Christoph Toninis Appell: "Wir sind bereit, weitere Partner ins Audience-Geschäft einzubinden"

Freitag, 22. Dezember 2017
Noch kurz vor Weihnachten und rechtzeitig zum Neuen Jahr richtete Christoph Tonini einen Appell an alle andern Medienbetreiber in der Schweiz - wohl vorab an Peter Wanner, Etienne Jornod, Gilles Marchand, Marc Walder und Urs Schaeppi.
Noch kurz vor Weihnachten und rechtzeitig zum Neuen Jahr richtete Christoph Tonini einen Appell an alle andern Medienbetreiber in der Schweiz - wohl vorab an Peter Wanner, Etienne Jornod, Gilles Marchand, Marc Walder und Urs Schaeppi.
© zvg.

Tamedia-CEO Christoph Tonini geht davon aus, dass die Übernahme der Goldbach Group bis April abgeschlossen werden kann. Dann will er das Digitalgeschäft von Goldbach und Tamedia weitgehend bündeln. Doch um Google und Facebook Paroli bieten zu können, hält er Tamedia/Goldbach noch immer für zu klein. Tonini appellierte deshalb an weitere Schweizer Inhalteanbieter, zusammen zu arbeiten. Angesprochen sind vorab Admeira und NZZ/AZ.
"Das Zusammengehen des grössten Medienanbieters und des grössten Vermarkters sehen wir als echte Chance für den Schweizer Medien- und Werbemarkt", sagte Tamedia-CEO Christoph Tonini heute an der kurzfristig einberufenen Medienkonferenz.
(© Tamedia)
Er begründete dies einerseits mit dem komplementären Portfolio – Tamedia hat Print, digitale Medienbrands, Onlinerubriken, Onlinemarktplätze und bald auch Digital out of Home (DOOH), Goldbach vermarktet Radio, TV, DOOH und Online. Beide haben ihr Kerngeschäft in der Schweiz, sind aber auch in Deutschland und Österreich tätig (Tamedia zudem noch in weiteren Ländern).
Beide sind im DACH-Raum aktiv.
Beide sind im DACH-Raum aktiv. (© zvg.)
Und wenn sie ihr Digitalgeschäft weitgehend zusammenlegen, was geplant ist, dann erreichen die Beiden zusammen eine monatliche Reichweite von geschätzten rund 80 Prozent der Schweizer Bevölkerung.
Gemeinsam kommen Goldbach und Tamedia auf eine ähnliche (monatliche ) Reichweite wie Facebook und Google.
Gemeinsam kommen Goldbach und Tamedia auf eine ähnliche (monatliche ) Reichweite wie Facebook und Google. (© zvg.)
Damit stünden sie, so schätzte Tonini, in der Schweiz etwa an dritter Stelle, nach Google (90 Prozent) und Facebook (80 Prozent). "Wir können dann punkto Reichweite definitiv auf Augenhöhe mit den beiden amerikanischen Giganten operieren – das ist in der Schweiz einzigartig." Die Vision sei es, den Werbekunden 360°-Angebote über alle Medientypen anzubieten. "Das macht so kein anderer Anbieter, auch Admeira nicht." Gemeinsam könne man auch besser in die Technologie investieren, die man für das verbesserte Medienangebote und zielgenaueres Targeting benötige.

"Wir sind immer noch zu klein"

Wobei sich Tonini bewusst war, dass der Reichweitengewinn durch das neue Zusammengehen nur relativ gering sein würde, kommt doch Tamedia schon heute – inklusive der nicht gemessenen Portale – bereits auf rund 80 Prozent. Mit dem digitalen Portfolio von Goldbach erreiche Tamedia künftig aber eine deutlich verbesserte Datentiefe, betonte der CEO. Allerdings gab sich Tonini auch diesbezüglich keinen Illusionen hin: "Wir kommen zwar wie Facebook auf eine Reichweite von 80 Prozent – jedoch nur pro Monat! Facebook hat aber weiterhin viel mehr Traffic pro Tag als wir." Und fast etwas kleinlaut gestand er: "Ich sage es ungern, aber wir sind immer noch zu klein." Daraufhin setzte er aber gleich zweimal zu einem "Appell" an – wie er es nannte: "Wir sind bereit, weitere Partner ins Audience-Geschäft aufzunehmen." Das sei nötig, um eine "echte Alternative zu den beiden Giganten" zu schaffen. Denn zur Zeit würden 90 Prozent jener Werbespendings, die neu zusätzlich in den Digitalbereich investiert werden, den beiden Amerikanern zufliessen. Das könne es doch nicht sein: "Wir müssen deshalb versuchen, weitere Schweizer Partner einzubinden, um für die Schweiz eine richtige Lösung zu schaffen." Auf die Frage eines Journalisten, ob Tamedia dafür nicht auch mit Admeira zusammenspannen müsste, sagte Tonini vielsagend: "Wir müssen nicht, aber wir könnten. Wir können uns sehr viel vorstellen." Aus den Zusammenhang wurde zudem klar: Für (Vermarktungs-)Kooperationen kämen ebenso AZ Medien und NZZ infrage, auch wenn sie nicht ausrücklich erwähnt wurden. Wie die weiteren "Partner" genau eingebunden werden sollten, blieb hingegen noch völlig offen.

Parallelen zu Admeira

Spannend an diesem "Appell" ist, dass er ähnlich lautet wie das Angebot, das vor gut zwei Jahren SRG, Ringier und Swisscom lanciert hatten, als sie ihre Werbeallianz bekanntgaben. "Wir wollen den global agierenden Unternehmen mit dieser Partnerschaft eine starke Schweizer Alternative entgegenstellen, innovative, neue Werbeformen entwickeln, den Schweizer Werbemarkt stärken und so die Wertschöpfung in der Schweiz halten", sagt Ringier-CEO Marc Walder damals. Die Drei betonten zudem, dass "die Dienstleistungen des Unternehmens allen Werbeauftraggebern, Agenturen sowie weiteren Anbietern von Werbeinventar offen stehen" würden. Später fügten sie hinzu, dass auch das Aktionariat erweitert werden könne.
Die drei Initianten der ersten Werbeallianz: von links) Marc Walder (Ringier), Roger De Weck (SRG), Urs Schaeppi (Swisscom).
Die drei Initianten der ersten Werbeallianz: von links) Marc Walder (Ringier), Roger De Weck (SRG), Urs Schaeppi (Swisscom). (© Admeira)

"Schweizer Werbemarkt im globalisierten Wettbewerb stärken"

Begründet wurde die Allianz jedoch ganz ähnlich wie aktuell von Tamedia/Goldbach: Der Zusammenschluss ermögliche die gemeinsame Entwicklung neuer Werbeformen und -technologien in der Schweiz. Und es sei das erklärte Ziel, "den Schweizer Werbemarkt im globalisierten Wettbewerb nachhaltig zu stärken." Allein Google und Facebook hätten im Jahr zuvor einen Marktanteil von gegen 50 Prozent im digitalen Werbemarkt der Schweiz erreicht, arguementierten die drei Partner weiter. 
"Durch die Bündelung komplementärer Kompetenzen und Kräfte soll eine schlagkräftige und zukunftsträchtige Vermarktungsorganisation geschaffen werden, die keine der drei beteiligten Partner im Alleingang anbieten könnte." – Doch wie waren die drei Partner damals verlacht worden – insbesondere von Verlegern und Goldbach! Der Versuch, gegen Google und Facebook antreten zu wollen, sei absurd und grössenwahnsinnig, hiess es damals. Mittlerweile sieht man es offenbar anders. knö
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