Web-Design Web-Brutalism zeigt, was digital perfekt unperfekt ist

Dienstag, 07. November 2017
Unter Brutalistwebsites.com zeigen diverse Beispiele und Kurzinterviews, wofür der Webdesign-Trend steht
Unter Brutalistwebsites.com zeigen diverse Beispiele und Kurzinterviews, wofür der Webdesign-Trend steht
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Der Schweizer Kreative Pascal Deville sammelt auf Brutalistwebsites.com Gegenbeispiele zur digitalen Perfektion. 

Offline sendet der Brutalismus gerade einen Hilferuf – „SOS Brutalismus“ lautet der Titel einer Ausstellung des Deutschen Architekturmuseums in Frankfurt, die ab 8. November zu sehen ist und für die „Rettung der Betonmonster“ plädiert. Die digitale Entsprechung des Architekturstils der 1950er bis 1970er Jahre hat dagegen keine Angst, abgerissen respektive gelöscht zu werden: Online erlebt der Brutalismus vielmehr eine Blüte. Die Washington Post ging im vergangenen Jahr sogar so weit, vom „heißesten Webdesign-Trend des Jahres“ zu sprechen.

„Web-Brutalism ist eine Haltung, keine visuelle Stilrichtung“, sagt Pascal Deville, mit dessen Hilfe der Trend über die Wahrnehmungsschwelle der Öffentlichkeit geschwappt ist. Der Creative Director der Zürcher Agentur Freundliche Grüsse sammelt seit 2014 unter Brutalistwebsites.com Beispiele, die zeigen sollen, was hinter dem aus der Architektur entlehnten Begriff steckt. Laut Wikepedia liegt der Ursprung der Bezeichnung unter anderem im französischen Begriff „béton brut“, der auf ein wesentliches Definitionsmerkmal des Stils verweist, nämlich die Materialsichtigkeit des Baus.

Kleinanzeigen - sonst nichts: Craiglist.com
Kleinanzeigen - sonst nichts: Craiglist.com (Bild: Screenshot)
Im Web sind es eben keine rohen Betonklötze, die für Brutalismus stehen, sondern Webseiten, die „auf den interessanten Inhalt fokussieren“, die „zeigen, wie viel man mit wie wenig gestalten kann“ und die „roh und auch anti-UI sind“, so einige Antworten von Seiten-Betreibern, die Deville immer fragt, warum die eine brutalistische Website haben, wenn er ihre Arbeiten in seine Sammlung aufnimmt. Für Deville selbst sind sie vor allem aber „eine Antwort auf die vielen mehr als perfekten Websites und Social-Media-Auftritte, die heute online sind“. Dank standardisierter Templates und Blog-Vorgaben beispielsweise von Wordpress sei ein glatter, perfekter und schöner Auftritt selbst für Privatpersonen einfach zu erstellen. „Web-Brutalism setzt ein Zeichen gegen diese Perfektion. Die Kunst ist dabei, die Seiten so zu bauen, dass sie nicht perfekt aussehen“, sagt Deville. Er betont zugleich, dass die Seiten alles andere als unprofessionell gemacht sind.

Tatsächlich stecken hinter der Mehrheit der ihm vorgeschlagenen Seiten überwiegend Designer. „Das sind Gestalter, die mit schönen Websites ihr Brot verdienen. Bestimmt 95 Prozent der Vorschläge kommen von Branding- und Design-Profis“, erzählt der Mitgründer von Freundliche Grüsse.

Die Websites, die sie gestalten, sehen ganz unterschiedlich aus: Roh in Reinkultur ist Craiglist. Die Startseite des 1996 im Web gestarteten Kleinanzeigenportals ist auf eine Liste von Links reduziert und auch die Unterseiten bieten gestalterisch wenig mehr als reduzierte Typo und die Grundfarbe Weiß. Craiglist.org ist aber auch das beste Beispiel dafür, dass brutalistische Websites für kommerzielle Angebote stehen können. Das Unternehmen betreibt aktuell mehr als 700 lokale Auftritte in 70 Ländern, die für über 50 Milliarden Page-Views monatlich und 80 Millionen Kleinanzeigen stehen. 2016 hat Craiglist.org 694 Millionen US-Dollar Umsatz erzielt – mit 50 Mitarbeitern!

Die konservative Nachrichtenseite Drudgereport.com
Die konservative Nachrichtenseite Drudgereport.com (Bild: Screenshot)
In Devilles Sammlung sind allerdings größtenteils kleinere Websites zu finden: Sie reichen von der Firmenwebsite eines Architekturbüros über das Manifest einer Gruppe von Designern zum Thema Ethik und den Katalog eines Typo-Designers bis hin zur Website der Vitra-Work-Hackathons und den Medien-Portalen Bloomberg.com und Drudgereport.com. Die Webdesigner gestalten die Auftritte dabei vor allem reduziert: Animationen sind selten, die Formatierung ist grob, der Weißraum oder aber eine grelle Farbe großzügig bemessen, anders als die Zahl der eingesetzten Schriftarten. In bisherigen Artikeln zum Thema ist regelmäßig der Hinweis auf die digitale Ästhetik der 90er Jahre zu finden. Wer weniger gnädig schreibt, nennt die Optik vieler brutalistischer Websites auch einfach „hässlich“.

Trendsetter

Pascal Deville hat die Agentur Freundliche Grüsse vor drei Jahren gemeinsam mit Samuel Textor in Zürich gegründet. Zur Geschäftsleitung in der Schweiz gehört zudem Patrick Biner. Das Berliner Büro leitet Res Matthys. Der Dienstleister arbeitet für Auftraggeber wie den FC Zürich, Sonova, Public Eye, KWC und Migusto. Zu den diversen Kreativpreisen, die die Agentur bislang gewinnen konnte, sind jüngst eine Auszeichnung beim D&AD und beim Clio hinzugekommen. Das Projekt Brutalistwebsites.com ist Devilles Privatvergnügen.
Nach einer ersten Welle der Öffentlichkeit nach dem Washington-Post-Artikel im Mai 2016 erlebt Deville aktuell steigendes Interesse aus der Kultur- und Kreativindustrie. In die umfangreiche Twitter-Debatte um den Architekturstil und den Erhalt der Gebäude mischen sich inzwischen vermehrt Beiträge zum Brutalism. Selbst eine Kuratorin des New Yorker Museum of Modern Art hat sich über den Kurznachrichtendienst zu Devilles Engagement geäußert. Im November wird der Creative Director erstmals zu dem Thema einen Vortrag an einer Kunstschule in Bern halten.

Das beste am Auftritt von Work Hackathon ist der Cursor
Das beste am Auftritt von Work Hackathon ist der Cursor (Bild: Screenshot)
Auch die eigene Website Devilles liegt voll im Brutalismus-Trend: Screenshot, Link zum Auftritt, Link zum Fragebogen mit den drei immer gleichen Fragen. So viel Inhalt gesteht er jedem Eintrag zu – natürlich vor weißem Hintergrund. Geht ein Beitrag offline, ist der entsprechende Link tot. „Das Archivieren ganzer Websites ist für mich zu aufwendig“, sagt Deville. Vielleicht kommt die Initiative für ein Archiv ja irgendwann von öffentlicher Seite: Wenn es dem Web-Brutalism so geht wie dem der Architektur und Hilfe nötig ist. ems

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