Neben Admeira, Tamedia/Goldbach, NZZ/AZ So geschäften sechs wackere "Leidgenossen" im Verlagsbusiness

Freitag, 23. Februar 2018
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Wie sich sechs kleine Zeitungsverlage neben Admeira, Tamedia/Goldbach und NZZ/AZ Medien zu behaupten versuchen.

Drei Giganten dominieren neuerdings den Schweizer Medienmarkt: Admeira (Swisscom, SRG, Ringier), das JointVenture NZZ/AZ Medien und Tamedia/Goldbach Group. Zwar ist davon noch nichts in Stein gemeisselt: Bei Admeira erwägt die SRG den Austritt, zudem müssen gerichtlich und politisch noch ein paar Fragen geklärt werden, und die beiden anderen Projekte harren noch der Beurteilung durch die Wettbewerbskommission.

Dennoch – die drei grossen Player breiten sich mit ihren Medienangeboten über die ganz Deutschschweiz, wobei Tamedia/Goldbach und Admeira auch in die Westschweiz und ins Tessin reichen. Wie dominant sie sind, zeigt eine einfache Rechnung: Von rund 40 Tages- und Sonntagszeitungen, die aktuell in der Deutschschweiz existieren, sind drei Viertel im Besitz der drei Grossen oder zumindest vollständig in deren Mantelredaktionen, Produktionsbetriebe und Marketing-Verbünde eingebunden.

Das lokale Geschäft mildert die Verluste im Nationalen

Neben diesem Trio bestehen noch sechs kleinere, aber wirtschaftlich eigenständige Deutschschweizer Medienunternehmen, die die übrigen zehn deutschsprachigen Tageszeitungen heraussgeben. Interessanterweise sind sie alle am geographischen Rand der Deutschschweiz angesiedelt: Somedia in Chur, Mengis Druck und Verlag in Visp, die Freiburger Nachrichten AG  und die GroupeGassmann an der deutsch-französischen Sprachgrenze, die Zeitungshaus AG in Basel und Meier + Cie in Schaffhausen.

Fragt man in disen Medienhäusern nach, wie sie sich im letzten Jahr behauptet haben, klagen fast alle über dasselbe Leid:Im nationalen Werbemarkt haben sie Umsatz verloren, im lokalen Markt dtsgnierte das Geschäft oder man konnte sogar etwas zulegen, ohne allerdings die Verluste im nationalen Markt zu kompensieren. Insofern geht es ihnen allerdings noch besser als den rein nationalen Titeln. Sparen ist dennoch angesagt. In der Folge stellen wir die sechs "Leidgenossen" und ihre Situation kurz vor:

Somedia: Eng mit NZZ/AZ Medien lieert

Der grösste Player ist Somedia, deren „Südostschweiz“-Verbund eine Auflage (75.000 Exemplare) insgesamt acht Titel umfasst, von denen drei zu weiteren Kleinverlagen gehören und einer in rätoromanischer Sprache erscheint. Somedia verlegt auch Zeitschriften, je einen regionalen Radio- und TV-Sender und hat eine Druckerei im Portfolio.

Enge Verbindungen unterhält Somedia zu den AZ Medien, die den redaktionellen Mantel für die gemeinsame samstägliche Ausgabe „Schweiz am Wochenende“ produziert. Radio und TV sind zudem je Mitglied in einem nationalen Werbebkombi, wo NZZ/AZ Medien/NZZ dank ihrer zahlreichen Sender ein grosses Gewicht haben. Und auch das Portal suedostschweiz.ch wird von der NZZ-Digitaltochter Audienzz vermarktet.

An dieser engen Anlehnung an NZZ/AZ Medien will Andrea Masüger nichts ändern, sagt er. Was nicht heisst, dass alles so bleibt. Denn Ende Jahr läuft der „Schweiz am Wochenende“-Vertrag aus, es stehen also Verhandlungen mit NZZ/AZ Medien an. Dabei wird es wohl zu harten Verteildiskussionen kommen. Denn es ist so gut wie sicher, dass das neue Joint Venture NZZ/AZ Medien künftig auch die NZZ-Regionaltitel „Luzerner Zeitung“ und „St. Galler Tagblatt“ in die „Schweiz am Wochenende“ integrieren will.

Kürzlich streckte Somedia zudem ihre Fühler zur „Basler Zeitung“ (BaZ) von SVP-Stratege Christoph Blocher aus: Diskutiert wurde ein redaktioneller Mantel für die beiden Zeitungen, was zweifellos die CHaW-Kooperation obsolet gemacht hätte. Doch nach Leser-Protesten in Chur hat Somedia diese Gespräche vor drei Wochen wieder abgebrochen. Es habe mit der BaZ zu wenig Berühungspunkte gegeben, zudem wolle man „nicht von Politikern abhängig“ sein, sagte Masüger.

Die Linie Basel Visp: Hier dominiert Tamedia

Die Zeitungshaus AG ist der zweitgrösste "Leidgenosse", ihre BaZ verbreitet 46.353 Exemplare. Blochers Blatt lehnt sich seit Jahren intensiv bei Tamedia an und lässt sich von den Zürchern drucken, ist mit diversen Tamedia-Titeln ins Anzeigenkombi „Metropool“ und ins Onlinekombi NewsNet eingebunden. Die BaZ bezieht zudem von Tamedia die Wochenendbeilage „Das Magazin“.

