Projekt 2020 Tamedia bündelt auch Zeitungsredaktionen in der Deutschschweiz

Mittwoch, 23. August 2017
Tamedia-Chef Christoph Tonini: "Überleben können nur Tageszeituingen in einem grösseren Netzwerk"
Tamedia-Chef Christoph Tonini: "Überleben können nur Tageszeituingen in einem grösseren Netzwerk"
Foto: Tamedia

Gestern die Romandie – heute die gesamte Deutschschweiz: Vor dem Hintergrund zurückgehender Einnahmen ordnet Tamedia seine Zeitungsredaktionen neu. Ziel ist es, die wirtschaftliche und redaktionelle Unabhängigkeit der zwölf bezahlten Tageszeitungen und der beiden Sonntagszeitungen in der Deutschschweiz und der Romandie zu sichern, teilt das Unternehmen mit.

Tamedia geht davon aus, dass die Werbeerlöse in den kommenden Jahren weiter deutlich sinken werden. Um diese Entwicklung abzufangen, hat das Medienhaus das Projekt 2020 aufgesetzt, zu dem auch gehört, dass die die Aufstellung und Leitung alle deutschschweizer Tageszeitungen genau wie am gestrigen Dienstag verkündet derjenigen in der Romandie neu geordnet werden. Denn so heisst es in einem interne Papier von Tamedia, das HORIZONT Swiss vorliegt: "Denn ohne Kostensenkungen in allen Bereichen wären die Zeitungen von Tamedia defizitär." Ein Ziel des Projekts 2020 ist zudem, die Zahl der Digitalabos zu steigern sowie das Angebot auszubauen. Ausserdem will Tamedia in Recherche, Datenjournalismus, Analyse und Storytelling investieren. Personelle Konsequenzen in Form von Entlassungen soll es durch die Neuorganisation nicht geben. Wohl aber werden frei werdende Stellen nicht mehr alle besetzt werden können, heisst es. Wie neue Jobprofile und Aufgaben bei Tamedia in Zukunft aussehen könnten, soll im 1. Quartal kommenden Jahres eine Projektgruppe erarbeiten.

Für die Redaktionen heisst das, dass sie ab 2018 in zwei neue Einheiten in der Deutschschweiz und der Romandie gebündelt arbeiten werden, die die Berichterstattung in den Themengebieten Inland, Ausland, Wirtschaft und Sport übernehmen. Titelübergreifende Stories sollen künftig in jeweils einer Redaktion "Tamedia" in der Deutschschweiz und der Romandie erstellt werden. Leiten werden sie zwei Chefredaktionen – Artur Rutishauser in der Deutschschweiz und Ariane Dayer in der Romandie. Ausserdem soll es sogenannte Kompetenzzentren in Bern, Lausanne und Zürich geben. Das Recherchedesk führen die beiden Redaktionen gemeinsam.

„Bei weiter rückläufigen Werbeeinnahmen werden nur diejenigen Tageszeitungen fortbestehen, die Teil eines grösseren Netzwerks sind“, sagt Christoph Tonini, Vorsitzender der Unternehmensleitung von Tamedia: „Die Bündelung der Ressourcen ermöglicht – im Gegensatz zur Verzettelung über viele kleine Redaktionen – schlagkräftige Teams mit höherer Dossierkompetenz, mehr Recherchekapazität und die Fähigkeit, neue Kompetenzen und Angebote zu entwickeln.

Zusätzliche digitale Umsätze verspricht sich der Medienkonzern nicht nur von neuen Digital-Abos, sondern auch vom Ausbau des Bewegtbilds, hyperlokalen AngebotenVoice- und Podcasts sowie Data Mining und Data Analytics. Die Tageszeitungen sollen allerdings trotz der Nutzung gemeinsamer Kompetenzzentren im überregionalen Bereich eigenständig beiben - mit unterschiedlichem Profil, individueller Positionierung und unabhängiger politischer Ausrichtung. Die Chefredaktoren entscheiden gemeinsam mit den Titelredaktionen auf allen Kanälen über die Front, haben die Kommentierungshoheit und erstellen sämtliche lokalen, regionalen und weitere titelspezifische Inhalte aus den bestehenden Standorten heraus. In der Deutschschweiz wird die Redaktion Der Bund weiterhin durch Patrick Feuz geleitet, Peter Jost führt wie bisher die Chefredaktion BZ Berner Zeitung und Benjamin Geiger weiterhin die Redaktionen von Der Landbote, der Zürichsee-Zeitung und des Zürcher Unterländers. In der Romandie wird die Redaktion der Tribune de Genève weiterhin von Pierre Ruetschi geleitet.

Es gibt auch Neubesetzungen: So übernimmt Judith Wittwer am dem neuen Jahr die Leitung Chefredaktion des Tages-Anzeiger, der sie bereits seit 2014 angehört. Claude Ansermoz ist als neuer Chefredaktor von 24 heures vorgesehen und soll damit die Nachfolge von Thierry Meyer antreten, der das Unternehmen wie bereits kommuniziert verlassen wird. Ansermoz arbeitet bereits seit 2003 bei 24 heures, seit September 2011 als stellvertretender Chefredaktor.

Erste Witze

Bereits kursieren die ersten Witze über Tamedias Restrukturierungen in der Deutsch- und Westschweiz. Der Nebelspalter zum Beispiel publizierte gestern folgende "Karikatur" – unter dem Titel: "Fauxpas bei #Tamedia: Geschäftsleitung veröffentlicht versehentlich Kommuniqué zur nächsten Restrukturierung 2019".
 "Fauxpas bei #Tamedia: Geschäftsleitung veröffentlicht versehentlich Kommuniqué zur nächsten Restrukturierung 2019"
"Fauxpas bei #Tamedia: Geschäftsleitung veröffentlicht versehentlich Kommuniqué zur nächsten Restrukturierung 2019" (Bild: Nebelspalter)

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