"Amazon traue ich nicht" Mozilla-Chef Mark Surman über die Schattenseiten des IoT

Dienstag, 16. Mai 2017
Mozilla-Chef Mark Surman
Mozilla-Chef Mark Surman
Foto: re:publica/Gregor Fischer

Immer mehr Alltagsgegenstände wie Lampen, Uhren und sogar Kleidung werden mit dem Internet verbunden und sammeln private Daten der Nutzer. Mozilla-Chef Mark Surman ist diese Entwicklung ein Dorn im Auge. Im Interview mit HORIZONT Online appelliert der 49-Jährige an die Onlinegemeinde, die zentralen Werte des Internets zu schützen und erzählt, warum er sich niemals ein Amazon-Echo-Gerät in die eigenen vier Wände stellen würde. 

Herr Surman, Sie fordern ethische Standards wie Gleichheit und Inklusion für das Internet. Warum? Weil sich unsere Gesellschaft derzeit an einem Wendepunkt befindet. Das Internet findet rasend schnell Einzug in immer mehr Geräte in unserem Haushalt, sodass jeder Mensch  – da bin ich mir sicher – in drei Jahren durchschnittlich zehn internetfähige Gegenstände besitzen wird. Der eine mehr, der andere weniger. In einem solchen Zeitalter, in dem das Internet allgegenwärtig ist, müssen wir innehalten und uns fragen: "Was sind die ethischen Standards?" Wie sie konkret formuliert sein sollten, weiß ich nicht. Aber ich weiß, dass wir uns darüber unterhalten müssen, wie unsere digitale Gesellschaft aussehen soll.

In ihrem Vortrag auf der re:publica sprachen Sie von einer "ernsthaften Diskussion" und keiner "Cocktailparty-mäßigen Unterhaltung". Korrekt. Denken Sie doch nur mal an die 60er Jahre zurück. Damals gab es noch kein Konzept dafür, wie man dem Problem der Umweltverschmutzung Herr werden könnte. Es gab zwar die ein oder anderen Unterhaltungen darüber und ein paar Parks, aber kein ausgereiftes Konzept. Dann veröffentlichte die Biologin Rachel Carson das Buch "Silent Spring", in dem sie die Auswirkungen eines rigorosen Pestizid-Einsatzes auf Ökosysteme thematisierte. Und plötzlich formieren sich Gruppen wie Greenpeace und starten eine ernsthafte Diskussion über das Thema. Greenpeace kannte sicherlich nicht alle Antworten für das Problem, aber sie wussten, dass man darüber reden muss.
Mark Surman
Bild: re:publica/Gregor Fischer

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Befinden wir uns derzeit wieder in einer solchen Situation? Davon bin ich fest überzeugt. Das ist übertragbar auf die derzeitige digitale Gesellschaft. Das Internet beeinflusst alles um uns herum, angefangen von der Wirtschaft bis hin zu unseren Beziehungen. Ähnlich wie die Umweltaktivisten in den 60er Jahren wissen auch wir noch nicht alle Antworten für das Problem. Deshalb müssen wir nun beginnen, darüber zu sprechen.

Wie soll das konkret von statten gehen? Ich denke, wir sollten uns an die Anfangszeiten des Internets zurückbesinnen. Die Geschichte des Internets basiert im Wesentlichen auf den Werten Offenheit, Transparenz, Sicherheit und Privatheit sowie auf einem dezentralen Modell der Technologie und den Machtstrukturen. Diese fundamentalen Werte und Strukturen werden heutzutage mehr denn je angegriffen – und es liegt an uns, sie zu schützen. Wir leben leider in einer Welt, in der immer häufiger Intoleranz und Nationalismus vorherrscht.

Ist das ein Thema, das bereits seit vielen Jahren auf Ihrer Agenda steht oder ist es erst in den letzten Monaten relevant geworden? Viele Menschen, die das Internet mit aufgebaut haben, gingen damals davon aus, dass die vernetzte Welt nur Gutes und viele positive Möglichkeiten für die Menschheit bereithalten würde. 1996 verkündete etwa John Perry Barlow auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos die "Decleration of Independance in Cyberspace", in der er die Gesellschaft dazu auffordert, eine digitale Welt zu erschaffen, die offen für alle ist, unabhängig von der Rasse, der Sexualität und der Meinung. Das Thema an sich ist also keineswegs neu, sondern eher alt. Was wir jedoch in den vergangenen sechs Monaten beobachten können: Die zentralen Werte wie Offenheit und Zugänglichkeit werden von vielen Seiten angegriffen – und zuletzt sogar sehr stark aus politischen Gründen ausgenutzt.

