Swisscows-Gründer Andreas Wiebe "Wir verzichten monatlich auf Werbung im Wert von 1,5 Millionen Franken"

Montag, 26. September 2016
Andreas Wiebe will seine ursprüngliche kommerziell lancierte Suchmaschine Swisscows in eine gemeinnützige Stiftung überführen.
Andreas Wiebe will seine ursprüngliche kommerziell lancierte Suchmaschine Swisscows in eine gemeinnützige Stiftung überführen.
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Swisscows, die Schweizer Suchmaschine, die keine Nutzerdaten speichert, sagt sich von der Werbung los und wird demnächst in eine Stiftung übergeführt. HORIZONT Swiss sprach mit Initiant Andreas Wiebe über die Hintergründe.

Herr Wiebe, letzte Woche warnten Sie die Schweizer Stimmbürger vor einem Ja zum neuen Nachrichtendienstgesetz und vor "neuen Stasi-Zeiten", falls das Gesetz durchkäme. Jetzt kam ein deutliches Ja heraus. Ihr Fazit? Ich bin sehr enttäuscht. Denn meiner Meinung nach haben die Bürger nicht ganz verstanden, worum es geht. Ohnen wurde weis gemacht, das neue Gesetz sei nötig zum Schutz vor Verbrechen und Attentaten, weil in Europa der Terrorismus stark zugenommen hat. Aber man hat wenig darüber aufgeklärt, welche Türen sich dem Nachrichtendienst damit öffnen. Meines Erachtens wurde die Bevölkerung ein Stück weit hinters Licht geführt.

Sie sind Russlanddeutscher und haben noch die Zeit des KGB erlebt. Spielt dieser Hintergrund bei Ihrer Warnung mit? Ja, definitiv. Die Schweiz hat nun den persönlichen Schutz und die Freiheit vor Überwachung aufgegeben und nimmt etwas in Kauf, unter dem andere Länder lange gelitten haben. Man muss auch wissen, dass Überwachungsgremien miteinander kommunizieren. Schweizerischer Nachrichtendienst, der Bundesnachrichtendienst (BND) und die NSA tauschen Informationen untereinander aus, aber was weitergegeben wird, weiss niemand.
„Wir entwickeln auch eine Alternative zu Whatsapp.“
Andreas Wiebe, Gründer von Hulbee und Swisscows.
Sie haben schon diverse Firmen im IT-Bereich gegründet. Eine dieser Firmen hat auch schon für Geheimdienste gearbeitet. Was machte Sie nun vom Saulus zum Paulus? Nein, wir haben nicht für Geheimdienste gearbeitet. Aber 2002 interessierte sich der BND für eine unserer intelligenten Softwares, die gewisse Zusammenhänge verstehen konnte.

Haben Sie direkt mit dem BND verhandelt? Nein, Geheimdienste haben Scheinfirmen: Eine dieser Firmen kam auf uns zu. Später hat sich dann herausgestellt, dass der BND dahinter steckte. Weil wir das erlebt und einen gewissen Einblick erhalten haben, haben wir entschieden, dies nicht zu unterstützen. Man verkauft den Menschen eine mögliche Bedrohung ohne zu erwähnen, dass dann alle überwacht werden und so Stasi-ähnliche Zustände entstehen.

Zur Person

Andreas Wiebe, geboren 1974, ist Russlanddeutscher. 1989 kam er nach Deutschland und studierte Industrie-Elektroniker in Bonn. Er gründete diverse Firmen, deren Produkte mehrfach mit IT-Innovationspreisen ausgezeichnet wurden. 2008 startete er in der Schweiz die Hulbee AG für Hard- und Softwarentwicklung in Egnach (TG), 2104 lancierte er mit Swisscows eine Suchmaschine, die keine Nutzerdaten speichert.
Aber seien wir ehrlich: Ihr Aufruf zur Ablehnung des Nachrichtendienstgesetzes hatte auch einen werblichen Aspekt: Sie nutzten den Aufruf, um gleichzeitig auf ihre Suchmaschine Swisscows aufmerksam zu machen, die angeblich keine Userdaten speichert und sich so von allen andern Suchmaschinen abhebt. Richtig, wer Swisscows nutzt, dessen Daten werden nicht gespeichert, er wird nicht überwacht und seine Daten können auch nicht – wie eben bei Yahoo – gestohlen werden. Und natürlich würden wir uns riesig freuen, wenn die User Swisscows noch stärker nutzen würden. Dennoch stand der werbliche Aspekt des Aufrufs nicht im Vordergrund. Es ist uns wirklich ein grosses Anliegen, die Leute zu warnen.

Das kann jeder sagen. Wir erbringen auch den Tatbeweis. Denn wir sind daran, Swisscows in eine Stiftung überzuführen. Im ersten Halbjahr 2017 sollte es so weit sein. Wir haben auch Stiftungspartner, die ich derzeit aber noch nicht nennen darf. Klar aber ist: Swisscows soll gemeinnützig werden, mit dem Zweck, die User zu schützen. Wir wollen die Sicherheit ausbauen und auch im Bereich Medienerziehung aktiv werden. Als Vater dreier Kinder ist es mir wichtig, in Schulen und Kindergärten vor Lehrern und Eltern aufzuzeigen, wie Kinder vor Gewalt im Internet, vor Mobbing über Facebook oder eben vor Überwachung geschützt werden können.
„Wir stellen die Werbung demnächst ganz ein, die Nachfrage ist zu gering.“
Andreas Wiebe, Gründer von Hulbee und Swisscows.
Dennoch: Wie sicher kann man sein, dass Swisscows keine Nutzer-Daten speichert? Sie haben einmal einen Security-Beirat angekündigt – existiert dieser unterdessen? Die Stiftung ist sozusagen die Weiterentwicklung dieses Beirats. Denn wir haben festgestellt, dass man auch einem Beirat misstraut, solange dieser an eine Firma gebunden ist. Deshalb beschlossen wir, Swisscows aus der Hulbee AG herauszulösen und in eine Stiftung überzuführen, mit bekannten Personen im Stiftungsrat, etwa ehemaligen Erziehungsdirektoren.

