Trotz Medienkrise Schweizer Journalisten sind zufrieden

Dienstag, 12. Juli 2016
Die ZHAW führte bei 900 Journalisten eine Umfrage durch.
Die ZHAW führte bei 900 Journalisten eine Umfrage durch.
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Medienkrise Beruf Vinzenz Wyss Arbeitsbedingung


Nach einer Studie der ZHAW sind die Schweizer Journalisten mit ihrem Beruf zufrieden, trotz wiederkehrender Berichte über die Medienkrise. Dieser Befund ist überraschend, da sich die Arbeitsbedingungen in den Redaktionen in den letzten Jahren kaum verbessert haben.

In der Rangliste der beliebtesten Berufe ist der Journalismus meist ganz am Ende zu finden. Die Mehrheit der Schweizer Journalisten ist dennoch zufrieden mit ihrem Beruf: 74 Prozent der Befragten würden ihn in ihren Umfeld empfehlen, obwohl die Medienkrise die Arbeitsbedingungen prekär gemacht hat. Dies ergab eine Umfrage des Schweizerischen Nationalfonds, durchgeführt vom Institut für Angewandte Medienwissenschaft der ZHAW und in Zusammenarbeit mit der Universität Neuenburg. Über 900 Medienschaffende aus mehr als 200 Redaktionen, aus allen Sprachregionen, aus allen Mediengattungen und auf allen Hierarchiestufen füllten einen Online-Fragebogen aus.

Neutral Reporter anstatt politische Akteure

Journalisten haben eine wichtige Funktion für die Gesellschaft. "In der direkten Demokratie hat ihre Arbeit großen Einfluss auf die Meinungsbildung der Stimmbürger", sagt Vinzenz Wyss, Medienexperte und Studienleiter der ZHAW.
Vinzenz Wyss, Studienleiter an der ZHAW
Vinzenz Wyss, Studienleiter an der ZHAW (© zvg zhaw.)
Obwohl sich die Medienlandschaft im Umbruch befindet, hat sich die Vision der Journalisten auf ihre eigene Rollen in den letzten Jahren kaum verändert. Der durchschnittliche Schweizer Journalist sieht sich nicht als politischer Akteur, sondern als neutraler Reporter, der versucht, die Dinge in einer möglichst objektiven Art und Weise zu präsentieren. Nur eine Minderheit der Journalisten glaubt, dass sie die politische Agenda zu beeinflussen vermögen, oder dass sie sich als Kritiker der Wirtschaft oder der Regierung zu positionieren haben. Diese "engagiertere" Vision ist häufiger bei Journalisten der lateinischen Schweiz anzutreffen als in der deutschsprachigen Schweiz.
Fragt man nach der politischen Einstellung der Schweizer Journalisten, so decken diese zwar das gesamte politische Spektrum ab. Der durchschnittliche Journalist steht aber etwas links der Mitte. Dies gilt auch für Journalisten der SRG. Frauen neigen übrigens dazu, sich noch stärker links zu positionieren als Männer. Laut Wyss ist dies zum Teil auf das Bild des Journalisten als Kritiker und Kontrolleur zurückzuführen, der die Machtdynamik in Frage zu stellen hat.

Wenig Vertrauen in Parteien und Politiker

Medien-Profis vertrauen zu 60 Prozent dem Justizsystem, zu 48 Porzent der Polizei und zu 47 Prozent dem Bundesrat, aber nur zu 7 Prozent den Politikern und zu 6 Prozent den politischen Parteien. Ein erheblicher Anteil der Befragten traut den Medien (46 Prozenz), teilt aber eine tiefe Sorge um den Ruf der Branche.

Knapp die Hälfte der Befragten sind in Ressorts wie Politik, Sport oder Wirtschaft tätig. Journalisten von Nachrichtenagenturen oder der SRG sind viel stärker spezialisiert als andere. Die Männer behandeln in der Regel Themen wie Politik, Wirtschaft und Sport, während Frauen eher die Bereiche Kultur, Gesellschaft und Lifestyle abdecken. Multimedia-Journalisten, die in der Newsroom-Aera aktiv auf mehreren Kanälen tätig sind, waren unter den Befragten zu weniger als einem Drittel vertreten.

42 Jahre alt, männlich, mit Hochschulabschluss

Statistisch gesehen ist der Standard-Journalist männlich, etwa 42 Jahre alt und weist einen Hochschulabschluss aus. Im Durchschnitt hat er bereits 15 Jahre Vollzeit im Journalismus gearbeitet. Das hat sich in den letzten Jahren nicht sehr verändert, trotz Umbruch in der Medienlandschaft. DGegenüber der letzten vergleichbaren Umfrage, die vor acht Jahren durchgeführt worden war, sind im Schweizer Journalismus heute etwas mehr Frauen tätig (39 Prozent Frauen im Jahr 2015 gegenüber 35 Prozent im Jahr 2008). Auch sind Schweizer Journalisten mittlerweile besser ausgebildet (2015 hatten 70 Prozent einen Hochschulabschluss, 2008 waren es 59 Prozent) und die Redaktionen sind internationaler zusammengesetzt (2015 hatten 17 Prozent einen ausländischen Pass, 2008 waren es 9 Prozent). Auffällig ist auch, dass die Journalisten der SRG deutlich älter sind, mehr Berufserfahrung haben, besser bezahlt sind und häufiger Massnahmen zur Qualitätskontrolle kennen als ihre Kollegen in den privaten Medien.

Die Saläre der Schweizer Journalisten haben sich in den letzten Jahren kaum verändert, sie betragen im Durchschnitt 6000 Franken. Frauen sind weiterhin überproportional in den untersten Einkommensgruppen vertreten. Darüber hinaus sind Journalisten in der Deutschschweiz besser bezahlt als ihre Kollegen in den anderen Sprachregionen.

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