HORIZONT.NET
15.08.2012
Email   Drucken

Spießer Alfons
Vielseitige Inhalte per Metapher beworben

Häufig scheint es, als ob der Sinn von Werbung im Unsinn liegt. Aber wenn sich der Spießer den Unsinn so anschaut, dann erkennt er darin den Sinn!

Seite 1/2
15.08.2012

Wer sich in Fragen der Wirtschaftswerbung auskennt, der weiß auch um die Gelder, die das zweifelhafte Vergnügen, große Werbung zu treiben, verschlingt. Eine überregionale Kampagne – zum Beispiel auf 18/1-Bogen-Plakat – ist nicht aus dem Portemonnaie zu bezahlen. Da muss zum einen für das Werbemittel gelöhnt werden und zum anderen für den Werbeträger. Und die Werbeagentur arbeitet zwar häufig umsonst, selten jedoch kostenlos.
Demzufolge wird man sich in einem Unternehmen, das Werbung zu treiben gedenkt, ernsthafte Gedanken machen. Beispielsweise, ob eine Werbekampagne für das Produkt überhaupt sinnvoll ist. Und falls ja, dann wird man darüber nachgedacht haben, welches Ziel man durch die Werbung erreichen will und wie hoch der Etat ist, der dafür bereitgestellt werden muss. Und in der Werbeagentur, die für die Kampagne zuständig ist, denkt man darüber nach, welche Werbeträger zum Einsatz gebracht werden sollten und – last but not least – wie die Werbebotschaft kreativ in Szene gesetzt werden soll, um möglichst viele der potenziellen Adressaten anzusprechen und deren Einstellungen und Handlungen gemäß den Vorstellungen des Werbung treibenden Unternehmens zu steuern.
An diese Binsenweisheiten erinnert der Spießer, damit niemand von Euch auf die naheliegende Idee kommen soll, Werbung sei nur l’art pour l’art und werde allein deshalb betrieben, damit Werber nicht auf Hartz IV sitzen müssen und Medien überleben können.

Der Spießer weiß nicht, was der Gestalter geraucht hat, bestimmt aber was Illegales! 

Der Spießer weiß nicht, was der Gestalter geraucht hat, bestimmt aber was Illegales!

Nach voranstehender Einleitung kommt Alfons zu einem Anschlag, der soeben auf die Bürger im Lande verübt worden ist, und zwar per 18/1-Bogen-Plakat. Der Auftraggeber: Altria Group (vormals Philip Morris). Das Produkt: Chesterfield, eine Zigarettenmarke, die James Bond schon anno Tobak geraucht hat, und zwar in „Goldfinger“ zu einer Zeit, als Zigarettenwerbung noch in Zeitungen sowie Zeitschriften erscheinen durfte.
Und nun betrachten wir uns, was auf dem Plakat von Chesterfield in Wort und Bild zum Ausdruck gebracht wird:
Wir erkennen die Zigarettenpackung mit dem Hinweis, dass Rauchen tödlich sein kann. Und die zweite große Botschaft lautet: „Vielseitig. Seit 1896“. Außerdem sehen wir drei fliegende Edelsteine, zwei rote Würfel und ein Schweizer Armeemesser. Letzteres hat zusätzliche Instrumente: eine Zahnbürste mit Zahncreme, einen Einsatz für einen Elektroquirl und eine Saugglocke gegen Verstopfung, die auch Pümpel genannt wird. Dazu noch eine Trompete, einen Drehschreibstift und ein brennendes Feuerzeug. Und ganz oben rechts auf dem Plakat wird dem Ganzen die Krone aufgesetzt.
Somit handelt es sich hier um ein Bilderrätsel, ein sogenanntes Rebus, wo dem Betrachter die Frage gestellt wird: Was wollen uns die Werber damit sagen ...?
Wenn Ihr den Spießer fragt: Die Vielseitigkeit, die Chesterfield angeblich seit 1896 hat, das sind die Zusätze im Tabak, die unter anderem die Abhängigkeit beim Raucher erhöhen sollen. Zusatzstoffe wie Zucker, Soda, Harnstoff, Ammoniak, Menthol, Schellack, Lakritz, Guarkernmehl und diverse Konservierungsmittel. All diese unnötigen Zusätze zum reinen Tabak werden auf dem Plakat natürlich nicht genannt, sondern sie werden symbolisiert, und zwar durch ein vielseitiges
Schweizer Armeemesser mit so kuriosen Teilen wie Zahnbürste, Pümpel, Trompete und Feuerzeug.
Hat hierzu noch jemand eine Frage ...?

[1] [2]

Kommentar(e)

Kommentare

Diskutieren Sie im HORIZONT-Blog mit Spießer Alfons.

Zum Archiv

Die aktuellsten Einträge:

  • Spiesser Alfons, 10. April 2014

    Wenn Reklamemacher die Backen voll nehmen

    Im Jahre 1977 zeigte der „Stern“ auf seinem Cover eine Frau auf einem Fahrrad – wenn Ihr Euch die Abbildung bitte mal anschauen wollt! Bilder solcher Art bezeichnete Alice Schwarzer, Frauenrechtlerin und Herausgeberin des Kampfblatts „Emma“, zu jener Zeit als „Darstellung der Frau als blo- ßes Sexualobjekt“. Mehr

  • Spiesser Alfons, 3. April 2014

    Die Sage aus der Stille unter dem Eis

    Liebe Lesergemeinde, in dieser Woche berichtet der Spießer Euch von einer Sage, die sich wahrhaftig zugetragen haben soll, und zwar in der Wunderwelt der Kosmetik. Es ist also eine Geschichte, die absolut glaubwürdig ist. Mehr

  • Spiesser Alfons, 27. März 2014

    Obi & Jung von Matt never work alone

    In englischen Fußballstadien singen die Fans seit ewiger Zeit einen Song, der den Titel trägt: „You’ll never walk alone“. Das Lied stammt aus einem alten Broadway-Musical von 1945, ist aber schon einige Jahre älter. Mehr

  • Spiesser Alfons, 19. März 2014

    Plagiat: Lieber zu Ende als zu Gericht!

    Es ist rund ein Vierteljahrhundert her, als der Autoverleiher Sixt geworben hat: „Lieber zu Sixt als zu teuer!“ Diese Botschaft erschien zuerst in Telefonbüchern und danach auf Plakaten an Flughäfen. Anschließend auch noch in Printmedien. Mehr

Drucken Email
HORIZONT auf Facebook
Nachrichten
Top-Suchbegriffe der letzten 24h