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12.09.2012
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Spießer Alfons
Wie Werbegestalter schöner wohnen wollen

Wenn Werbung etwas verspricht, was das Produkt nicht hält, dann ist der Kunde enttäuscht. Oder er ist so verblüfft wie der spießige Kunde Alfons!

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12.09.2012

Der Tisch ist ungewöhnlich, in der Tat. Was steht dazu in „Schöner Wohnen“...? 

Der Tisch ist ungewöhnlich, in der Tat. Was steht dazu in „Schöner Wohnen“...?

Der Gattungsbegriff für Wohnzeitschriften ist „Schöner Wohnen“, nach werblicher Aussage von „Europas größtem Wohnmagazin“. Seit nunmehr 52 Jahren gibt es „Schöner Wohnen“ am Kiosk, und genauso lange ist die Redaktion bestrebt, ihren Lesern aufzuzeigen, wie man schöner wohnen kann – wenn man es kann, nämlich bezahlen. Und wie kreieren die Redakteure von „Schöner Wohnen“ neue Ideen fürs Wohnen? Klar, sie schöpfen aus dem Fundus der Möbelindustrie. Was meint: Nicht die Redaktion des Blattes hat die Ideen für neue Einrichtungsgegenstände, sondern das Mobiliar wird dem Verlag quasi frei Haus angeliefert von den Herstellern. Aufgabe der Redaktion ist es, all das, was in den Möbelmärkten herumsteht, in eine attraktive räumliche Gestaltung zu bringen.
„Schöner Wohnen“ informiert über Trends im Bereich von Einrichtung und Dekoration, nennt die Hersteller und Preise und bringt dazu Reportagen, Interviews et cetera.
Der Spießer sah eine Anzeige für das aktuelle September-Heft. Überschrieben ist das Inserat mit den Worten: „Veränderungen beginnen im Kopf. Und enden in einem schönen Zuhause.“ Unter dieser Headline ist eine Wohnstube abgebildet, wo es sich offensichtlich um ein Recycling- Thema handelt. Denn der Couchtisch schaut nicht so aus, als käme er aus einem Hülsta-Studio. Das Ding besteht aus alten Bahnschwellen, die man früher schon recycelt hat als Treppenstufen im Garten.
Als der Spießer das Foto in der Werbung gesehen hatte, da dachte er: Wer stellt sich so etwas in seine gute Stube? Abgesehen davon, dass das Staubwischen und Reinigen dieses Tisches nicht ganz einfach erscheint, weiß jeder, dass alte Bahnschwellen beladen sind mit Schadstoffen noch und nöcher, sodass sie Gift sind in geschlossenen Räumen und auch den Kindern nicht guttun.
Neugierig, wie der Spießer ist, hat er sich das neue „Schöner Wohnen“ gekauft, um zu erfahren, ob das dort im Ernst als Tisch gemeint ist, oder ob es sich möglicherweise nur um den gestapelten Brennholzvorrat für einen Kamin handelt.

Hier sehen wir „leichte Einzelmöbel“! 

Hier sehen wir „leichte Einzelmöbel“!

In „Schöner Wohnen“ fand der Spießer das Foto in voller Größe auf der Seite 50 – siehe Abbildung! Dort steht oben links kaum lesbar: „Leichte Einzelmöbel geben dem Wohnbereich skandinavisch sinnliche
Atmosphäre. Die beiden Rattansessel sind vom Trödler.“ Und die Architektin Mareike Olbers, die das gestaltet hat, sagt: „Bei der Möbelsuche halte ich mich an Platon: nicht suchen – finden!“
„Leichte Einzelmöbel“ und „skandinavisch sinnliche Atmosphäre“, so so. Der Werbewitz: Über den Tisch, der in der Werbung so plakativ ins Bild gerückt ist, steht im gesamten Heft von „Schöner Wohnen“ nicht eine einzige Zeile gedruckt. Das hat den Spießer doch ziemlich verblüfft. Weniger weil dieser  Bahnschwellenstapel im Heft nicht kommentiert wird, als vielmehr, dass die Werbegestalterausgerechnet diese Seite – eine von 298 Seiten inkl. Inserate – als Teaser in den Fokus der Werbung gestellt haben, um den Anzeigenleser damit zum Kauf des Heftes zu locken.
Immerhin: Ein Kaminofen ist vorhanden.

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