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05.09.2012
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Spießer Alfons
Kreative TV-Spots – leider unvollendet

Was man in der Kunst genauso antrifft wie in der Werbung, das sind die Gönner. In der Kunst heißen sie Mäzene, in der Werbung: Sponsoren!

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05.09.2012

Eingangs der spießigen Kolumne sei daran erinnert, dass Spießer Alfons die deutsche Werbung in zwei Kategorien einteilt, als diese sind: 1. Empfänger-Werbung, 2. Absender-Werbung. Die Empfänger-Werbung erkennt man daran, dass man sie kennt, wenn man zur Zielgruppe gehört. Absender-Werbung dagegen ist fast ausnahmslos beim Absender bekannt, weil sie vorrangig für diesen gedacht und gemacht worden ist. Nicht selten auch für seine Werbeagentur. Denn den werblichen Nutzen aus der Absender-Werbung haben mitunter allein die kreativen Gestalter aus der Agentur, weil die sich damit auf Werbewettbewerben zeigen und mit Ruhm bekleckern dürfen.

Mercedes A-Klasse: Ein kreativer TV-Spot – doch niemand fordert zum Hingucken auf.

Mercedes A-Klasse: Ein kreativer TV-Spot – doch niemand fordert zum Hingucken auf.

Soeben sind zwei neue TV-Spots on Air gegangen, die in der Branche bejubelt werden: Mercedes und Lufthansa. Zwei kreative Produktionen, die auf den ersten Blick nichts gemeinsam haben, außer dass sie nicht banal sind. Doch obwohl die beiden Spots unterschiedlich sind, sind sie nahezu identisch in ihrer Werbewirkung, und zwar dann, wenn man bei der Ausstrahlung die Augenlider mal für rund 30 Sekunden runterlässt.
Da ist zunächst Mercedes-Benz mit seiner A-Klasse. Der Film ist rasant, charmant und brillant produziert. Oder genauer: fast brillant. Denn die Werbestraße, auf der das Produkt fährt, ist in den Augen des Spießers eine Sackgasse. Der Grund: Dieser Spot aus dem Agenturhaus Jung von Matt stammt aus der Stummfilmzeit. Also aus einer Epoche, als es noch keinen Ton beim Film gab. Der Zelluloidstreifen wurde damals bei seiner Vorführung von einem Pianospieler musikalisch untermalt und die Worte waren in schriftlicher Form eingeblendet. Und genauso ist es auch bei dem Mercedes-Spot, wenn auch die Musik aus den Lautsprechern ertönt.

Dieser TV-Spot von Lufthansa spricht nicht an, weil er keine Ansprache hat.

Dieser TV-Spot von Lufthansa spricht nicht an, weil er keine Ansprache hat.

Nicht anders beim Film der Lufthansa, erdacht und gemacht von Kolle Rebbe: Lustige Situationen, wo Menschen ihr Dasein in ungewöhnlicher Ruhelage verbringen. Es könnte sich um den Spot eines Matratzenfabrikanten handeln. Oder um die Werbung für ein Hotel. Doch die Lösung liegt über den Wolken:
Bei der Lufthansa kann man auch im Fliegen liegen. Allerdings nur in der Business-Class. Dort aber fliegt lediglich ein Bruchteil der Passagiere. Der große Rest – sollte er diesen Spot wahrnehmen – bekommt deutlich vor Augen geführt, bloß ein zweitklassiger Kunde der Lufthansa zu sein, im Volksmund auch
„Holzklasse-Passagier“ genannt. Das jedenfalls wird uns unterschwellig in den skurrilen Bildern mit der Auflösung am Schluss dargebracht.
Warum die Airline so einen Spot gestalten und schalten lässt? Die Hüter des Kranichs werden sich schon etwas dabei gedacht haben. Oder auch nicht.
Zur Musik: Die ist gut, weil passend. Sowohl der Sound bei Mercedes als auch der Song bei Lufthansa. Wie Musik immer gut ist, weil sie unterschwellige Sympathie in den Spot bringt und der Sound zum Branding beiträgt – siehe in diesem Zusammenhang auch die spießige Buch-Empfehlung am Fuße der Seite!

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