"Medienclub" Uneinigkeit darüber, wer der Medienvielfalt nützt und wer sie gefährdet

Donnerstag, 02. November 2017
Von links: Susan Boos (WoZ), Christoph Blocher (Zehnder-Titel, BaZ), Moderator Franz Fischlin, Jacqueline Badran (SP), Arthur Rutishauser, Chefredaktor "Tages-Anzeiger"/"SonntagsZeitung"
Von links: Susan Boos (WoZ), Christoph Blocher (Zehnder-Titel, BaZ), Moderator Franz Fischlin, Jacqueline Badran (SP), Arthur Rutishauser, Chefredaktor "Tages-Anzeiger"/"SonntagsZeitung"
© Screenshot srf.

Wer investiert noch in Journalismus? Diese Frage stand im Zentrum des SRF-"Medienclubs" vom Dienstag. Diskutiert wurde aber eher, wer und was die Medienvielfalt und den Qualitätsjournalismus am meisten gefährde. Zur Auswahl standen Google, Facebook, das Internet, die SRG, Tamedia, Ringier und Christoph Blocher.
An der Diskussionsrunde nahm auch SVP-Stratege und Grossverleger Christoph Blocher teil. Doch wer sich mehr Informationen zur Medienstrategie seiner Zeitungshaus AG mit "Basler Zeitung", Zehnder-Gratistitel und Mantelprojekt mit der "Südostschweiz" erhofft hatte, sah sich enttäuscht: Dazu gab es keine neuen Einsichten. Stattdessen stellte sich Blocher mit seinen Zeitungskäufen als Ermöglicher von Medienvielfalt und Verhinderer einer weiteren Pressekonzentration dar. Denn wenn das "St. Galler Tagblatt" (und damit die NZZ-Mediengruppe) die Zehnder-Titel gekauft hätte, würden diese als Konkurrenten still gelegt", sagte er. Solche Gratiswochenzeitungen seien aber wichtig, insbesondere fürs lokale Gewerbe. Aber er kaufe keine Zeitungen als Hobby. "Sie müssen wirtschaftlich sein und rentieren", betonte er.
Christoph Blocher
Christoph Blocher (© zvg.)
Einen kurzen Moment spannend wurde es, als Moderator Franz Fischlin daraufhin fragte, ob denn die BaZ trotz Auflagenverlust von 40 Prozent noch rentiere. Eine konkrete Antwort gab Blocher zwar nicht, er meinte aber, die 40 Prozent Auflagenverlust seien nicht allein auf seinen Kauf von 2010 zurückzuführen, die BaZ habe schon vorher verloren. Aber mit dem vorgenommenen Richtungswechsel hin zu einer "stark bürgerlichen Zeitung" habe man mit einer Auflagenreduktion von 30 Prozent gerechnet. Mittlerweile spüre die BaZ wieder Boden unter den Füssen.
Jaqueline Badran
Jaqueline Badran (© Screenshot srf.)
Jacqueline Badran, Unternehmerin und SP-Nationalrätin griff hier allerdings korrigierend ein: Die BaZ habe seit Blochers Einstieg sogar 50 Prozent ihrer Abos verloren, sagte sie. Ein nicht unwesentlicher Einwand, würde das doch bedeuten, dass Blocher sich bei der BaZ ziemlich verrechnet hat. An dieser Stelle erlaubt sich HORIZONT Swiss deshalb einen Faktencheck:

Fakten-Check zur Auflagen-Entwicklung der BaZ

Gemäss den jährlichen Auflagebulletins der Wemf wies die BaZ im Jahr 2010, als der vorgeschobene Käufer Martin Wagner erste Auflagenkoreekturen vornahm und Markus Somm als Chefredaktor antrat, eine verkaufte Auflage von 83.773 Exemplaren auf. Nach sieben Jahren Blocher und Somm verkauft sie nun noch 44.119 Exemplare (inklusive E-Paper), ein Rückgang um 47.3 Prozent.

Allerdings lässt sich die Auflage von 2010 nicht 1:1 mit der aktuellen vergleichen, weil in der Zwischenzeit die Erhebungsmethodik geändert hat und strenger wurde. So werden seither beispielsweise alle Ferienunterbrüche aus der Auflage rausgerechent, was diese vermindert. Ein Teil des Rückgangs ist also auch auf darauf zurück zu führen. Wie viel dies ausmacht, lässt sich nicht sagen, im Falle der BaZ dürfte es sich aber um maximal 5500 Exemplare oder 7 Prozent handeln. Somit lag Fischlin durchaus richtig, als er den Auflagenverlust mit 40 Prozent bezifferte, 10 Prozent höher als von Blocher seinerzeit einkalkuliert.

