HORIZONT.NET HORIZONTJobs HORIZONTstats
HORIZONT.NET
von Jürgen Scharrer,
Chefredakteur

Kommentar: Ein Zeichen von Schwäche


Kompliment für die gelungene Kommunikationsarbeit im Hause Holtzbrinck. Als über spiegel.de die spektakuläre Meldung lief, Dieter von Holtzbrinck, 67, kaufe von der Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck das „Handelsblatt", die „Wirtschaftswoche", den „Tagesspiegel" und auch noch 50 Prozent an der „Zeit", wird in der Stuttgarter Zentrale keine Hektik ausgebrochen sein. Man musste nur kurz auf den Knopf drücken und auf „handelsblatt.com" erschien ein längst vorbereitetes und fein abgezirkeltes Interview mit den beiden Holtzbrinck-Brüdern Dieter und Stefan, geführt von „Handelsblatt"-Chefredakteur Bernd Ziesemer höchstpersönlich.
 
Doch Ruhe an der Front dürfte trotz des über die Maßen harmonischen Interviews und der perfekt inszenierten Sprachregelung nicht aufkommen. Im Gegenteil: Ab sofort sind alle Spekulationen gerechtfertigt, ob, wann und an wen die Stuttgarter nun auch noch ihre lukrativen Regionalzeitungen verkaufen werden.
Zunächst stellt sich aber die Frage, warum sich Holtzbrinck von „Handelsblatt" & Co trennt. Es gibt zwei mögliche Erklärungen - und beide sind nicht besonders schmeichelhaft. Erklärung eins: Stefan von Holtzbrinck braucht das Geld, wobei es genau genommen darum geht, Bruder Dieter nach dem Deal nicht mehr die vereinbarten angeblich 30 Millionen Euro jährlich zahlen zu müssen, die dem vertraglich zustehen. Erklärung zwei: Die Stuttgarter haben den Mut verloren, das Printgeschäft erfolgreich zu managen. Und das ist deswegen besonders bitter, weil es sich bei „Handelsblatt" und der „Wirtschaftswoche" um echte Perlen in der deutschen Medienlandschaft handelt. Wenn selbst die nicht erfolgreich zu führen sind, welche Titel sind es dann? Hinzu kommt: Seit Monaten zerbrechen sich die Manager in Düsseldorf bei der Verlagsgruppe Handelsblatt mit Hilfe von hochdotierten Unternehmensberatern den Kopf darüber, wie man die Blätter neu aufstellen kann. Sehr begeistert scheinen die Herren in Stuttgart von den Ergebnissen nicht gewesen zu sein.
 
Seit Monaten rumort es im Hause Holtzbrinck, vor allem die verdienten Mitarbeiter alten Schlags mosern seit längerem: Stefan von Holtzbrinck und sein Vize Jochen Gutbrod mögen helle Köpfe sein und auch eine Menge vom Dealmaking verstehen - von Print haben sie nicht wirklich viel Ahnung. In den vergangenen Jahren haben eine Reihe von Männern den Verlag verlassen - angefangen von Michael Grabner bis zuletzt Harald Wahls - , die als ausgebuffte Profis des Verlagsgeschäfts galten. Ohne Manager solchen Schlags wird es auch schwer mit den Regionalzeitungen.
 
Für Stefan von Holtzbrinck und Gutbrod steigt der Druck nun noch einmal deutlich. Operativ lebte das Verlags bisher ganz überwiegend von den Gewinnen im Printgeschäft, online fällt die Bilanz durchwachsen aus. Zu schaffen machen dürfte den Stuttgartern vor allem, dass für Internetfirmen in der Regel keine tollen Verkaufserlöse mehr zu erzielen sind. Das gilt vor allem für StudiVZ - vor einem Jahr hätte Holtzbrinck für das soziale Netzwerk wohl noch viel Geld bekommen. Doch diese Chance wurde verpasst.Auch was die zukünftige Internetstrategie betrifft, dürfte es schwierig werden. Schließlich ist es nicht von Nachteil, starke Printtitel im Portfolio zu haben, die sich dann erfolgreich ins Internet verlängern lassen. Aber auch an diese Vision scheint man in Stuttgart nicht mehr zu glauben. js
Twitter Facebook Google LinkedIn Xing Drucken Email

Kommentar(e)

Kommentare

Mehr zum Thema

Zur Übersicht
Archiv Klartext
Spiesser Alfons
Spiesser Alfons

Das Spießer Alfons-Thema der Woche:
Ist der Verkauf von Träumen legal?

Off the record
offtherecord.jpg
Facebook: Die ausgelutschte Privatsphäre
Facebook tritt dem Branchenverband Bitkom bei, eine App namens Lollipop zeigt als Halloween-Scherz wie unsere Daten ausgelutscht werden können. Eine gute Gelegenheit für eine Timeline, die das Schwinden der Privatsphäre bei Facebook aufzeigt. weiterlesen

Off-the-Record als RSS-Feed
Nachrichten