NZZ-VR-Präsident Etienne Jornod “Quersubventionen sind Gift”

Freitag, 15. September 2017
Etienne Jornod, Verwaltungsratspräsident der NZZ-Mediengruppe: "Wir wissen genau, wohin wir wollen"
Etienne Jornod, Verwaltungsratspräsident der NZZ-Mediengruppe: "Wir wissen genau, wohin wir wollen"
© knö.

In seinem Referat am Swiss Media Forum behauptete der oberste NZZ-Chef zwar, die NZZ wisse, wohin sie wolle. Er verschwieg aber den konkreten Weg zu diesem Ziel. Hingegen distanzierte er sich klar von den Diversifizierungsstrategien von Ringier und Tamedia.

Es war für Moderatorin Susanne Wille nicht einfach, von Etienne Jornod, Verwaltungsratspräsident der NZZ-Mediengruppe, eine konkrete Aussage zur kürzlich erfolgten Trennung von CEO Veit dangler herauszubringen. Mit viel Charme spielte er auf Zeit, um am Ende bloss das wiederzugeben, was im Juni schon in der Pressemitteilung gestanden hatte: Die NZZ habe jemanden gebraucht, der ihr eine Vision für die digitale Welt erstellt – “und das hat Veit Dengler super gemacht”. Nun aber komme die Umsetzungsphase, weshalb man übereingekommen sei, dass es dafür eine andere Person brauche. “Wer das sein wird, werden Sie in ein paar Wochen oder Monaten erfahren”, sagte Jornod. Was wohl so viel heisst wie: Die NZZ sucht noch.

Zuflucht in Hoffnungen und Annahmen

Zuvor hatte Jornod in seinem Referat die Journalisten in seinem Unternehmen dazu aufgerufen, zu “Unternehmern” zu werden. Die Zeit als Individualisten und Einzelkämpfer sei vorbei. Heute müssten sie – wie in einem Fussballclub – unternehmerisch mitdenken, mit Marketing- und Technikleuten der Firma zusammen spannen und mithelfen, dass die Menschen im digitalen Zeitalter die NZZ-Inhalte dort nutzen können, wo sie sie wollen. Seine Kernbotschaft: “Produkteentwicklung, Datenanalysen oder Social-Media-Distributions-Systeme müssen im Unternehmen NZZ genau so stark sein wie der Journalismus. Sonst überlassen wir das Feld den Fake News.”
(Bild: knö.)
Allerdings müsse die NZZ, wie andere auch, erst ein neues Geschäftsmodell finden. In diesem Punkt blieb er allerdings ähnlich vage wie bei der Frage zu Veit Dengler. “Verlässliche, gut recherchierte und glaubwürdige Informationen sind heute wichtiger denn je”, meinte er etwa. Für diese Art Information gebe es einen Markt, zeigte er sich überzeugt. Auch davon, “dass die Arbeit unserer Journalisten einen hohen Wert hat”. Und er gab sich sicher: “Wir werden es langfristig schaffen, damit Geld zu verdienen.”

Ringier und Tamedia werden sich wohl bald vom Journalismus trennen

Im Gegensatz zu diesen Allgemeinplätzen war Jornod aber in einem Punkt unmissverständlich: Bei dem, was seiner Meinung nach nicht zum NZZ-Geschäftsmodell gehört. “Ich glaube nicht an Quersubventionierung”, sagte er geradeheraus. “Quersubventionierung sind Gift.” Denn wer in verschiedene Geschäftsbereiche diversifiziere, werde früher oder später den schwächsten Bereich opfern. “Das ist eine Regel ohne Ausnahme.” Sei aber die Publizistik das Kerngeschäft, wie dies die NZZ-Mediengrupe vor vier Jahren aufgrund ihrer Statuten bekräftigt hatte, dann müsse man auch auf dieses Kerngeschäft fokussieren. Und der VR-Präsident gab sich überzeugt: “Unser Wachstum wird von neuen, besseren publizistischen Angeboten kommen.” Deshalb könne es für die NZZ nicht das Ziel sein, digitale Plattformen aufzukaufen, die nichts mit Journalismus zu tun haben.” Ein Autobauer unterhalte auch keinen Pferdestall, bloss weil Fahrzeuge früher einmal von Pferden gezogen wurden. Trotz der absolut gewählten Worte betonte Jornod, dass er diese “nicht als Kritik an der Strategie anderer Medienhäusern” verstanden haben will. Allerdings schob er sofort erneut warnend nach: “Wenn jemand Geschäfte mit Pferden und Autos betreiben will, muss er bereit sein, irgendwann eines von beiden zu opfern. Das ist eine Grundregel der Wirtschaft.”

Die NZZ nimmt gewinnschwache Jahre in Kauf

Zurück zur NZZ: Nach der Fokussierung vor vier Jahren ist die NZZ heute gemäss Jornod bereit für die zweite Phase, den Aufbruch: Eine “klare Mehrheiit” der NZZ-Leser würde regelmässig die digitalen Plattformen nutzen. Auch habe man nahezu alle NZZ-Produkte neu aufgesetzt, egal ob Print oder Online, sowie das Businessmedien-Portfolio durch Zukäufe erweitert. Wesentlich sei ferner, dass die Regionalmedien Synergien und kritische Masse beisteuerten.
(Bild: knö.)
Nun brauche es eine konsequente Umsetzung der Vision. “Wir wissen genau, wohin wir wollen”, sagte Jornod. Weil die NZZ bisher aber nicht in Forschung und Entwicklung investiert habe, sei dies nun nötig, um die eigenen Produkte zu verbessern, sie für die Zukunft attraktiv zu machen und sie noch besser zu vermarkten. Solche Investitionen seien aber nicht möglich, ohne den Gewinn zu schmälern. Das habe er auch den Aktionären gesagt. “Wir müssen säen, bevor wir ernten”, so Jornod. Allerdings liess er durchblicken, dass es keine Garantie auf Erfolg gibt, auch bei der NZZ nicht. “Wenn wir nichts ausprobieren, ist unser Tod garantiert, sagte er. “Wenn wir aber etwas ausprobieren, dann schaffen wir es vielleicht.” Die Hauptfrage aber blieb: Was genau will er nun ausprobieren? knö

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