Freundliche Grüsse "Awards sind wichtig und machen Freude"

Mittwoch, 15. Februar 2017
Geschäftsführung von Freundliche Grüsse: Patrick Biner, Pascal Deville und Samuel Textor (r.)
Geschäftsführung von Freundliche Grüsse: Patrick Biner, Pascal Deville und Samuel Textor (r.)
© Freundliche Grüsse

!Ein weiteres Ausrufezeichen. Seit 2014 gibt es einige. Der Titel als „Newcomer-Agentur des Jahres“, verliehen von der Jury des „Jahr der Werbung“-Wettbewerbs, ist das jüngste, das Pascal Deville und Samuel Textor seit der Gründung ihrer Agentur „Freundliche Grüsse“ vor etwas mehr als zwei Jahren gesetzt haben.

Das älteste Ausrufezeichen dürfte auf einer Postkarte aus Bregenz stehen: Textor hatte die Ausstellung des chinesischen Künstlers Ai Weiwei im Kunsthaus besucht und von dort an seinen Kompagnon geschrieben: „Lass uns unsere eigene Agentur aufmachen!“ Die Zeit war reif: „Pascal und ich hatten schon lange die Idee, eine eigene Agentur aufzubauen. Schließlich durften wir für eine andere Agentur die Kreativabteilung aufbauen. Dieser Testlauf war erfolgreich“, sagt Textor.

Denkmalgeschützte Aitektur: Das Büro von Freundliche Grüsse in Zürich
Denkmalgeschützte Aitektur: Das Büro von Freundliche Grüsse in Zürich (Bild: Freundliche Grüsse)
In den 22 Monaten nach Gründung als Zwei-Mann-Agentur gab es dann einige Ausrufezeichen: Bei Wettbewerben wie Cannes Lions, ADC Europe, Cannes Corporate, Swiss Effie, Crossmedia Award, Best of Swiss Web, ADC und Eurobest hat Freundliche Grüsse 2015 und 2016 neun Preise sowie einige Nominierungen, Final- und Shortlist-Plätze für Kunden wie Brack.ch, Sonova, FC Zürich, Allianz und Sozialdemokratische Partei geholt. „Awards sind schon wichtig, um die Sichtbarkeit als Agentur zu erhöhen – und machen Freude“, fasst Creative Director Textor geerdet sein Verhältnis zum Awardzirkus zusammen.

"Hörerinnerungen für Hansaton
"Hörerinnerungen für Hansaton (Bild: Freundliche Grüsse)
Auch die wirtschaftliche Performance der Agentur ist ein Statement – eins, das zu Deville und Textor passt: konsequent, zielgerichtet, ambitioniert, aber nicht hysterisch und laut. Dank 16 Kundengewinnen ist der Umsatz seit der Gründung deutlich gestiegen. Nicht sprunghaft, aber fortlaufend, immer zweistellig. Mehr will Textor nicht veröffentlichen. Es reicht, wenn die Zahlen in den Büchern stehen und in der Präsentation für die Jury des JdW, die es zu überzeugen galt. Seit der Preisverleihung der JdW-Megaphone ist klar: Deville und Textor haben richtig kalkuliert, die Ausrufezeichen ihre Wirkung nicht verfehlt – ein weiterer Preis gesellt sich nun zu den Trophäen, die die Agentur in ihrem Zürcher Büro in einem kniehohen Regal wenig prätentiös im Durchgang zwischen zwei Räumen aufgestellt hat.

Return to Sender: Mehrstufige Kampagne für Public Eye (ehemals Erklärung von Bern), um auf die Luftverschmutzung durch minderwertige Rohstoffe aufmerksam zu machen - ein Container voll schlechter Luft geht zurück in die Schweiz
Return to Sender: Mehrstufige Kampagne für Public Eye (ehemals Erklärung von Bern), um auf die Luftverschmutzung durch minderwertige Rohstoffe aufmerksam zu machen - ein Container voll schlechter Luft geht zurück in die Schweiz (Bild: Freundliche Grüsse)
Ähnlich pragmatisch gehen die Agenturchefs auch mit dem Mitarbeiterwachstum um: „Unsere Strategie ist es, langsam zu wachsen. Wir wollen nicht um des Wachsens willen größer werden, sondern dann, wenn es sein muss“, sagt Textor. So ist aus dem Zwei-Mann-Start-Team eine heute 15 Mitarbeiter starke Mannschaft geworden, die in einer ehemaligen Glaserei in der Bäckerstraße in Zürich ihr denkmalgeschütztes Zuhause gefunden hat. Ganz in der Nähe residiert der FC Zürich, dessen Frauenmannschaft Freundliche Grüsse bereits seit 2014 kommunikativ betreut. In ihrem Auftrag ist eine für die Agentur exemplarische Arbeit entstanden, die zeigt, wie das Team um Deville und Textor arbeitet.

