Swiss Radio Day VSP-Präsident Jürg Bachmann im Interview: "Die SRG sollte sich mäßigen"

Donnerstag, 24. August 2017
VSP-Präsident Jürg Bachmann
VSP-Präsident Jürg Bachmann
© Goldbach

Passend zum Swiss Radio Day diese Woche verteidigt Jürg Bachmann, Präsident des Verbands Schweizer Privatradios (VSP), die Informationsleistung der Schweizer Privatradios. Diese hätten eine „demokratierelevante Aufgabe“, die sie „gut lösen“, an die sie „aber auch immer mal erinnert werden müssen“. Von der SRG erwartet der Goldbach-Manager Mäßigung im Regionalen und Digitalen.

Viele private Radiosender in der Deutschschweiz haben ihre Informationsleistungen in den letzten drei Jahren gekürzt, auf im Schnitt nur 16 Minuten. Das zeigt eine aktuelle Studie von Publicom im Auftrag des Bundesamtes für Kommunikation (Bakom). Warum specken die Sender bei Information so ab? Das sehen wir anders. Wir finden Mängel in der Methode. Die Bakom-Studie fragt nur die Primetime ab, aber gerade lokale Information wird über den Tag verteilt. Eigentlich müsste daher der ganze Tag beurteilt werden, um den Lokalradios gerecht zu werden. Wir haben in der Schweiz eine sehr heterogene Senderlandschaft. Manche Gebiete wie Zürich sind sehr kompetitiv, andere weniger. Dort, wo starker Wettbewerb ist, muss man eine andere Programmierung machen und seine Nische und Hörer finden. Da setzt der eine mehr auf Information, der andere mehr auf Community.

Je höher der Musikanteil, umso leichter werden Radiosender austauschbar. Information zu reduzieren, gerade in der Primetime, kann doch nicht der Weg sein, oder?
Es wäre verhängnisvoll, wenn sich Privatradios von lokaler Berichterstattung verabschieden würden, denn dann würden sie in einem zunehmend fragmentierten Markt eine Beliebigkeit bekommen. Gerade in der Deutschschweiz lässt sich der Wortanteil aber auch nicht beliebig erhöhen. Ähnlich wie in Deutschland kann man die Aufmerksamkeit maximal drei Minuten halten. Verlängert man den Wortanteil, besteht die Gefahr, dass die Hörer abwandern. In der italienischen Schweiz und in der Westschweiz ist das ganz anders.

Informationsprogramme zu produzieren ist teuer. Ist der Rückgang des Wortanteils nicht auch kostengetrieben?
Das ist sicher auch ein Kostenthema. Regionale Information ist in der Tat der teuerste Programmbestandteil. Aber es gibt niemanden, der das sonst kann. Privatradios haben eine staatspolitische und demokratierelevante Aufgabe, weil sie über alles berichten müssen. Diese lösen sie gut, müssen aber auch immer mal daran erinnert werden.

Der Verband

Der Verband Schweizer Privatradios (VSP) vertritt die wirtschaftlichen, medienpolitischen, technischen und rechtlichen Interessen der Privatradios. Gemeinsam mit der öffentlich-rechtlichen SRG, dem Privatverband RRR und seit 2015 auch den Verbänden Unikom und Limus veranstaltet der VSP seit 2000 den Swiss Radio Day, die Gattungsveranstaltung für Sender aller Schweizer Sprachregionen. Der Branchentreff findet diese Woche in Zürich statt.
Bei der Studie kam auch heraus, dass der Informationsanteil der privaten Kanäle dort höher ist, wo die öffentlich-rechtliche SRG keine Regionaljournale macht. Würde es den Privaten helfen, wenn sich die SRG aus der Regionalberichterstattung heraushält? Die SRG sollte sich zumindest mäßigen. Dann gäbe es mehr Luft für private Sender. Im Jahr 2019 läuft die Konzession der SRG ab. Im Moment wird diskutiert, ob es eine einfache Fortschreibung geben wird, Einschränkungen oder Ausweitungen. Das beobachten wir mit Argusaugen. Vor allem die Internetaktivitäten der SRG. Über allem schwebt jedoch im Moment wie ein Damokles-Schwert die No-Billag-Initiative ...

