Umfrage zu Mediapulse "Hackenbruch und Marr müssen nun keine Rücksichten mehr auf ihre Arbeitgeber nehmen"

Freitag, 03. Februar 2017
Drei Stiftungsräte von Mediapulse: Matthias Hagemann, Marcel Geissbühler und Roger Harlacher.
Drei Stiftungsräte von Mediapulse: Matthias Hagemann, Marcel Geissbühler und Roger Harlacher.
© zvg.

Die Stiftungsräte der Forschungsstiftung Mediapulse sind eher vorsichtig, wenn man sie auf die eingeleiteten personellen Wechsel bei der Radio- und TV-Forschung anspricht. Kritik am Verwaltungsrat und dessen Vorgehen wird, wenn überhaupt, nur verhalten laut.

Exemplarisch ist etwa die Reaktion von Stephan Küng, der als Präsident der Interessengemeinschaft Elektronische Medien (IGEM) im Stiftungsrat sitzt. "Die Besetzung der Mediapulse-Geschäftsleitung ist Sache des Verwaltungsrates. Der Stiftungsrat war nicht involviert. Entsprechend will ich mich nicht dazu äussern." Er kenne aber Mirko Marr und Tanja Hackenbruch, beide seien "vertrauenswürdige, absolut ausgewiesene und kompetente Personen", gegen die nichts einzuwenden sei, führt er weiter aus.

Stephan Küng
Stephan Küng (© zvg.)
Positiv über die personellen Veränderung äussert sich auch Matthias Hagemann, Inhaber von Radio Basilisk und als Vertreter des Verbands Schweizer Privatradios (VSP) im Stiftungsrat. Er bedauere den angekündigten Abgang von Franziska von Weissenfluh sehr, "sie hat die schlingernde Mediapulse seinerzeit wieder auf sichere Gleise zurück gebracht."
„Mirko Marr und Tanja Hackenbruch sind vertrauenswürdige, absolut ausgewiesene und kompetente Personen“
Stephan Küng, IGEM-Präsident.
Doch ihr Abgang stelle diese Stabilität wieder infrage, "denn Franz Bürgi war der Kandidat von Frau von Weissenfluh." Insofern sei er geradezu erleichtert über die neue Lösung mit zwei „sehr guten Fachkräften". "Ich traue Marr und Hackenbruch zu, dass sie die angefangenen Projekte von Mediapulse managen können."

"Goldbach kann nun die Interessen der Privaten un besser einbringen"

Dass SRG und Goldbach als grösste Kunden von Mediapulse nun ihre Forschungsleiter an Schlüsselpositionen der TV- und Radioforschung installieren, macht ihm weniger Sorgen. Auch einen Image-Verlust befürchtet er nicht. "Früher war Mediapulse tatsächlich sehr SRG-nah, dank von Weissenfluh hat sich das aber verbessert." Er sei überzeugt, dass sich Marr und Hackenbruch in ihrer neuen Funktion ganz der Mediapulse und ihren Projekten widmen würden, "so wie sie das schon bisher in der Forschungskommission taten, doch neu müssen sie nicht auch noch Rücksicht auf ihre Arbeitgeber nehmen." Im übrigen begrüsse er es, dass Goldbach nun auch die Interessen der Privaten besser einbringen könne, umso mehr, als die SRG die Mediapulse nun mal zu einem grossen Teil finanziere.
Jürg Bachmann
Jürg Bachmann (© zvg.)
Ähnlich klingt es seitens VSP-Präsident Jürg Bachmann und seinem Arbeitgeber, Michi Frank, CEO der Goldbach Group, die beide ebenfalls Mitglieder des Stiftungsrates sind. Zweifel an den beiden Personen haben sie nicht. "Marr war schon einmal bei Mediapulse tätig, Hackenbruch war früher bei GfK International. Sie wechseln auch jetzt ihren Arbeitgeber und werden unabhängig und für die Sache arbeiten, weil sie kompetente Forscher sind", ist Bachmann überzeugt. "So wie sie bei uns und bei der SRG der Forschung verpflichtet waren, so werden sei es auch bei Mediapulse sein", pflichtet ihm Frank bei. "Marr und Hackenbruch sind forscherische Kapazitäten, deren Leistungsausweise über die Landesgrenzen hinaus anerkannt sind."
„Forschung ist die Grundvoraussetzung für den Wettbewerb. Diese Basis bilden können nur Leute, die der Forschung voll verpflichtet sind“
Michi Frank, CEO Goldbach Group.
Weiter betont Bachmann, dass man mit dem Trio Kellerhals, von Weissenfluh und Bürgi zufrieden war, nur hätten die beiden Frauen die Forschungsorganisation von sich aus verlassen, weshalb sich jetzt "ein gewisses Ungleichgewicht" ergeben habe. Und Frank ergänzt: "Forschung ist die Grundvoraussetzung für den Wettbewerb. Diese Basis bilden können nur Leute, die Forscher sind und der Forschung voll verpflichtet sind."
Goldbach CEO Michi Frank informierte über die Verluste bei 2Marketing Services" – und wie man das Loch nun gestopft hat.
Goldbach CEO Michi Frank informierte über die Verluste bei 2Marketing Services" – und wie man das Loch nun gestopft hat. (© zvg..)
Unter den Stiftungsräten gibt es allerdings auch kritischere Stimmen. So lief für Roger Harlacher, Präsident des Verbandes Schweizer Werbeauftraggeber (SWA), die Angelegenheit etwas gar "zügig und schnell" ab. Der Entscheid sei primär vom Verwaltungsrat gefällt worden. Als Stiftungsrat muss er sich zuerst einen guten Überblick verschaffen, um das Ganze einordnen zu können. "Die Kernfrage ist, ob die beiden gewählten Personen auch von ihren bisherigen Arbeitgebern genügend unabhängig sind", sagt er. "Fachlich sind sie unbestritten die richtigen Leute."