Für die Frauen vom FC Zürich haben Freundliche Grüsse die Begleitmänner kreiert
Für die Frauen vom FC Zürich haben Freundliche Grüsse die Begleitmänner kreiert (Bild: Freundliche Grüsse)
Leicht war die Aufgabe nicht: Denn die FCZ-Frauen spielten Champions League – aber niemand wusste es. Das sollte Freundliche Grüsse ändern – ohne Mediabudget. Ihre Lösung: Der FCZ lud Männer statt Kinder ein, an der Seite der Frauen zum nächsten Champions-League-Spiel einzulaufen. Die Begleitmänner waren geboren. Eine Idee, die innerhalb von 24 Stunden mehr als 1700 Männer antrieb, sich als Escortman zu bewerben, ein großes Medienecho auslöste – Freundliche Grüsse beziffert es auf mehr als 2 Millionen Schweizer Franken Earned Media – und zehnmal mehr Zuschauer zum Champions-League-Spiel der FCZ-Frauen ins Stadion lockte. Außerdem beeindruckte der Case auch die Jurys beim Schweizer ADC und Effie sowie dem Eurobest und in Cannes. „Wenn wir von einer Idee überzeugt sind, versuchen wir auch, sie durchzusetzen. Das setzt natürlich voraus, dass man weiß, worüber man spricht, und begründen kann, warum dieser Weg der richtige wäre“, umschreibt Textor die Arbeitsweise seiner Agentur, die hinter Lösungen wie der für den Zürcher Fußballverein steckt.

Tatsächlich sind Deville und Textor keine Anfänger. Beide haben sich ihre Meriten bei Agenturen wie Y&R Switzerland, Jung von Matt/Limmat, Draft FCB Lowe und Scholz & Friends (Textor) sowie Nextage, Futurecom und Wunderman (Deville) verdient. Den digitalen Hintergrund, den vor allem Deville mitbringt, will Textor allerdings nicht in den Vordergrund stellen. „Wir haben eine starke digitale Geschichte, sind aber einfach ideengetrieben und machen Kommunikation“, betont er. Die sollte heute wirklich jede Agentur frei von Silos denken, ist er überzeugt.

Auf brutalistwebsites.com/ sammelt Pascal Deville Websites im Retrolook
Auf brutalistwebsites.com/ sammelt Pascal Deville Websites im Retrolook (Bild: http://brutalistwebsites.com/)
Überhaupt sind Silos im Kopf etwas, womit Freundliche Grüsse gar nichts anfangen kann. Das gilt sowohl für die eigenen Mitarbeiter, unter denen auch ein Quereinsteiger wie der Schweizer Rapper und DJ Gregoire Vuilleumier aka Greis einen Platz findet, weil er sich in der Werbung ausprobieren möchte und nach Ansicht des Agenturchefs das nötige Talent mitbringt; das zeigt die Agentur auch bei der Zusammenarbeit mit dem Schweizerischen Arbeiterhilfswerk Zürich, mit dem Freundliche Grüsse das Pilotprojekt „Integrated“ gestartet hat, um Flüchtlingen Arbeitsfelder zu zeigen und sie darin zu beschäftigen; und nicht zuletzt der von Deville vorangetriebene Designtrend „Brutalism“ (Websites wie aus einem Baukastensystem, die daherkommen wie in den Urzeiten des Internet), den er auf seinem Portal Brutalistwebsites.com dokumentiert, offenbart, wie gerne die Zürcher Werber immer wieder über den Tellerrand ihres Tagesgeschäfts schauen.

Res Matthys vertritt Freundliche Grüsse in Berlin
Res Matthys vertritt Freundliche Grüsse in Berlin (Bild: Freundliche Grüsse)
Gerne auch im „wichtigen Kreativ-Hotshop Berlin“ (Textor), wo die Agentur inzwischen unter der Leitung von Res Matthys ein zweites Büro betreibt. „Ich arbeite dort mit einem Kern-Team von Kreativen zusammen, mit dem ich schon seit Jahren erfolgreich Projekte realisiere“, erzählt Matthys, der so auch den Zugang zu „spannenden Talenten“ und Werbefilmprodukionsfirmen wie Sehsucht findet. Eva-Maria Schmidt

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