05.02.2008
Spiegel: Wer nach Aust kommt
Bösartige Zungen unterstellen seit jeher, dass der HORIZONT-Award für den jeweiligen Medien-Preisträger ein erhebliches Karriererisiko darstellt. Der 2007er-Jahrgang beweist das Gegenteil. Vor drei Wochen wurde Mathias Müller von Blumencron als Medienmann des Jahres 2007 geehrt. Zu diesem Zeitpunkt war er Chefredakteur von Spiegel Online. Das ist ja auch schon was. Nun ist Müller von Blumencron die Treppe nach oben befördert worden. Zusammen mit seinem Kollegen Georg Mascolo - bildet er die Doppelspitze bei Deutschlands ältestem - und wichtigstem - Nachrichtenmagazin.
Stefan Aust ist ab sofort freigestellt. Die Art und Weise, in der Aust kaltgestellt wurde, soll hier nicht weiter erörtert werden. HORIZONT und HORIZONT.NET haben das monatelange Kasperle-Theater an der Brandstwiete in Hamburg minutiös dargestellt und nicht nur Stil, sondern auch inhaltliche Stoßrichtung der Wachablösung bezweifelt.
Das Duo Blumencron/Mascolo tritt in ziemlich große Fußstapfen. 13 Jahre lang führte Aust, wie man hört, ziemlich herrisch den „Spiegel" - durch die Krise der New Economy und die Krise einer Verlagsbranche, die versuchte, Auflagenschwund und Selbstzweifel mit immer neuen Nebengeschäften, Line Extensions und wohlklingenden Internet-Visionen („Content is king") zu kompensieren.
„Content is king" - diese Maxime hat Müller von Blumencron für "Spiegel Online" erfolgreich, weil mit Hang zum Boulevard, umgesetzt. Für die inhaltliche Ausrichtung des „Spiegel" kann eine weitere Boulevardisierung kein Leitfaden sein. Schon Aust wurde ja vorgeworfen, dass er die klare politische Ausrichtung zugunsten eines seichten Grundrauschens aufgegeben hätte. Der Auflage hat dies freilich nicht geschadet - im Gegenteil. Das "Sturmgeschütz der Demokratie" hat sich auch als "Bollwerk gegen Auflagenschwund" erwiesen.
Blumencron/Mascolo müssen nun zeigen, dass auch sie in der Lage sind, den Spagat zwischen politischem Anspruch und Leserbedürfnis nach Zerstreuung gerecht zu werden - ein schwieriges Unterfangen, ist doch der "Sensationsjournalismus" überall auf dem Vormarsch, wie der "Spiegel" in seiner aktuellen Ausgabe konstatiert.
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