Jürgen Seitz, HDM

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Wie gefährlich ist Amazon Echo? "Technik bedroht kein Seelenheil!"

Donnerstag, 19. Januar 2017
Wenn zwei kluge Köpfe aufeinandertreffen und gänzlich konträrer Meinung sind - dann kann eine Diskussion entstehen, die auch für Marketing- und Medienprofis interessant und erkenntnisreich ist.

Darf man sein Kind schon in jungen Jahren mit Produkten wie dem Smart Assistant Amazon Echo interagieren lassen? Für Bestseller-Autor Richard David Precht steht fest: "Nein!!" Entsetzt reagierte er in seiner Rede auf dem Deutschen Medienkongress auf Jürgen Seitz, Professor an der Hochschule für Medien in Stuttgart, der in einem Vortrag demonstrierte, wie sein kleiner Sohn quasi-emotional mit Amazons Echo und seinem Sprachassistenten Alexa umgeht. Die Verkürzung der Sprache auf Frage/Antwort (Alexa reagiert nur auf Befehle) führe zur Kommunikationsunfähigkeit. Precht: "Da hätte ich ja fast den Kinderschutzbund angerufen!" 
Jetzt reagiert Seitz mit einem Offenen Brief, den wir im Folgenden publizieren, auf seinen Kritiker.

Offener Brief an Richard David Precht 

Lieber Herr Kollege Precht,

auf dem Deutschen Medienkongress hatte ich vor wenigen Tagen die Kommunikations-Versuche meines Sohnes mit Amazons Echo Alexa geschildert, was Sie zu dem witzigen Kommentar veranlasste, Sie hätten fast den Kinderschutzbund angerufen. Das war sehr hilfreich, hat es doch die Diskussion belebt und die Teilnehmer zum Nachdenken angeregt, was ja unser beider Ziel bei dieser Veranstaltung war.
Richard David Precht
© Getty Images / Maja Hitij

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Sie befinden sich mit Ihrer Mahnung vor den Nebenwirkungen menschlichen Erfindungsgeistes in guter Gesellschaft. Hat doch schon Ihr Kollege Platon die Erfindung der Schrift gegeißelt und vor der schlechten Sitte des Schreibens gewarnt, weil es das Gedächtnis verschlechtert. Hätten die damals nur auf ihn gehört, dann hätten wir heute auch nicht die Last mit Twitter und Facebook. Haben sie aber nicht, und jetzt sind wir da, wo wir sind und müssen mit diesem ganzen Teufelszeug, das die Ingenieure mit Unterstützung des internationalen Finanzkapitals in diese Welt gebracht haben, fertig werden.

Und das muss auch mein Sohn, in einer zunehmend von technischen Artefakten besiedelten Umgebung.

Es gab wohl keine technische Innovation, von der Eisenbahn über das Wasserklosett zur Büroklammer, die von technophoben Intellektuellen nicht als Vorboten großen Übels beklagt wurde. Auch was die Medien angeht, ist das Thema nicht neu, denn eine ganze Generation pädagogisch bewusster Eltern hat vergeblich versucht, ihren Nachwuchs vor den schädlichen Auswirkungen des Fernsehens zu bewahren.

Das hat nicht gefruchtet. Ganz im Gegenteil hat sich sogar die von Eltern wohlmeinend erzwungene TV-Abstinenz oft als so sinnvoll erwiesen wie die etwa zur selben Zeit populäre supersterile Baby-Ernährung. Ein nicht trainiertes Immunsystem ist das Letzte, was Sie sich für ein Kind wünschen. Es sei denn, Sie sind in der Lage, alle Bakterien und Viren aus der Welt zu schaffen. Das geht im Prinzip auch, ist aber noch schwieriger als durch pädagogische Intervention den neuen Menschen zu schaffen, von dem die Humboldt-Brüder geträumt haben, die wir beide so schätzen.

Und da ich das eine nicht kann und mich auf das andere nicht verlassen will, darf mein Sohn seinen Spaß daran haben, gelegentlich mit der virtuellen Alexa zu reden und sich auf den Umgang mit dem Bösen vorzubereiten.

Da das weniger als 0,1 % seines täglichen Kommunikationsaufkommens ausmacht, ist die Android-Kontaminierungsgefahr noch überschaubar. Und da er ein äußerst pfiffiges und sozial kompetentes Kerlchen ist, wird er schnell dahinter kommen, was es mit der elektrischen Dame Alexa auf sich hat. Also, von der Technik sehen wir sein Seelenheil wirklich nicht bedroht. Mehr Kopfzerbrechen bereitet uns allerdings die Frage, wie gut es ihm gelingen wird, die unkontrolliert und wohlfeil verbreiteten Artefakte der Kategorie Ideologie zu durchschauen.

Vor allem die aus der Rubrik "Zeitgeist“ und „Technophobie“.

Sollte Sie das noch nicht überzeugt haben, laden meine Frau und ich Sie ein, sich vor Ort von der Harmlosigkeit des Vergnügens zu überzeugen, gerne auch in Begleitung eines Experten des Kinderschutzbundes. Bei der Gelegenheit könnten Sie meinem Sohn vielleicht auch paar Hinweise geben, wie man dem wirklichen Problem begegnet.
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