Bei der Anzahl Abos hingegen hat Badran etwas zu hoch gegriffen. 2010 wies die BaZ noch 75.502 bezahlte Abos aus (inklusive E-Paper), heute sind es noch 39.163, reon rechnerisch ein Rückgnag um 48.1 Prozent. doch auch hier ist der Methodikwechsel zu berücksichtigen, weshalb ein Abo-Rückgang um 41 bis 43 Prozent realistischer ist. Aber auch dies ist natürlich mehr als Blocher einplante.
Doch zurück zur Diskussion: Badran mochte Blocher nicht glauben, dass er die Zeitungskäufe mit uneigennützigen Motiven getätigt habe. "Du tust so, wie wenn du die Schweiz retten willst mit Medienvielfalt. Doch wer die Medien kontrolliert, kontrolliert die Köpfe der Leute." Genau darum gehe es auch beim Mantelkonzept zwischen BaZ und "Südostschweiz". An dieser Stelle hakte Susan Boos, Redaktionsleiterin bei der WOZ, ein: "Dieses Mantelkonzept ist auch Medienkonzetration, nicht Vielfalt." Was Blocher sofort unumwunden zugab. Das Konzept diskutiere man auf Betreiben der "Südostschweiz", rechtfertigte er sich. Noch sei es aber nicht beschlossen. Allerdings verstand er nicht, weshalb man nun so darauf herumhacke, da doch bereits viele andere Mantelkonzepe existierten.
Susan Boos
Susan Boos (© Screenshot srf.)
Arthur Rutishauser, Chefredaktor von "Tages-Anzeiger" und "SonntagsZeitung", kam hier Blocher zu Hilfe. Mit Mantelkonzepten könne man sparen, "ohne die Medienvielfat zu gefährden", sagte er. Denn niemand lese gleichzeitig eine Zürcher und eine Berner Zeitung. Letztlich aber machte Rutishauser eine schlechte Figur, zum einen, weil er primär als Stimme seiner Herren Christoph Tonini und Pietro Supino auftrat. Zudem hatte er gegen Badran und Boos nicht den Hauch einer Chance. Etwa als es um das Thema Onlinerubriken ging. Badran wies darauf hin, dass die Gewinne aus den Rubrikeninserate früher die Zeitungen mitfinanziert und somit auch den Journalismus ermöglicht hätten. Als sie ins Internet abwanderten, hätten sie Tamedia (und Ringier) zwar als Onlineportale zurückgekauft, würden sie jetzt aberals eigenständige Profitcenter betrachteten und deren Gewinne nicht mehr in den Journalismus inverstieren.
Arthur Rutishauser
Arthur Rutishauser (© Screenshot srf.)
Rutishauser versuchte sich zwar zu rechtfertigen, brachte aber nichts Substantielles heraus. Ähnlich erging es ihm, als Fischlin fragte, ob es ein Fehler war, dass die Verleger während rund 20 Jahren ihre Inhalte gratis ins Internet stellten. Hier wich der Chefredaktor aus, indem er es mit SRG-Bashing probierte. 
"Das Problem ist, dass die SRG alles gratis ins Internet stellt: Das ist unsere Konkurrenz." Denn dies gefährde die Medienvielfalt. Das wollte aber seine Printkollegin Susan Boos so nicht stehen lassen. "Das Problem sind weder die SRG noch ihre Website, sondern Facebook und Google", sagte sie. Weil sich die Jungen primär auf Social Media tummeln und weder auf die originären Zeitungsseiten gehen noch fernsehen, würden 75 Prozent aller neuverdienten Werbegelder zu den Tech-Giganten fliessen. Auch die Einnahmen der SRG seien ja gesunken. Gestiegen seien einzig jene der ausländischen Werbefenster. "Man muss eben schauen, wer wirklich Geld abzieht." Und noch etwas fügte sie an: "Dadurch, dass Tamedia die Gratiszeitung "20 Minuten" betreibt, kanibalisiert sie die eigenen Zeitungen."

Doch was ist zu tun? Blocher kündigte an, für die "No-Billag"-Initiative zu stimmen. "Es muss endlich etwas passieren." Und der Milliardär deutete an, dass ihm die 450 Franken Gebühren pro Jahr zu viel seien. Boos plädierte für die Subventionierung von Aus- und Weiterbildung und auch bei den Posttarifen. Die WOZ erhalte für Letzteres aktuell etwa 200.000 Franken pro Jahr. "Das hilft uns sehr." Rutishauser plädierte für eine weitere Senkung der Posttarife. Und Badran brach eine Lanze für die SRG. "Sie ist der einzige Monopolbrecher." Die Frage sei, wie man 
künftig den Journalismus möglichst staatsfern finanziere. knö

 




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