Agenturporträt Primo Berera und Gregor Türk führen ein agiles Kollektiv

Dienstag, 29. August 2017
Primo Berera und Gregor Türk sind Primocollective
Primo Berera und Gregor Türk sind Primocollective
Foto: Primocollective

Landkarte studiert, Wanderschuhe geschnürt, Rucksack gepackt: Ab in den Urlaub? Nein: Auf zum Business-Meeting! Verwitterte Holzbank versus Stahlrohr-Design von Ray und Charles Eames; Thermoskanne und Brotzeit statt Sancerre und Lunch stehen für den Kunden und seine Agentur für ihr Treffen auf dem Programm. Warum so und nicht „normal“? Weil Primo Berera und Gregor Türk die kommunikative Auftragsarbeit für Kunden anders angehen.

Für Kunden kann das durchaus eine Herausforderung sein – zumindest wenn es, wie bereits geschehen, zur Besprechung in die Sauna geht. Aber eben auch, wenn es zwei Tage durch die Schweizer Berge geht, um zu verstehen, was sich die beiden führenden Köpfe der in Zürich und München beheimateten Agentur Primocollective bei dem denken, was sie sich als Kommunikationskonzept für eine lokale Tourismusorganisation ausgedacht haben.

Arbeit von Primocollective für Raiffeisen
Arbeit von Primocollective für Raiffeisen (Bild: P)
Zueinander gefunden haben Berera und Türk während ihrer Zeit bei Serviceplan in München. Beide haben bei Deutschlands grösster inhabergeführter Agentur als Kreative gearbeitet und dabei festgestellt, dass sie das gleiche Verständnis von kreativer Auftragskommunikation verbindet. Zu zweit bilden sie die konzeptionelle und kreative Keimzelle aller Projekte, die Primocollective für Kunden wie Allianz, Credit Suisse, Helvetia, PwC, Absolut Vodka, Lindt & Sprüngli, Migros, Wöhrl und Toggenburg plant und umsetzt. Ihre Arbeitsgebiete: Kreatives Teambuilding, Spatial Art und Design, Corporate Art, Erlebnis und freie Kunst. „Wir nutzen Kunst als Kanal zur Kommunikation und erstellen Kunstwerke, die eine kommunikative Aufgabe haben, aber keine Werbung sind“, beschreibt Türk ihr Schaffen.

Der Agenturname ist dabei Programm: „Der Kollektiv-Gedanke von Primocollective steht für den Kern unserer Arbeit und die Herangehensweise an all unsere Projekte: Wir arbeiten mit einem kleinen Kern-Team, das auf ein grosses Partner-Netzwerk zurückgreift. Dieses wird für jeden Auftrag individuell zusammengestellt“, sagt Berera, der das Art-Kollektiv gegründet und ihm damit seinen Namen gegeben hat – wenngleich er betont, dass beide Agenturpartner gleichberechtigt und -wertig für Primocollective stehen. Das gilt auch auf dem Papier: Dieses Jahr hat Türk 50 Prozent der Firma übernommen, nachdem er rund drei Jahre mit Berera im Kollektiv gearbeitet hat.

Teil der Arbeiten für die Allianz Art Collection
Teil der Arbeiten für die Allianz Art Collection (Bild: Primocollective)
Dank des Partnernetzwerks, zu dem Tischler, Maler und Werber genauso gehören wie Drucker und Eventspezialisten, kann Primocollective auch Projekte wie die Allianz Art Collection stemmen, mit deren Kunstwerken das Versicherungsunternehmen seine rund 8000 Agenturen länderübergreifend ausstattet. „Unsere Herangehensweise ermöglicht uns, in sehr unterschiedlichen Bereichen zu arbeiten und mehrere Projekte gleichzeitig zu handeln. Durch die Einbindung unserer Spezialisten können wir in jeder Disziplin Topqualität liefern“, kontert Berera das Erstaunen angesichts solcher Aufträge für seine eigentlich winzige Agentur. „Wir geniessen es auch, dass wir durch unser ständig wachsendes Netzwerk immer neue tolle Leute kennenlernen. Im Grunde dürfen wir uns immer wieder die Besten der Besten aussuchen und mit ihnen zusammenarbeiten“, fügt Türk an.

Diese Freiheit, sich auszusuchen, mit wem sie arbeiten, wo sie arbeiten – auf ein repräsentatives Büro verzichtet Primocollective – und wann sie arbeiten, schätzen beide. So und nicht anders wollen sie ihren Job machen. Denn beide kennen auch andere Arbeitsumfelder wie das einer Gross-Agentur à la Serviceplan oder auch das eines Handwerksbetriebs, in dem Berera auf dem Weg zur eigenen Agentur bei seinem Vater eine Ausbildung als Sanitärinstallateur absolvierte, bevor er ein künstlerisches Grundstudium in Grossbritannien absolviert und anschliessend an der Münchner Akademie U5 das Kommunikationshandwerk erlernt hat.

Berera und Türk wissen aber auch um die Tücken ihrer Arbeitsweise. Denn obwohl sie dank ihrer Referenzen sowie Kontakte und der daraus folgenden Aufträge bislang nicht akquirieren müssen, versuchen sie mithilfe einer neuen Website noch klarer darzustellen, was sie bieten und wofür sie stehen. „Unsere Outputs sind das Ergebnis knallharter Arbeit. Und trotz aller Lässigkeit sind wir hoch professionell und arbeiten immer auf Augenhöhe mit unseren Kunden“, betont Berera.

Manchmal verwandelt Primocollective mit Partnern einen Wald in einen Zauberwald: Lenzerheide
Manchmal verwandelt Primocollective mit Partnern einen Wald in einen Zauberwald: Lenzerheide (Bild: Primocollective)
Gefährlicher als von aussen falsch eingeschätzt zu werden, ist allerdings, was vielen Freischaffenden passiert: Sie arbeiten bis zum Umfallen. Diese Zwickmühle ist auch den beiden Köpfen von Primocollective bewusst: „Die grosse Freiheit, die uns unsere Arbeitsweise erlaubt, bringt auch viel Verantwortung gegenüber uns selbst mit sich. Wir sind beide Unternehmer, stecken in allen Projekten mit drin – da ist die Gefahr gross, dass wir uns dann doch nicht selber freinehmen, auch wenn es mal sein müsste. Wir müssen auch viel Disziplin haben“, sagt Türk. Aber auch daran arbeiten beide – diesmal für sich selbst: Berera hat gerade eine seiner grossen Reisen unternommen, mit denen er sich immer wieder selbst entschleunigt. Und Türk hat eine Familie, die ihn in diesem Punkt diszipliniert. Ausserdem sind sie dabei, sich personelle Verstärkung zu sichern – aktuell ist als drittes Teammitglied Stephan Koritsch eingestiegen. Und das Kollektiv bleibt in Bewegung: Denn ein weiteres Mitglied soll hinzukommen und dann auch zur Besprechung mit in die Berge ziehen oder an einen anderen spannenden Ort. ems

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