren Erfolg vor allem ihrem inhaltlichen Konzept: Mit einer Business- sowie Entertainment-Area, der Devcom, dem Gamescom-Kongress und dem Gamescom-City-Festival vernetzt die Messe Publisher, Konsumenten, Handel und Entwickler. Partnerland in diesem Jahr ist Kanada.

Werden denn auch Werbungtreibende auf die Ü50-Gamer aufmerksam? Ob sie auf diese bestimmte Altersgruppe aufmerksam werden, kann ich Ihnen nicht sagen, wohl aber, dass sie immer häufiger auf das Games-Umfeld im Allgemeinen setzen. Im E-Sport bemerken beispielsweise zahlreiche Unternehmen wie Audi, Vodafone und Wüstenrot, dass sie dort bestimmte Zielgruppen viel besser erreichen können als über traditionelle Kanäle wie Fernsehen und Print. Auf der diesjährigen Gamescom findet deshalb auch der Sportbusiness-Kongress statt, der sich damit beschäftigt, die werbungtreibende Industrie mit dem E-Sport zu vernetzen.

Warum sollten Marken überhaupt in den Gaming-Bereich einsteigen? Schauen wir uns das Beispiel Wüstenrot an. Die Marketingmanager müssen sich die Frage stellen, wie sie diejenigen erreichen können, die einen Bausparvertrag abschließen möchten. Sind klassisches Fernsehen und Printwerbung dabei noch die richtigen Instrumente? Ich vermute eher nicht. Diese Zielgruppen tummeln sich im Netz, und dort ist gerade ein so hochwertiges Umfeld wie E-Sports – mit Millionen Zuschauern, hohen Preisgeldern und viel Spannung – eine attraktive Alternative für Werbungtreibende.

Zurück zur Gamescom: Die Messe wächst stetig, im vergangenen Jahr kamen 345000 Besucher aus 97 Ländern. Wie viele erwarten Sie in diesem Jahr? Genaue Zahlen kann ich Ihnen natürlich noch nicht geben, aber alle Signale deuten darauf hin, dass es die größte Gamescom aller Zeiten wird – allein, wenn wir die Ausstellungsfläche betrachten. Erstmals werden wir, mehr als 200.000 Quadratmeter Fläche besetzen, dementsprechend hoffen wir, auch mehr Aussteller und Besucher zu verzeichnen. Wir wachsen also an allen Ecken und Enden. Wir sprechen bei der Gamescom übrigens nicht von einer Messe, sondern von einem Event, weil dort nicht nur die kleinen und großen Spiele-Neuheiten von den Besuchern ausprobiert werden, sondern auch, weil kulturelle Games-Themen wie der japanische Verkleidungstrend Cosplay erlebbar werden. Zudem findet die Entwicklerkonferenz Devcom erstmals auf der Gamescom statt.

Felix Falk und der BIU

Felix Falk hat im Januar den Posten als Geschäftsführer des Bundesverbands Interaktive Unterhaltungssoftware (BIU) angetreten und damit Maximilian Schenk abgelöst. Der 38-Jährige kam von der Berliner Altersfreigabe-Stelle USK, wo er unter anderem für die Alterskennzeichnung von Computerspielen verantwortlich war. Davor leitete er fünf Jahre lang ein Abgeordnetenbüro im Deutschen Bundestag. Sein neuer Arbeitgeber, der BIU, ist der Verband der deutschen Games-Branche und besitzt die Markenrechte an der Gamescom, der weltweit größten Spielemesse in Köln. Der Verband veranstaltet das Event gemeinsam mit der Koelnmesse.

Die Veranstaltung wird also immer größer. Muss sich die Koelnmesse als Veranstalter Sorgen machen, dass sie das irgendwann nicht mehr stemmen kann? Das sehe ich nicht. Es geht uns ja auch nicht in erster Linie nur um das reine Flächenwachstum, sondern um das qualitative Wachstum. Deshalb haben wir in diesem Jahr einen neuen Digital Hub eingerichtet, über den die Nutzer die Gamescom auch von zu Hause im Internet verfolgen können. Damit versuchen wir die Reichweiten qualitativ zu erhöhen, ohne dass wir die Fläche ins Unendliche wachsen lassen.

Ärgert es Sie eigentlich, dass die wichtigste Konkurrenzveranstaltung, die E3 in Los Angeles, viel weniger Besucher hat als die Gamescom, aber oftmals eine größere Strahlkraft genießt? Das würde ich nicht sagen. Ich sehe die E3 eher als Ergänzung statt als Konkurrenzveranstaltung, denn die Ausrichtungen der beiden Events sind verschieden. Auf der E3 nutzen vor allem Unternehmen mit Sitz in den USA die große Bühne, um ihre Neuheiten anzukündigen. Auf der Gamescom dagegen können die Spieler diese Neuheiten dann selbst ausprobieren. Deshalb positioniert sich die E3 auch als Fachmesse, während wir die Gamescom vor allem für die Konsumenten attraktiv machen wollen. Wir kommen uns also relativ selten in die Quere.