Swisscows ist Mitte 2014 gestartet und für Mitte 2015 war der Break even geplant. Ist Swisscows mittlerweile selbsttragend? Nein, sie ist wird von der Hulbee AG unterstützt.

Ursprünglich hätte Swisscows mit Werbung finanziert werden sollen. Nun rufen Sie auf der Website aber zu Spenden auf. Stimmt der Eindruck, dass der Werbeumsatz deutlich unter den Erwartungen geblieben ist? Ja. Mehr noch, wir stellen die Werbung demnächst ganz ein, die Nachfrage ist zu gering. Der Grund: Wir speichern keine Nutzerdaten und können folglich auch keine verkaufen. Am Anfang dachten wir, dass die Werbeauftraggeber dennoch auf Swisscows werben würden, weil sie viele Leute erreichen. Aber das war nicht der Fall, die Agenturen verlangen primär nach den Daten. Vom Traffic her könnten wir momentan monatlich 1,5 Millionen Franken umsetzen, aber darauf verzichten wir nun.
Seit neustem ist Swisscows werbewefrei.
Seit neustem ist Swisscows werbewefrei.
Was macht die Hulbee AG sonst noch – neben Swisscows? Wir entwickeln Suchmaschinen für Unternehmen, intelligente Software.

Swisscows ist also eine Art berufliches Nebenprodukt... In Swisscows steckt einfach Wiebe. Hulbee ist kapitalorientiert, Swisscows dagegen ist das, was der Wiebe auf der Seele hat. Es ist mein ehrenamtliches Engagement.

Wie viel Zugriffe hat Swisscows heute in der Schweiz? Unsere Server zählen etwa 17 Millionen Page Impressions (PI) pro Monat.

Vor eineinhalb Jahren waren es noch 3,5 Millionen PI, eine ansehnliche Steigerung, falls die Zahlen stimmen. Damit wäre Swisscows punkto PI etwa gleichauf mit search.ch (21 Millionen PI). Aber Sie lassen ihre Zugriffe ja nicht beglaubigen. Richtig, wir lassen uns von NET-Metrix nicht messen, weil dies voraussetzt, dass wir Cookies setzen und somit einen Teil der Userinformationen speichern.

Wie sehen die Zugriffszahlen in Deutschland aus? In Deutschland, den USA und andern Ländern sind wir noch am Aufbau. Wir starteten vor einem Jahr – aber unter dem Namen Hulbee.com. Denn der Name Swisscows hinterliess den Eindruck, dass es sich um eine Suchmaschinen für die Schweiz handle. Bei Hulbee.com kommen wir derzeit auf insgesamt 1,2 Mio PI weltweit.

Vor eineinhalb Jahren haben Sie neue Dienste angekündigt, einige wie Musik- oder Videosuche oder Übersetzungen sind unterdessen eingeführt. Sie sprachen aber auch von einem Tool, mit dem man Videos nach Ton und Text durchsuchen kann. Oder von einem Service, mit dem sich Texte, ja ganze Bücher, auf eine beliebige Länge zusammen fassen lassen. Ja, technologisch gesehen sind diese bereits fertig und im Test. Das Tool für Zusammenfassungen können Sie unter getdigest.com ausprobieren. Auch mit dem Video-Tool sind wir in der Testphase.
„Wir lassen uns von NET-Metrix nicht messen, weil dies voraussetzt, dass wir Cookies setzen und somit einen Teil der Userinformationen speichern.“
Andreas Wiebe, Gründer von Hulbee und Swisscows.
Werden weitere Dienste hinzukommen, auch wenn Swisscows unter ein Stiftungsdach kommt? Ja, noch stärker als bisher. Zum Beispiel wünschen unsere Nutzer immer wieder sichere E-Mails und Browser. Das haben wir vor. Wir entwickeln auch eine Alternative zu Whatsapp.

Zurück zum Nachrichtendienstgesetz: Künftig darf der Schweizer Geheimdienst Trojaner setzen. Theoretisch könnte er so auch bei Swisscows Userdaten absaugen. Da muss man unterscheiden. Bei der Suchmaschine würde es nicht funktionieren, weil wir ja keine Daten speichern....

Aber mit einem Trojaner könnte der Geheimdienst zumindest den momentanen Verkehr abzapfen. Nein. Ein Trojaner ist ja eine Software, die in unserem System installiert werden müsste. Weil die Suchmaschine ein Datacenter ohne E-mail-Verkehr ist, funktioniert das nicht. Anders wäre es bei der Hulbee AG, deren E-mails sind grundsätzlich anzapfbar. Aber wir würden das wahrscheinlich ziemlich schnell merken.

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