"Unsere Kooperation ist weltweit einmalig"

Nicht im Mediapulse-Stiftungsrat ist Wemf-Direktor Marco Bernasconi. Aber beim Projekt Swiss Media Data Hub (SMDH) steht er in enger Kooperation mit Mediapulse – insbesondere mit Franz Bürgi. Auf Anfrage von HORIZONT Swiss bedauert Bernasconi die Absetzung von Bürgi. Er kenne die Hintergründe nicht, sagte er, betont aber: "Ich konnte mit ihm immer konstruktiv zusammenarbeiten, er ist gradlinig und ehrlich“. Beim SMDH sei man zudem auf gutem Weg. "Der Wechsel kommt für mich völlig überraschend, es gab nichts, das darauf hingedeutet hätte." Von Marr und Hackenbruch habe er aber ebenfalls "eine hohe Meinung" und er "vertraue ihnen voll“, sagt er. Sie seien weitsichtig und würden die Mediapulse bestimmt gut führen. Bernasconi hofft denn auch weiterhin auf eine gute Kooperation mit Mediapulse beim Gestalten "einer effizienten, zukunftsgerichteten und konvergenten Medienforschung Schweiz". Er sehe jedenfalls kein Anzeichen, das dagegen spreche. Eines hebt der WEMF-Direktor aber hervor: Dass in der Schweiz die Printforschung und die Forschungsorganisation der elektronischen Medien zusammen sprechen, "ist weltweit einmalig".
Marcel Geissbühler vom Telesuisse-Vorstand und CEO der Groupe Gassmann in Biel, zeigt sich über die Vorgänge bei Mediapulse zumindest "erstaunt und etwas ratlos". Ich bin überrascht, dass es überhaupt zu diesem Wechsel gekommen ist", sagt er. Dass nun zwei Vertreter von SRG und Goldbach Schlüsselpositionen von Mediapulse einnehmen, bezeichnet er als "höchst problematisch". Diesen Punkt gelte es nun abzuklären. Er wisse zwar, dass es schwierig sei, geeignete Leute für die Aufgaben zu finden. "Wenn aber Hackenbruch und Marr tatsächlich die besten denkbaren Leute sind, lasse ich mich davon gerne überzeugen, egal woher sie kommen." Der Prozess, wie er abgelaufen sei, sei aber sehr unglücklich kommuniziert worden.

Meinungen zum Profil des künftigen Stiftunsgratspräsidenten

Eine Frage aber steht noch offen: Egal, wie man zu den Umwälzungen bei Mediapulse steht. davon, ob man die neue personelle Konstellation bei Mediapulse nun befürwortet oder nicht – welche Anforderungen muss der/die noch nicht gewählte künftige Stiftungs- und Verwaltungsratspräsident/in angesichts der neuen personelle Konstellation erfüllen? Stephan Küng und Matthias Hagemann wollen dies nicht beantworten. Dies sei Sache des Verwaltungsrates und des UVEK, sagt Hagemann.
„Dass nun zwei Vertreter von SRG und Goldbach Schlüsselpositionen von Mediapulse einnehmen, ist höchst problematisch.“
Marcel Geissbühler, CEO Gassmann Group
Jürg Bachmann erwartet, dass die neue Präsidentin oder der neue Präsident "sich hinter den aktuellen Personalentscheid stellt und aus Forschungssicht dazu beiträgt, dass die Mediapulse ihre Herausforderungen bewältigen kann." Eine Unabhängigkeit von SRG oder Goldbach wäre für ihn aber nicht zentral. "Wir sind in der Schweiz, in einem kleinen Markt, da kennt jeder jeden und viele haben schon an mehreren Orten gearbeitet", sagt er. Das Gerücht, wonach jemand von Goldbach sich für den Chefsessel bei Mediapulse beworben habe, will CEO Michi Frank nicht kommentieren. "Das ist Sache des Verwaltungsrates", sagt er.
„Die Frage der Unabhängigkeit muss zwingend aufs Tapet“
Roger Harlacher, SWA-Präsident.
Roger Harlacher zeigt sich bei diesem Thema zurückhaltender. "Die Frage der Unabhängigkeit muss zwingend aufs Tapet", sagt er, doch wolle er sich zum laufenden Bewerbungsverfahren nicht weiter äussern. Anders Marcel Geissbühler: "Die neue Präsidentin oder der neue Präsident muss jemand sein, der die Branche versteht und auch die Anliegen der Kleinen kennt." Die Person müsse zudem unabhängig sein von allen beteiligten Stakeholdern. Nötig sei zudem eine starke Persönlichkeit, die neutral sei und den verschiedenen Einflüssen und Ansprüchen widerstehen könne, betont Geissbühler. knö

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