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17.01.2013
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Spießer Alfons
Haariger Teppich aus dem Werbeplunderland

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Handgranate? Kalorienbombe? Oder beides? 

Handgranate? Kalorienbombe? Oder beides?

Schokolade ist in vielfacher Form im Angebot, von der klassischen Tafel bis hin zu hohlen Figuren und kunstvoll gefertigten Pralinen. Letztere gelten als die Krönung der Schokolade, die vom Chocolatier gemacht werden beziehungsweise vom Konditor. Und was die Haare bei Guhl sind, das ist die Schokolade bei Lindt: viel zu dick aufgetragen – siehe die Anzeige!
Was ist das dort für ein Riesengebilde mit Stiel und ohne Stil? Dieses braune Ding soll all unsere Sinne berühren, wie es uns der Textdichter verheißt? Spießers Meinung: Gegen eine solche Kalorienbombe sieht doch jeder nackte Schokoriegel sehr viel sinnlicher aus!
Warum haben die Lindt-Werber immer noch nicht begriffen, dass es nicht das nackte Produkt ist, das überdimensional gezeigt werden muss, um die Konsumenten zu verführen, sondern dass es vielmehr die Wirkung sein sollte, die von so einer Praline ausgeht, also die Berührung der Sinne des Konsumenten durch die Schokoladenkunst. Und diese Situation gilt es darzustellen in Wort und Bild.

Und niedriger Blutdruck ist zum Kotzen! 

Und niedriger Blutdruck ist zum Kotzen!

Apropos Schokolade:
Es ist schon gut fünf Jahre her, als „Hörzu“ einen Schokoladenmund in einer Anzeige präsentiert hat mit der Headline: „Qualität ist niedriger Blutdruck.“ Und im Kleingedruckten lautete die Botschaft dann weiter: „Eine Forschungsgruppe hat in einer aufwendigen Metaanalyse entdeckt, wie wichtig es ist, sich für das Beste zu entscheiden: Schokolade senkt den Blutdruck ebenso effektiv wie ein Antihypertonikum – aber nur, wenn sie aus erstklassigem Kakao hergestellt ist.“
Und deshalb soll man – gemäß der Abbildung – die Schokolade in flüssiger Form zu sich nehmen, und zwar so viel, bis man den Hals voll gekriegt hat und die braune Soße wieder aus dem Munde herausläuft. Womit die Programmzeitschrift zur Schlussfolgerung kam: „Irgendwann nimmt man nicht mehr irgendwas.“

Keine Schokolade? Was ist es dann ...? 

Keine Schokolade? Was ist es dann ...?

Begriffen hatte der Spießer die bildliche Metapher damals nicht so ganz. Und später kam dann auch noch Axe und verwirrte den Anzeigenleser vollständig, denn die Werber zeigten eine Spraydose mit Biss und schrieben daneben: „Unwiderstehlich wie Schokolade“ – siehe die Abbildung!
Das war recht wundersam, denn wenn es keine Schokolade war, was war es dann, das so unwiderstehlich gewesen ist, sodass die junge Frau in die Kappe der Dose gebissen hat, was einen braunen Brei auf ihren Lippen hinterlassen hat ...?

Entdecken Sie das Spekulationsnutellaglück! 

Entdecken Sie das Spekulationsnutellaglück!

Und nun werden wir aktuell aufgeklärt. Von Rewe, wo der Kunde „besser leben“ kann, wie es uns im Claim der Supermarktkette vorgegaukelt wird. Auch hier sollen wir wieder etwas entdecken, und zwar „das Spekulatius-Glück“, was ein „süßer Brotaufstrich mit Spekulatiusnote“ ist, also aus einer Aromafabrik stammt. Und indem wir dieses Glück entdeckt haben, machen wir eine erneute Entdeckung, nämlich: Wieder hat die Konsumentin im Werbebild eine braune Soße am Mundwinkel hängen. Spießige Frage: War der Blutdruck zu hoch ...?

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