Swiss Leaders Dinner Über "Kreativitäts-Darvinismus" und konformistische Medien

Donnerstag, 18. Mai 2017
Hans-Ulrich Jörges, Uwe Vorkötter und Roger Köppel diskutieren am Swiss Leaders Dinner von HORIZONT Swiss.
Hans-Ulrich Jörges, Uwe Vorkötter und Roger Köppel diskutieren am Swiss Leaders Dinner von HORIZONT Swiss.
© Dieter Seeger

Am gestrigen Swiss Leaders Dinner mit über 140 Gästen diskutierten zum einen "Weltwoche"-Chefredaktor Roger Köppel und Hans-Ulrich Jörges, Mitglied der "Stern"-Chefredaktion über Populismus und Medienkritik, dann aber auch Dennis Lück, Kreativchef bei Jung von Matt/Limmat und Britta Poetzsch, Kreativchefin bei der deutschen Agentur Track über Kreativität im Zeitalter von Big Data.
In mindestens einem Punkt waren sich die Journalisten und Medienkritiker Roger Köppel und Hans-Ulrich Jörges einig: Im Vorfeld des Brexit oder des US-amerikanischen Präsidentschaftswahlkampfes kam es zu zahlreichen Fehlleistungen seitens "der Medien". In der Analyse, worin diese bestanden, gab es allerdings feine Unterschiede. Köppel sprach davon, "die Medien" seien nicht mehr Berichterstatter gewesen, sondern hätten "mit Versessenheit  gegen das Böse und den Untergang des Abendlandes" gekämpft. Einige hätten zudem eine Linie übertreten, indem sie Trump, den Köppel selbst als "No Brainer" bezeichnete, als nicht wählbar hinstellten. Was zudem aus Köppels Sicht zu kurz kam: Die Analyse darüber, weshalb fast 50 Prozent der Amerikaner Trump wählten, die Mehrheit der Briten für den Brexit stimmten oder 30 Prozent der Franzosen für Marine Le Pen.#

Sachlichkeit gegen Klamauk

Jörges hingegen kritisierte vor allem "Konformismus, Opportunismus und Alarmismus" vieler Medien. Mit Konformismus meinte er Rudel-Journalismus ("wenn alle dasselbe schreiben"), mit Alarmismus beispielsweise, wenn etwa der "Stern" vor den holländischen Wahlen behauptete, Geert Wilders könnte Wahlsieger werden - obwohl er in Umfragen maximal 16 Prozent Wähleranteil erreichte. Solche Medienberichte seien "schädlich" und würden "viel Verwirrung" stiften, so Jörges. Unterschiede gab es aber auch in der Art, wie die Beiden diskutierten. Köppel spielte mit Schlagworten und lancierte selbst bei ernsteren Aspekten immer wieder saloppe Begriffe oder Vergleicheund war sichtlich bemüht, primär zu unterhalten, während Jörges das Gespräch mehrmals auf sachlicheren Boden zurückbrachte. Etwa als darüber diskutiert wurde, wie die (deutschen) Medien mit der AfD umgingen. Hier beklagte Köppel "die Panzerdivisionen der Mainstream-Medien", die gegen die junge Partei aufgefahren seien, satt sich mit den Gründen, die zur Erstarkung der Partei führten, auseinander zu setzen. Jörges hingegen sagte: "Die AfD wurde von den Mainstreammedien nicht bekämpft, sondern gross gemacht, denn die Medien fanden sie hochinteressant für ihre Quoten und Auflagen."

Nichts übrig für Verharmlosungen

Ganz vehement trat Jörges Köppel entgegen, als dieser leichtfertig und fast nebenei bemerkte, Deutschland werde einen wie Björn Höcke schon überleben. "Höcke ist kein harmloser Rechter, sondern ein verkappter Nazi", hielt Jörges entgegen. Und dass die AfD sowohl rechtsbürgerliche als auch Nazi-Positionen umfasse, sei ein Phänomen, das man immer aus dem Blickfeld der deutschen Geschichte mit dem Faschismus sehen müsse, mahnte er.
(© Dieter Seeger )
Köppel versuchte es dennoch noch einmal: Er gehe davon aus, dass in Deutschland keine relevanten Strömungen existierten, die in die Hitlerzeit zurückwollen. Selbst der grösste Dummkopf habe realisiert, "dass die Zeit 1933-45 nicht zu den erfolgreichsten der deutschen Geschichte gehört." Dennoch werde sei Thilo Sarrazin "reflexartig" in der Nazi-Schublade versorgt worden, "nur weil er sich über Phänomene der Zuwanderung in Deutschland Gedanken macht."

