HORIZONT.NET
25.07.2012
Email   Drucken

Spießer Alfons
Die Gema singt für Tatort-Komponisten

Das Handwerk zeigte in seiner Werbung, dass wir ohne Handwerker noch in der Steinzeit wären. Und wo wären wir ohne Komponisten ...?

Seite 1/2
25.07.2012

Wer will denn, dass Komponisten vom Tatort fern bleiben sollen ...!? 

Wer will denn, dass Komponisten vom Tatort fern bleiben sollen ...!?

Die Gesellschaft für musikalische Aufführungs- und mechanische Vervielfältigungsrechte, kurz: Gema genannt, macht Werbung, und zwar für ihre Komponisten, die bekanntlich permanent bestohlen werden von Musikpiraten aus aller Herren Ländern. Und eine Partei von Piraten möchte die Notensetzer quasi „entrechten“, will sagen: Die Freibeuter des Internets wollen das Urheberrecht entern und die Gema kentern.
„Ohne Komponisten gäbe es sonntags nicht 8.420.000 Tatorte“, verkündet die Gema in einer Anzeige und klärt den Leser auf: „,Tatort‘, Titellied, komponiert von Gema-Mitglied Klaus Doldinger, 1970.“
Damit will die Gema eigentlich Öl auf die Wogen der Gebühren-Protestanten gießen, tut aber genau das Gegenteil, indem sie das Öl ins Feuer kippt. Denn die Kritiker am System sagen nicht: „Komponisten sind unnötig“, sondern sie sagen: „Wieso hat Herr Doldinger vor 42 Jahren einen Job für eine öffentlich-rechtliche Anstalt ausgeführt, dafür ein Honorar erhalten und bekommt darüber hinaus seit 42 Jahren fortlaufend Nachschläge, obwohl er für die ,Tatort‘-Titelmelodie seit42 Jahren gar nichts mehr getan hat?!“
Vergleichbare Frage: Bekommt der kreative Designer, der das „Tatort“-Logo „komponiert“ hat, auch eine Tantieme für jede Ausstrahlung auf dem Bildschirm und ein Abdruckhonorar in TV-Zeitschriften?
Natürlich könnte die ARD auch eine neue „Tatort“-Titelmelodie (nicht: „Titellied“, wie es fälschlicherweise in der Anzeige heißt) komponieren lassen. Und zwar von einem Komponisten, der kein Mitglied der Gema ist, sodass dieses Werk dann Gema-frei wäre und mit einer einzigen Zahlung für alle Zeiten abgegolten, wie vermutlich auch das „Tatort“-Logo.
Nein, nein, Spießer Alfons, der selber Mitglied der Gema ist, will absolut nichts gegen das bestehende deutsche Urheberrecht sagen, das vielen Komponisten und Textdichtern die Lebensgrundlage beschert. Aber die Anzeige mit dem „Tatort“-Fall ist ziemlich unpassend. Zumal, da der Zuschauer hier nicht vorrangig die Musik von Herrn Doldinger hören will, sondern die Kommissare im Krimi sehen möchte.
(Spießiger Hinweis: Sinnvoller gewesen wäre es, eine Disco abzubilden mit dem Hinweis: „Ohne Komponisten wäre es ziemlich still und einsam hier.“)
Und dann ist da der Claim in der Anzeige, wo die Gema verkündet: „Musik ist uns was wert.“ Eine Feststellung, die vielen Diskotheken-Betreibern, die in Zukunft richtig kräftig für den Sound löhnen sollen, ein wenig seltsam in den Ohren klingen dürfte.
Aber alles halb so schlimm: Die Anzeige richtet sich gar nicht an die „Kunden“ der Gema, sondern an die eigenen Mitglieder, also an Komponisten und Textdichter. Denn der Spießer fand das Inserat in der Mitgliederzeitschrift der Gema. Womit wir erkennen: Hier will die Gema bloß ihrem Aufsichtsratsmitglied Klaus Doldinger den Rücken stärken.

[1] [2]

Kommentar(e)

Kommentare

Diskutieren Sie im HORIZONT-Blog mit Spießer Alfons.

Zum Archiv

Die aktuellsten Einträge:

  • Spiesser Alfons, 17. Juli 2014

    Vernunft neben Unfug: Edeka und Kaufland

    Was passiert, wenn Werbegestalter beim Kreationanieren über das Kuckucksnest fliegen? Dann, liebe Lesergemeinde, entsteht eine Horror Picture Show. Und genau das ist bei Kaufland passiert mit dem Resultat: Der Supermarkt hat einen Film produzieren lassen, der alles andere ist als Werbung für Kaufland. Mehr

  • Spiesser Alfons, 9. Juli 2014

    Die Krönung von Knorr heißt „Zigeuner Sauce“

    Zurzeit läuft eine neue Werbekampagne von Unilever. Genauer: von Knorr. Und noch genauer: Knorr Zigeuner Sauce. Und was den Hersteller so stolz macht, das kommuniziert er auch in Versallettern: „Zur Besten gekrönt!“ Mehr

  • Spiesser Alfons, 3. Juli 2014

    Arbeiten Fielmanns Werber zum Nulltarif?

    Was haben wir unter einem „Nulltarif“ zu verstehen? Ein Nulltarif, liebe Lesergemeinde, ist ein Tarif, für den niemand von uns gern arbeiten würde. Denn ein Nulltarif ist die kostenlose Gewährung von Leistungen, die üblicherweise nicht unentgeltlich sind. Mehr

  • Spiesser Alfons, 26. Juni 2014

    Der ewige Spießer: Zielgruppe für Werbung

    Es gibt vier Arten von Spießern. Der bekannteste Spießer ist die Kurzform von Spießbürger. Und „wer Spießer genannt wird“, so schreibt Magnus Steinbach in seinem Buch „111 Gründe ein Spießer zu sein“, der „kann sicher sein, dass das nicht nett gemeint ist. Ihm werden Engstirnigkeit, Verklemmtheit und gähnende Langeweile vorgeworfen.“ Was natürlich alles Vorurteile sind, die in besagtem Buch Mehr

Drucken Email

Jetzt kostenlos abonnieren!

Der HORIZONT-Newsletter


Die Informationen zum Datenschutz habe ich zur Kenntnis genommen.