Cannes-Lions-Nachlese Alle für Vielfalt

Donnerstag, 29. Juni 2017
Getty Images bot bei den Cannes Lions ein Seminar zum Thema „Stereotype Wahrnehmung“ an
Getty Images bot bei den Cannes Lions ein Seminar zum Thema „Stereotype Wahrnehmung“ an
© Cannes Lions Daily

Die Themen Gender und Diversity prägen Wettbewerbsbeiträge, Jurys und Programm. Der thematische Fokus macht klar, es muss noch viel passieren bis Vielfalt in der Kreativindustrie real wird. 

Gender und Diversity – beide Themen waren dieses Jahr bei den Cannes Lions omnipräsent: Allein im offiziellen Programm konnten Besucher rund 25 Vorträge, Diskussionen und Seminare zu Gleichstellung und Vielfalt finden. Im Rahmenprogramm hatten sich unter anderem Saatchi & Saatchi mit dem Young Director’s Showcase, die Girl’s Lounge und IPG das Thema Frauenförderung auf die Fahne geschrieben.

In der Festivalzeitung: Unilever machte sich gegen Stereotype stark
In der Festivalzeitung: Unilever machte sich gegen Stereotype stark (Bild: Cannes Lions Daily)
Und auch die Jurys waren davon geprägt: Dank der Anforderung des Veranstalters an die nationalen Festivalrepräsentanten, auch Frauen für die Gremien zu nominieren, wurden sie zu 43 Prozent mit weiblichen Kreativen besetzt. Die Cannes Lions hatten zudem die Juroren gebrieft, auf stereotype Darstellungen von Frauen und Männern zu achten. Ein Hinweis, der bei den Juroren unterschiedlich ankam – genau wie die starke Präsenz von Kampagnen, die eines dieser Themen kommunikativ besetzt hatten und einen Löwen ergattern konnten.

„„Die Stimmung in der Jury ist anders, wenn sie divers besetzt und kein Old-Boys-Club ist“ “
Timm Weber, Publicis Pixelaprk
„Wir haben viel darüber diskutiert, ob es die Werbungtreibenden mit Themen wie LBGT, Gender und Diversity tatsächlich ernst meinen oder ob sie nicht einfach auf den Zug aufspringen, weil sie so vielleicht einfacher einen Löwen gewinnen können“, berichtet PR-Juror Matthias Bonjer (Zucker). Selbst an der mit vier Grands Prix (PR, Outdoor, Glass und Titanium) und insgesamt 18 Löwen ausgezeichneten Statue „Fearless Girl“, die McCann New York für State Street Global Advisors im Finanzzentrum von Manhattan inszeniert hat, gab es Kritik: Zwar gibt es keinen Zweifel an Idee, Umsetzung und Wirkung der Arbeit – kritisiert wurde aber, dass auch bei State Street Global Advisors 75 Prozent in der Führungsspitze männlich sind.

Für die Arbeit in der Jury habe sich das Engagement der Cannes Lions für Gleichstellung gelohnt, urteilt Cyber-Juror Timm Weber (Publicis Pixelpark): „Verschiedene Perspektiven machen eine Jury auf jeden Fall besser. Die Stimmung ist anders, wenn sie divers besetzt und kein Old-Boys-Club ist.“

Die Initiative Creative Equals kämpfte auch bei den Cannes Lions für mehr Frauen in Top-Jobs
Die Initiative Creative Equals kämpfte auch bei den Cannes Lions für mehr Frauen in Top-Jobs (Bild: Cannes Lions Daily)
Dennoch sind die bei den Cannes Lions erzielten Erfolge beispielsweise bei der Besetzung der Jurys erst kleine Schritte auf dem Weg zu echter Gleichstellung in der Kreativindustrie: In den USA sind mehr als drei Viertel der Top-Führungskräfte in dem Wirtschaftszweig weiße Männer, nur 7 Prozent der Werbefilmregisseure sind weiblich und in Deutschland schaffen es noch immer weniger als 5 Prozent der Frauen in Agenturen ins General Management. Tatsachen, die viele Frauen in der Branche zu Befürworterinnen der Frauenquote machen, „ohne die es offensichtlich nicht geht“, wie beispielsweise JvM-Geschäftsführerin Dörte Spengler-Ahrens feststellt.

Dass es auch anders geht, hat zum 6. Mal die IPG mit ihrem alljährlich am Mittwochmorgen während der Cannes-Woche durchgeführten Frühstück gezeigt. Diesmal hat die Agenturholding den Fokus nicht generell auf die Förderung von Frauen, sondern von farbigen Agenturmitarbeiterinnen gelegt. „Nur ein Prozent der Top-Führungskräfte in unserer Branche sind farbig. Aber wir leben von dem Talent, das unsere Mitarbeiter besitzen – es ist fahrlässig, so viele talentierte Frauen zu missachten“, sagt IPG-Chef Michael Roth, in dessen Unternehmensgruppe es anders läuft: So ist in den Zielvereinbarungen der Führungskräfte klar definiert, wie hoch der Anteil von Frauen und Mitarbeitern verschiedener ethnischer Hintergründe sein muss. Halten sie sich nicht daran, gibt es Abzüge beim Bonus. Eine Maßnahme, die auch bei anderen Agenturnetzwerken anstehen dürfte, da immer mehr Kunden darauf pochen, von diversen Teams bedient zu werden. Nur sie könnten verschiedene Zielgruppen widerspiegeln und deren Vielfalt wahrnehmen.

Im Cannes Lions Daily, an den Wänden des Palais du Festival und auf der Bühne der Cannes Lions thematisierte Getty Images stereotype Wahrnehmung
Im Cannes Lions Daily, an den Wänden des Palais du Festival und auf der Bühne der Cannes Lions thematisierte Getty Images stereotype Wahrnehmung (Bild: Cannes Lions Daily)
An dieser Wahrnehmung hat sich nach Ansicht von Pam Grossman, Visual Trends Director bei Getty Images, bei Agenturen und ihren Auftraggebern bereits etwas verändert. „Wir sehen an unserer Bild-Datenbank, dass Gleichstellung und Diversity eine große Rolle bei der Auswahl von Bildern spielen“, erzählt sie. So ist die Zahl der Suchanfragen nach dem Begriff „Body Positivity“ um 144 Prozent und die nach „Female CEO“ um immerhin 47 Prozent gestiegen.

Wie Stereotype die Wahrnehmung steuern, hat Saatchi & Saatchi bei der Präsentation des New Directors Showcase in Cannes gezeigt: Unter dem Motto „Open your Eyes“ wurden nicht nur mehr Regisseurinnen vorgestellt, ein dreiminütiger Film erlaubte es zudem, mit Hilfe einer polarisierenden Brille eine weibliche oder männliche Perspektive einzunehmen. Bei Saatchi & Saatchi soll es nicht beim Hinweis bleiben: Bis 2020 will Global Chief Creative Officer Kate Stanners den Anteil von Frauen im Showcase um 20 Prozent steigern. „Ich komme optimistisch aus Cannes zurück: Es ist gut, dass die Themen Gender und Diversity auf die große Bühne kommen“, fasst Track-Kreativchefin Britta Poetzsch ihre Eindrücke zum Diskurs darüber während der Cannes Lions zusammen. ems

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