Auch hier konterte Jörges klar und deutlich: Sarrazin sei nicht kritisiert worden, weil er sich mit der Zuwanderung beschäftigte, sondern weil er die These vertrat, wonach muslimische Zuwanderer genetisch dümmer seien als andere Menschen. "Das war seine Kernthese, die an der deutschen Vergangenheit anknüpfte", betonte er.

Schliesslich brachte Diskussionsleiter Uwe Vorkötter, Chefredaktor von HORIZONT, das Gespräch noch auf die Vermischung von Journalismus und Politik, wie es SVP-Nationalrat Köppel betreibt. Dieser verteidigte seine Doppelrolle damit, dass Schweizer Parlamentarier Milizpolitiker seien. "Wer in Bern etwas kritisiert, muss sich auch engagieren." Zudem gebe es in der SVP keinen Fraktionszwang, er bleibe immer seinem Gewissen verpflichtet. Jörges hingegen lehnte eine solche Doppelrolle ab. Von Journalisten erwarte er, dass sie Politiker auch mal kritisierten. Wie man dies sich selbst gegenüber und im eigene Blatt tun sollte, das könne er sich nicht vorstellen.

Am Anfang steht die Emotion

Beim zweiten Podiumsgespräch unter der Leitung von Eva-Maria Schmidt, vertraten sowohl Dennis Lück, Kreativchef bei Jung von Matt/Limmat als auch Britta Poetzsch, Kreativchefin bei Track, dass BigData und Kreativität in der Werbung kein Gegensatz seien. Der Sinn und Zweck von Daten in der Werbung sei es, mehr Aufmerksam für die transportierte Botschaft zu erreichen, sagte etwa Lück. Poetzsch betonte, Daten sein nichts anderes als ein weiterer Kanal, den man für die Werbung nutzen könne. "Doch Daten als solche sind noch keine Idee." Den Agenture bleibe nach wie vor die Aufgabe, die Leute für die zu transportierende Botschaft zu interessieren – entweder durch berührende oder sehr unterhaltende Geschichten, oder durch hohe Nützlichkeit.
Dennis Lück und Eva-Maria Schmidt.
Dennis Lück und Eva-Maria Schmidt. (© Dieter Seeger )
Bei einer Werbearbeit beginne er nie bei den Daten, ergänzte Lück. "Der Anfang darf nicht bei den Daten liegen, sondern bei der Emotion." Es herrsche allerdings sowohl bei Kunden als auch Agenturen eine gewisse "Datenverliebtheit", weil man dadurch bessere Resultate und Wirkungen erziele. Das führe aber auch dazu, weniger Printwerbung und auch weniger 30-Sekunden-Spots zur Anwendung kämen. Auf Youtube oder in Social Media würden sich die Leute durchaus auch mal einen zweiminütigen Spot ansehen, wenn das Storytelling gut sei.

Phantastisches Handwerk

Dem pflichtete auch Poetsch bei: Das was wir können müssen, hat sich nicht verändert: Den Kern einer Marke zu erfassen und zu wissen, wir man das nach aussen transportiert." Aber Werber müssten sich heute viel mehr Mühe geben, da die Kanäle vielfältiger geworden seien und sich niemand freiwillig mit Werbung beschäftigen wolle. Damit dies dennoch geschehe, brauche es eben "phantastisches Handwerk".
 Eva-Maria Schmidt und Britta Poetisch.
Eva-Maria Schmidt und Britta Poetisch. (© Dieter Seeger )
Auf die Frage, ob Grossfirmen wie SAP oder IBM, die eigene Agenturen dazukaufen, sah Lück nicht als Gefahr. "Dann müssen wir eben besser werden, meinte er. Konkurrenz, Reinigung und Spannung sei in jedem Geschäftsfeld gut. "Denn auf beiden Seiten werden die Besten überleben – das ist dann Kreativitätsdarwinismus." knö
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