… die die Abschaffung des gebührenfinanzierten Rundfunks fordert. Würden Sie dies als Privatradios nicht begrüßen?
Wir glauben, dass die Schweiz eine gut ausgestattete SRG braucht. Bei der letzten Abstimmung, als es um die Einführung der Haushaltsabgabe ging, war es sehr eng. Wir waren Teil einer Koalition, die sich für die Einführung ausgesprochen hat. Aber es war sehr knapp. Derzeit arbeiten wir noch an einer Position. Diese wird auch davon abhängen, wie die Frage der Konzessionen gelöst wird. Derzeit steht zur Diskussion, dass Privatradios keine Konzessionen mehr brauchen. Einige Sender befürchten aber, dass im Zuge der Umstellung auf DAB+ nur noch konzessionierte Radios ein gesetzliches Zugangsrecht zur Verbreitung hätten und die Radios ohne Konzession auf der Strecke bleiben.

Im deutschen Zeitungsmarkt gibt es auch keine gebührenfinanzierte Zeitung, trotzdem hat man dort nicht das Gefühl eines Missstandes oder einer Unterversorgung, weil es sich für private Anbieter dann auch lohnt, teurere Nachrichten zu produzieren. Warum sind Sie trotzdem für eine starke SRG?
Ich sage ja nicht, dass die SRG so bleiben soll, wie sie gerade ist. Sie kann spürbar zurückgefahren werden. Beispielsweise können reine Spartenkanäle, wie die Musikwellen, durchaus aufgehoben oder privatisiert werden. Solche Angebote könnten ebenso von Privaten gemacht werden.

Anders als in Deutschland ist den SRG-Sendern zwar Sponsoring erlaubt, Werbung aber verboten. Stärkt oder schwächt das Radio als Werbeträger?
Im Grundsatz lautet unsere Forderung seit jeher: Entweder die SRG darf Werbung machen, dann bitte nicht nur Sponsoring, sondern auch normale Spots. Oder sie darf keine machen, also auch kein Sponsoring. Aber nur Sponsoring anzubieten, bedeutet den Rahm abschöpfen. Der Werbemarktanteil der Schweizer Radiosender schwankt zwischen 4 und 5 Prozent. Wir glauben, dass sich der Markt ausweiten ließe, wenn die öffentlich-rechtlichen Sender ebenfalls Werbung machen dürften. Im TV hat das zumindest gut funktioniert. Dann bestünde allerdings auch die Gefahr, dass vor allem große private Sender und die Öffentlich-Rechtlichen profitieren und kleinere Private abgeschnitten wären.

Bei der Digitalisierung arbeiten die Privatsender wiederum gut und eng mit der SRG zusammen. Bis 2024 soll die Umstellung auf DAB+ vollzogen sein und UKW abgeschaltet werden. In Deutschland ist DAB+ umstritten, weil es teuer ist und derzeit noch wenig Hörer hat. Was spricht aus Ihrer Sicht für die Umstellung?
Es gibt zwei große Herausforderungen für Radiosender: auffindbar zu sein und Reichweite zu generieren. Zur Auffindbarkeit gehört es, auf allen Übertragungswegen präsent zu sein und dazu gehört DAB+. DAB+ kommt sowieso. Im Autoradio wird es keine weißen Flächen geben. Diese Lücken werden sonst von anderen Anbietern befüllt. Deshalb müssen wir überall präsent sein.

