Tamedia Tonini will wieder ins TV-Geschäft einsteigen – mit Sendungen auf deutschen Werbefenstern

Freitag, 22. Dezember 2017
Tamedia führte auch Gespräche mit RTL und ProSiebenSat1 - über mögliche neue Schweizer Sendungen auf deren Werbefenstern.
Tamedia führte auch Gespräche mit RTL und ProSiebenSat1 - über mögliche neue Schweizer Sendungen auf deren Werbefenstern.

Wenn die Übernahme der Goldbach Group wie erhofft bewilligt wird, will Tamedia wieder aktiv Fernsehsendungen produzieren und diese über die Werbefenster von ProSiebenSat1 oder RTL ausstrahlen.
Mit der Übernahme der Goldbach Group will Tamedia nicht nur zum erklärtermassen grössten Medienanbieter und -vermarkter der Schweiz werden, das Medienhaus will auch wieder ins TV-Geschäft einsteigen. Genauer: Tamedia kann sich vorstellen, Schweizer Sendungen für die Werbefenster von ProSiebenSat1 oder RTL zu produzieren und in der Deutschschweiz auszustrahlen. Dies sagte Tamedia-CEO Christoph Tonini an der heutigen Pressekonferenz. Der Hintergrund: Mit der Goldbach Group übernimmt Tamedia auch die drei Goldbach-Töchter Goldbach Media, Swiss Radio World und Goldbach Audience, an denen ProSiebenSat1 oder RTL je zu knapp einem Viertel beteiligt sind. In den letzten Monaten habe man deshalb auch  mit beiden Sendergruppen "sehr gute Gespräche" geführt, sagte Tonini. Diese seien für ihn von Anfang an wichtig gewesen, denn nur so könne die Sache auch langfristig funktionieren. Und weiter: "Ohne diese Gespräche hätten wir die Transaktion nicht gemacht." Bei den Gesprächen habe man auch die Idee diskutiert, die Inhaltekomptenez von Tamedia mit den beiden Werbefenstern zusammen zu bringen und dann von Goldbach vermarkten zu lassen. Von deutscher Seite her bestehe durchaus die Bereitschaft dazu. "Wir prüfen deshalb, ob es möglich wäre, Schweizer Programminhalte zu produzieren", sagte Tonini. Er sei überzeugt, dass der Schweizer Medienmarkt so "auch auf inhaltlicher Ebene bereichert" werden könnte.

Eine Idee mit dreifacher Brisanz

Das Projekt ist aus drei Gründen interessant: Zum einen kehrt Tamedia damit wieder ins TV-Geschäft zurück, das es 2011 vollständig aufgegeben hatte. Damals verkaufte das Medienhaus die regionalen TV-Sender TeleZüri und TeleBärn an Peter Wanners AZ Medien. Und auf den Tag genau heute vor 16 Jahre hatte Tamedia mit seinem sprachregionalen TV-Projekt TV3 Schiffbruch erlitten: Das Programm, das am 6. September 1999 startete, wurde am 22. Dezember 2001 eingestellt.
Bei Sat1 Schweiz gibt es wieder direkte Verbindungen zu Ringier.
Bei Sat1 Schweiz gibt es wieder direkte Verbindungen zu Ringier.
Ein weiterer Aspekt: Am Werbefenster Sat1 Schweiz ist Ringier zu 40 Prozent beteiligt. Das ergibt eine interessante Konstellation, zumal dort Ringier auch eigene Inhalte ausstrahlt (unter anderem LandliebeTV). Entweder bahnt sich dort also eine neue inhaltliche Kooperation zwischen Tamedia und Ringier an, oder Tamedia weicht auf RTL Schweiz aus und tritt zu Ringiers Inhalten in Konkurrenz, oder Ringier verabschiedet sich bei Sat1 Schweiz, was aber eher unwahrscheinlich ist.
Die drei sprachregionalen TV-Sender der AZ Medien.
Die drei sprachregionalen TV-Sender der AZ Medien.
Der dritte spannende Punkt: NZZ und AZ Medien werden mit ihrem kürzlich verkündeten Kooperationsprojekt auch ihre TV-Aktivitäten verbinden, das sowohl aus mehreren regionalen Privat-TVs als auch aus den sprachregionalen Sendern wie S1, TV24 und TV25 besteht. Auch hier enstünde mit den Tamedia-Programmen zumindest zeitweise eine neue Konkurrenz, mit der VR-Präsident Peter Wanner wohl kaum gerechnet hatte. Das ist umso brisanter, als die Sender heute (noch) von Goldbach Media mitvermarktet werden.
Die Sender der 3plus Gruppe haben 2016 deutlich mehr Publikum gewonnen.
Die Sender der 3plus Gruppe haben 2016 deutlich mehr Publikum gewonnen.
Ebenfalls wenig Freude an der neuen Konkurrenz dürfte die 3plus-Gruppe von Dominik Kaiser haben, der von Goldbach exklusiv vermarktet wird. Vielleicht aber hat es Tamedia früher oder später auch auf ihn abgesehen. knö
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