Interview mit Christof Kaufmann, Teil 3/3 "Mein Ziel ist es, nächstes Jahr beim Nettoumsatz 20 Prozent zuzulegen"

Donnerstag, 08. Dezember 2016
Christof Kaufmann, CEO von Werbeweischer Schweiz: "Wir sind das einzige Medium, inklusive digitale Medien, das nach effektivem Kontakt abrechnet."
Christof Kaufmann, CEO von Werbeweischer Schweiz: "Wir sind das einzige Medium, inklusive digitale Medien, das nach effektivem Kontakt abrechnet."
© knö.

Seit drei Monaten ist Christof Kaufmann CEO beim Kinovermarkter WerbeWeischer Schweiz. In den ersten zwei Teil dieses Interviews sagte er, was er Revolutionäres für das Medium Kino plant. Im vorliegenden dritten und letzten Teil spricht er über die Sträken und Schwächen des Mediums Kino, wie es sich aktuell in der Schweiz präsentiert.
WerbeWeischer Schweiz vermarktet seit einem Jahr rund 460 von 577 Screens oder 80 Prozent aller Kinos in der Schweiz. Wann werden es alle sein? Nie. Denn es gibt Kinobesitzer, die bewusst auf Werbung verzichten. Und es gibt andere, die ihre Screens selbst vermarkten wollen. Mit letzteren könnten wir zwar noch ins Geschäft kommen, aber es ist nicht unsere Ambition, absolut alle vermarkten zu können. Die Wochen-Nettoreichweite des Mediums Kino in der Schweiz beträgt 2 bis 3 Prozent. Damit würde Kino beim andern Bewegtbildmedium TV zum "Longtail" gehören, also bloss unter "ferner liefen" erscheinen. Kino wird nie ein Reichweitenmedium sein. Wer Kino nur an der Reichweite misst, verkennt jedoch die bereits erwähnte Hebelwirkung aufgrund der einzigartigen physischen und psychischen Dimensionen. Aber mit jährlich rund 15 Millionen Besuchern sind wir unter allen Gesichtspunkten ein recht stabiles Medium.
„Kino wird nie ein Reichweitenmedium, es ist aber mit jährlich 15 Millionen Besuchern recht stabil.“
Christof Kaufmann, CEO Werbeweischer Schweiz.
Der Nettowerbeumsatz des Kinos betrug 2015, noch unter dem Duopol von Publicitas Cinecom und Werbeweischer, 34 Millionen Franken – der  höchste Stand der letzten zehn Jahre. Wie steht es 2016. Dieses Jahr ist schwächer als das letzte.
Wird bereits spürbar, dass nur noch ein Vermarkter im Markt weibelt, also Kino weniger präsent ist bei den Kunden? Das ist möglich. Aber wohl auch unumgänglich. Denn nach einem solchen Merge war eine Sicht nach innen zunächst nötiger als gegen aussen, denn es musste erst eine neue Einheit entstehen. Das ging wohl vorübergehend auf Kosten der Kundenkontakte. Aber es gibt noch andere Gründe: 2016 war kein gutes Werbejahr, auch für andere Medien nicht. Hinzu kommt: 2015 war mit "James Bond" und "Star Wars" ein starkes Filmjahr, 2016 fehlten solche Streifen, 2017 dürfte es wieder besser werden, wenn man etwa an "Fifty Schades Darker" denkt, der im Februar startet – oder auch an "Pirates of the Caribbean 5". Mein Ziel ist es, nächstes Jahr gegenüber 2016 beim Nettoumsatz 20 Prozent zuzulegen.

Wie viele Personen hat WerbeWeischer Schweiz eigentlich von Publicitas Cinecom übernommen? Etwa 15 Personen, insgesamt sind wir heute knapp 30 Mitarbeitende.
 Christof Kaufmann: "Die Schweizer Kinos gehören technisch durchaus zur europäischen Spitze."
Christof Kaufmann: "Die Schweizer Kinos gehören technisch durchaus zur europäischen Spitze." (© knö.)
Kino hat in der Schweiz einen Marktanteil bei den Netto-Werbespendings von weniger als 1 Prozent. Wie gross ist das Potenzial? Ich bin eine sehr ambitionierte Person und sehe das Potenzial bei 1,5 Prozent, darauf zielen wir in den nächsten Jahren hin. Ernsthaft! Wenn wir unser Angebot vereinfachen, das Buchen automatisieren, die neue Forschung umsetzen und in die TV-Planungstools einspeisen, und wenn wir uns bei den Kunden und Agenturen als Problemlöser in wichtigen Situationen positionieren können, dann ist das ein erreichbares Potenzial.

Der Tausendkontaktpreis 2014 lag bei 11.50 Franken und stieg bis 2016 um knapp 2 Prozent. Was haben Sie für 2017 vor? Über die letzten fünf Jahre betrachtet, inklusive 2016, hatten wir praktisch keine Preiserhöhung. Nun passen wir die Preise bei bestimmten Produkten 2 bis 3 Prozent an. Was mir aber noch wichtig erscheint: Wir sind das einzige Medium, inklusive digitale Medien, das nach effektivem Kontakt abrechnet. Wir reden im Kino ja nicht von Kontaktchancen, sondern von effektiv erreichten Personen. Ehrlich gesagt schmunzle ich über den "true view"-Ansatz von Youtube, denn wir haben die härtere Währung, nämlich "real view".
„Wir reden im Kino ja nicht von Kontaktchancen, sondern von effektiv erreichten Personen.“
Christof Kaufmann, CEO Werbeweischer Schweiz.
Wo stehen die Schweizer Kinos punkto technischer Ausstattung? Ein Beispiel: Wir haben in der Schweiz, in Zürich und Genf, zwei 4DX-Säle, im Tessin kommt wohl bald ein Dritter hinzu. In Deutschland hingegen gibt’s keinen einzigen. Und in rund 300 Kinosälen lassen sich mittlerweile 3D-Filme abspielen. Die Schweizer Kinos gehören technisch durchaus zur europäischen Spitze.

Wie sehen Sie die Entwicklung des Mediums? In den letzten Jahren boomten vor allem Multiplexe (8 bis 18 Leinwände): 13 solcher Grosskinos mit total 132 Sälen verzeichneten 2015 rund 36 Prozent aller Kinobesuche. Dieser Boom hält wohl weiter an, es sind noch weitere im Bau. Den Betreibern bringt das Vorteile: Sie können zu verschiedenen Zeiten ein breiteres Angebot an Filmen präsentieren und ihre Gesamtkosten aufteilen. Es gibt aber auch einen Paralleltrend: Einzelne Stadtkinos mausern sich zu gediegenen Filmsalons, die beispielsweise Paaren, die einen schönen Abend verbringen wollen, ein ausgeprägtes Gesamterlebnis bieten. knö

Dieses dreiteilige Interview erschien bereits in einer gekürzten Version in der Print-Ausgabe von HORIZONT.


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