Neuerdings schaut sich aber auch die BaZ nach neuen Partnern um, wie das Beispiel Somedia zeigt (siehe oben). Zudem geht sie in Sachen Druck neue Wege, kündigte sie doch den Vertrag mit Tamedia per April 2018. Anscheinend baut sie (wieder) eine eigene Druckerei auf. Wie sich das lohnen soll, ist unklar. Möglich, dass sie künftig auch die 25 Gratiswochenzeitungen druckt, die Blocher im letzten Sommer gekauft hat. Auf Anfrage beschied jedoch Verlagsleiter, Mitbesitzer und Chefredaktor Markus Somm blos: „Kein Kommentar“.

Ganz anders aufgestellt sind Freiburger Nachrichten AG, Groupe Gassmann und Mengis. Ihnen ist gemeinsam, dass sie derzeit ihre Zeitungen von Tamedia drucken lassen. Ferner arbeiten diese drei „Leidgenossen“ über die Werbekombi „Zeitungspool“ im nationalen Markt zusammen.

Neben der „Freiburger Nachrichten“ (FN, 16.100 Exemplare) verlegt der gleichnamige Verlag auch noch zwei kleine ein- bis zweimal wöchentlich erscheinende Lokalzeitungen ("Anzeiger von Kerzers" und "Der Murtenbieter"). Die FN ihrerseits kooperiert mit Tamedia, von der sie die überregionalen Seiten (Mantel) bezieht. Und mit der Nachbarin „La Liberté“ tauscht sie einzelne Fotos und Artikel aus dem jeweils anderssprachigen Kantonsteil aus. Auch Redaktions- und Abosysteme werden geteilt. Die „La Liberté“-Herausgeberin ist ferner zu 5 Prozent an der FN beteiligt. Eine ähnliche Gegenbeteiligung der FN ist in Diskussion. „Unsere Stärke liegt im Lokalen, dafür setzen wir alle unsere Ressourcen ein. Alles andere dient dieser Strategie“, sagt CEO Gilbert Bühler.

Das zweisprachige Medienhaus Gassmann gibt neben dem „Bieler Tagblatt“ (19.600 Exemplare) auch das „Journal du Jura“ (9000 Exemplare) heraus und betreibt ein RegionalTV und einen Radiosender. Alle vier Medien werden von einer konvergenten Redaktion versorgt. Daneben publiziert Gassmann Zeitschriften und führt eine Druckerei (Bogen-Offset). Über das „Journal du Jura“ ist Gassmann zudem dank Inseratekombis und redaktionellen Kooperationen mit anderen Westschweizer Verlagen verbunden.

Eine neue Situation ergab sich kürzlich bei Mengis, wo die gleichnamige Verlegerfamilie nach 87 Jahren ihre Mehrheit an den Modeunternehmer Fredy Bayard verkauft hat. Was sich dadurch verändert, ist noch offen, eine Anfrage von HORIZONT Swiss blieb unbeantwortet. Zu Mengis gehören neben dem „Walliser Bote“ (20.000 Exemplare) auch eine Gratiswochenzeitung, eine Akzidenz- und Digital-Druckerei, ein Zeitschriftenverlag und eine Beteiligung an einem Walliser Privatradio.

Schaffhauser Nachrichten: Hauptsache unabhängig

Bleibt noch Meier +Cie: Neben der Zeitung „Schaffhauser Nachrichten“ (SN, 19.400 Exemplare) gibt das Medienhaus einige Anzeiger und Magazine heraus, betreibt Radio Munot und das Schaffhauser TV sowie einige Onlineplattformen. Meier + Cie lehnt sich vor allem bei NZZ/AZ Medien an: Die SN lässt man vom „St. Galler Tagblatt“ (NZZ) drucken, von dem das Blatt auch Artikel bezieht. Ferner ist die SN Teil des Werbekombis Cityplus, bei welchem NZZ/AZ-Medien das Sagen haben. Zwei weitere Inseratekombis bestehen mit der „Thurgauer Zeitung“ (NZZ) und dem „Landboten“ (Tamedia). Und selbst über die Landesgrenzen hinweg ist die SN vernetzt – so mit dem „Südkurier“ bezüglich Vermarktung im süddeutschen Werbemarkt.

Alle diese sechs Häuser sind also gut vernetzt. Verbindungen gibt es zu Tamedia und NZZ/AZ Medien, nicht aber zu Admeira.

Was die künftige Strategie angeht, halten sie sich aber bedeckt. Einer aber zeigte immerhin die Grundzüge seiner Überlegungen auf, nämlich SN-Verlagsleiter Stefan Wabel. Gegenüber HORIZONT Swiss hielt er fest: „Wir sind Kooperationen gegenüber sehr offen eingestellt und erachten diese aufgrund der schwierigen Ertragslage und der gleichzeitig rasanten Veränderungen der Technologien im digitalen Bereich als unabdingbar. Oberste Maxime dabei ist aber, dass wir uns mit keiner Kooperation in Abhängigkeiten begeben und es allesamt Verträge sind, welche man wieder auflösen kann. Die Eigenständigkeit und Unabhängigkeit unseres Medienunternehmens muss gewährleistet bleiben.“ – Damit dürfte er auch den meisten anderen "Leidgenossen" aus dem Herzen gesprochen haben. knö

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