Der Präsident

Jürg Bachmann ist seit 2006 Präsident des Verbands Schweizer Privatradios. Hauptamtlich ist er seit 2002 für die Goldbach Group tätig und leitet die Bereiche Kommunikation & Marketing sowie Public Affairs. Vor seinem Wechsel zu Goldbach war der in Mailand aufgewachsene Bachmann unter anderem Geschäftsführer von Radio Aktuell, heute FM 1, und Energy Zürich. Er engagiert sich zudem bei Medien-Start-ups wie Seniorweb, The Scope und Radio Volare.
Die aktuelle Digimig-Studie zur Migration von UKW zu Digital zeigt aber auch, dass gerade junge Hörer die Radioangebote eher streamen, als sie über DAB+ zu hören. Warum also nicht direkt auf Streaming setzen?

Würden wir das tun, würden wir uns abhängig von den Telekommunikationsanbietern machen. Sie würden mit uns irgendwann darüber verhandeln, welche Sender sie wo präsentieren und welche nicht. Wir brauchen eine eigene Infrastruktur, wenn wir unabhängig bleiben wollen. Vor diesem Hintergrund finde ich auch Initiativen wie den Radioplayer.de interessant, denn damit sprechen alle Sender mit einer Stimme mit den Telkos oder der Automobilindustrie. Das macht schon einen Unterschied.

Auf DAB+ kommen aber auch ganz neue Player und damit mehr Wettbewerb.
Das lässt sich ohnehin nicht vermeiden. Die Privatradios haben gegenüber den neuen Wettbewerbern 30 Jahre Vorsprung. Wenn jemand seinen Job gut macht, müsste er diesen Vorsprung nutzen können. Die Welt dreht sich weiter. Ich glaube nicht, dass es ein sinnvoller Einsatz von Kraft ist, gegen etwas zu sein. Es ist besser, etwas zu gestalten und dadurch dafür zu sorgen, dass die eigenen Interessen richtig abgebildet werden. Wer heute 100000 Hörer hat, will diese behalten – und er braucht sie auch.

Weil die Reichweite den Umsatz bestimmt.
Genau. UKW wird von verschiedenen Technologien abgelöst. Deshalb müssen die Sender überall präsent sein und alle Wege abdecken. Einen Vorteil hatten wir jedoch in der Schweiz: Der Aufbau der DAB+-Infrastruktur wird über Gebührengelder mitfinanziert. Das macht vieles leichter.

Stichwort Reichweiten: Mehr Übertragungswege fordern auch die Messung heraus. Mediapulse misst die Reichweiten via Audiomatching über die Radiowatch. In Deutschland ist Audiomatching extrem umstritten. Halten Sie die Bedenken für berechtigt?
Nutzungsforschung ist immer eine Frage der Konventionen. Man muss sich auf etwas einigen. In Deutschland ist das eine Cati-Befragung. Wir wiederum setzen auf Messung. Die Ergebnisse der Methoden sind nicht vergleichbar. Eine Zeit lang waren deutsche Berater bei Schweizer Sendern und rieten diesen, möglichst oft den Stationsnamen im Programm zu nennen. Das hilft in Deutschland, weil die Hörer bei der Mediaanalyse dann eher den Sender erinnern, aber ist für die Schweiz falsch, weil es hier nur wichtig ist, was die Leute tatsächlich gerade hören. Ich denke, dass unsere Messung eine deutlich härtere Abfrage ist. Es hat aber auch Mut gebraucht, sie 2001 einzuführen, weil die Hörerzahlen zurückgegangen sind. Aber nun bleiben wir dabei.

Zum 1. Januar 2018 kommt ein neues Panel, schon seit Juli läuft es im Parallelbetrieb. Warum über so eine lange Zeit? Stecken Ihnen noch die Probleme bei der Umstellung des TV-Panels 2013 in den Knochen?
Wir wollen sichergehen, dass es läuft. Es ist ein neues und größeres Panel und damit gibt es einen Datenbruch. Das ist immer hässlich, weil man die Daten dann nicht miteinander vergleichen kann. Aber ich halte das neue System für sehr gut und bin froh, dass wir es bekommen. Interview: Juliane Paperlein

HORIZONT Newsletter Swiss Newsline

täglich um 17 Uhr die Top-News über den Schweizer Werbemarkt

 


Meist gelesen
stats