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Würden Sie sich als Philanthropen bezeichnen? Nicht wirklich. Ich würde mich eher als Aktivisten bezeichnen.

Sollten wir alle aktivistischer werden? Das wäre nicht schlecht. Denn in den 60er Jahren waren es schließlich auch Aktivisten, die aus einem kleinen Thema eine globale Bewegung gemacht haben, die heute Regierungen und Industrien beeinflusst. Diese Bewegung brauchen wir auch für das Internet. Dabei sollten wir nicht nur Ansprüche stellen, sondern aktiv an der Zukunft des World Wide Webs arbeiten. Ich beziehe mich bei diesem Thema immer gerne auf die sogenannte Hackerethik.

Können Sie das erläutern? Hacker haben gemeinsame ethische Werte. Das Grundprinzip: Fordere nicht die Welt, die du gerne hättest. Mache die Welt selbst zu der, die du gerne haben möchtest. Hacker bedienen sich dabei der Ressourcen, die ihnen zur Verfügung stehen und erschaffen daraus etwas Neues. Das ist die ursprüngliche Bedeutung des Hacker-Begriffs. Heute ist dieser Begriff leider negativ konnotiert.

Sie machen in Ihren Vorträgen auf die explosionsartige Verbreitung von "Internet-of-Things"-Geräten aufmerksam – und die damit verbundenen Datenschutzrisiken. Der neue Amazon-Lautsprecher Echo Look muss für Sie ja ein teuflisches Gadget sein. Natürlich gibt es die einen, die darin ein Horror-Szenario der totalen Überwachung sehen. Es gibt aber auch andere, die in solchen Gadgets viele Potenziale erkennen. Der Grundgedanke des Internets ist ja immerhin, unsere Möglichkeiten zu erweitern oder Kreativität zu steigern. Es gibt also – wie so häufig – auch in der IoT-Branche zwei Seiten der Medaille.
„Ich würde mir gerne ein Echo-Look-ähnliches Gerät anschaffen, dem ich auch tatsächlich trauen kann. Amazon traue ich nicht. Das Unternehmen hat schlichtweg kein Interesse daran, Produkte zu bauen, die mir die volle Kontrolle über meine privaten Daten ermöglichen.“
Mark Surman, Mozilla
Würden Sie sich einen Echo Look kaufen? Ich würde mir gerne ein Echo-Look-ähnliches Gerät anschaffen, dem ich auch tatsächlich trauen kann. Amazon traue ich nicht. Das Unternehmen hat schlichtweg kein Interesse daran, Produkte zu bauen, die mir die volle Kontrolle über meine privaten Daten ermöglichen. Deshalb habe ich auch Siri auf meinem iPhone abgeschaltet und die eingebaute Kamera in meinem Laptop abgeklebt.

Mozilla hat seinen Sitz im Silicon Valley, ist also Teil dieses einflussreichen Tech-Ökosystems. Ist Mozilla also auch Teil des Problems, das Sie beschreiben? Mozilla ist zwar im Silicon Valley verwurzelt, aber mittlerweile so etwas wie eine globale Bewegung. Das ist vielen leider gar nicht bewusst, aber für uns sind Zehntausende Freiwillige in über 90 Ländern aktiv, wir haben Büros überall auf der Welt wie in Taiwan und Neuseeland. Wir versuchen, uns nicht so sehr auf das Silicon Valley zu fokussieren, sondern darauf, durch unsere weltweite Präsenz eine globale Bewegung mitgestalten zu können. Mit dem Ziel, ein humaneres Internet zu erschaffen. Wenn alle relevanten Entscheidungen bezüglich des Internets im Silicon Valley getroffen werden, sehe ich schwarz. Das beste was wir machen können: Überall auf der Welt Innovationen ermöglichen. Und das ist eine Aufgabe, der sich Mozilla und ich mich persönlich verpflichtet fühle.

Interview: Giuseppe Rondinella

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