Sie haben für die Gamescom in diesem Jahr das Leitthema „Einfach zusammen spielen“ gewählt. Was hat es damit auf sich? Hinter diesem Leitthema verbirgt sich in erster Linie die Erkenntnis, dass Spiele das sozialste Medium unserer Zeit sind. Wir beobachten beispielsweise, dass sich Gamer immer häufiger online sowie offline verabreden, um dann gemeinsam zu zocken. Ein gutes Beispiel für diese Entwicklung ist das neue Sony-System Playlink: Es erlaubt den Spielern, sich mit ihrem Smartphone über eine Konsole mit den Freunden im selben Raum zu verbinden. Dieser Gemeinschaftscharakter wird auf der Gamescom sehr deutlich sichtbar durch Formate, die gemeinsames Spielen in den Vordergrund rücken – zum Beispiel unsere 5000 Quadratmeter große E-Sports-Arena.

Apropos E-Sports: Immer noch ein Trend oder in der Mitte der Gesellschaft angekommen? Der Sport selbst ist angesichts seiner Größe kaum mehr als Trend zu bezeichnen, sondern hat sich tatsächlich gesellschaftlich etabliert. Wir beobachten in Zusammenhang mit E-Sports jedoch einen anderen Trend: die Professionalisierung. Große Unternehmen wie Audi und Vodafone werden auf dieses Thema aufmerksam, ebenso wie die Politik, die E-Sports anerkennt und sich in Wahlprogrammen für dessen Stärkung einsetzt.

Xbox One X
Bild: Screenshot Youtube

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Neben Streaming-Plattformen wie Twitch und Youtube übertragen mittlerweile auch klassische TV-Sender wie Sport 1 E-Sports-Events. Braucht der E-Sport das klassische TV oder braucht das klassische TV den E-Sport? Ich würde sagen, dass es sich um eine Win-win-Situation handelt. Vor allem das klassische TV profitiert von den Übertragungen, weil es dadurch Zielgruppen erreichen kann, die eben nicht auf Twitch unterwegs sind, dennoch aber Interesse an dem Sport zeigen. Wir erleben eine solche Win-win-Situation übrigens auch, wenn klassische Sportvereine und E-Sports-Vereine stärker miteinander in Kontakt treten und voneinander lernen. Wenn dem Fußballverein die Spieler wegbrechen, weil sich deren Interessen im Alter von 14 Jahren verschieben, dann kann eine Kombination aus Gaming und realem Fußballspielen für den Club sehr hilfreich sein.

Schauen wir uns mal den Gesamtmarkt für PC- und Videospiele sowie Gaming-Hardware an. Der ist 2016 konstant auf 2,9 Milliarden Euro verblieben. Das passt nicht in das Bild eines boomenden Marktes. Im Gesamtmarkt haben wir in diesem Jahr tatsächlich eine Stagnation beobachtet. Das liegt vor allem daran, dass der Umsatz mit Gaming-Hardware gesunken ist, weil die Durchschnittspreise der Modelle nach mehreren Jahren auf dem Markt gesunken sind. Je länger eine Konsolengeneration auf dem Markt ist, desto eher gehen die Preise runter. Von den überarbeiteten und neuen Modellen wie der Playstation 4 Pro, Nintendo Switch und Xbox One X erwarten wir aber wieder einen Wachstumsimpuls für den gesamten Markt.

Eine weitere Zahl, die nicht ins Bild passen will: Die Anzahl der Beschäftigten in der deutschen Gamesbranche sank im vergangenen Jahr um 13 Prozent. Deutschland ist einer der weltweit größten Absatzmärkte für Spiele. Wir konsumieren also viele Games. Aber wir haben ein Problem: Wir produzieren sie zu selten – und das hat zuletzt Arbeitsplätze gekostet. Nur 6,5 Prozent des Umsatzes werden hierzulande mit deutschen Entwicklungen gemacht. Die großen Studios sitzen eher in Ländern wie Kanada, Frankreich, England, Polen und den USA. Denn diese Staaten unterstützen ihre Games-Branche mittels Entwicklungsförderungen, die wir hierzulande leider vermissen. Deshalb setzen wir uns als Verband auch für dieses Thema ein. Wir müssen eine Chance erhalten, mit unseren Spielen wieder präsenter auf dem Weltmarkt zu sein. Eine Entwicklungsförderung ist dafür dringend notwendig.

Das können Sie ja in wenigen Tagen der Kanzlerin im direkten Gespräch sagen. Das werde ich auf jeden Fall machen. Es ist für Spieleentwickler hierzulande schlichtweg unmöglich, über drei Jahre hinweg mit über 200 Mitarbeitern an einem Spiel für über 100 Millionen Euro zu tüfteln. Dafür ist das finanzielle Risiko einfach viel zu groß. Das hat die Politik leider noch nicht realisiert.

Interview: Giuseppe Rondinella

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