AdAgent-VR-Präsident Jürg Weber “’One order, one bill’ war ein Gattungsvorteil von Print. Den wollen wir erhalten”

Dienstag, 22. Mai 2018
Jürg Weber, VR-Präsident von AdAgent: "Dank AdAgent wird für die Kunden das Buchen von Kampagnen einfacher sein als wenn er die einzelnen Titel einzeln buchen muss."
Jürg Weber, VR-Präsident von AdAgent: "Dank AdAgent wird für die Kunden das Buchen von Kampagnen einfacher sein als wenn er die einzelnen Titel einzeln buchen muss."
© NZZ

Die P-Alternative AdAgent wird heute den Betrieb aufnehmen und mit "One order, one bill" den selben Kundenservice anbieten wie vorher die Publicitas. HORIZONT Swiss sprach deshalb am letzten Freitag mit Jürg Weber, VR-Präsident der AdAgent AG und Leiter Regionalmedien bei der NZZ-Mediengruppe.
Obwohl die Verlage Ende April ihre Geschäftsbeziehungen mit der Publicitas abgebrochen haben und sie damit wachen Auges in den Konkurs trieben, startet AdAgent als P-Alternative erst jetzt, gut drei Wochen später. Warum dieses unkoordinierte Vorgehen? Weil es eben nicht koordiniert war (lacht). Wir haben zwar immer wieder in Szenarien darüber diskutiert, ob die P die Kurve tatsächlich nicht schaffen könnte. Doch am Schluss waren wir selbst überrascht vom Tempo. Wir haben nicht damit gerechnet, dass die P so schnell in Konkurs gehen würde. Ist also Tamedia am 25. April vorgeprescht? Das kann ich so nicht beantworten. Am Schluss hat jeder Verlag die eigene Situation betreffend Ausstände selbst beurteilt. Und so hat sich Tamedia wohl Ende April gesagt, dass sie diese nun reinholen will. Ich weiss nicht, ob Tamedia sich darüber im Klaren war, dass ihr Schritt unter den Verlagen eine Kettenreaktion auslösen könnte. Das müssen Sie Tamedia selbst fragen.

In der rund dreiwöchigen Zwischenzeit sind in den Zeitungen dennoch Inserate erschienen. Es funktioniert also alles bestens. Wofür braucht es nun AdAgent? Tatsächlich funktionierts recht gut, trotz Unterbruch bei der P. Offenbar waren die Kunden auch nicht ganz überrascht worden und haben sich entsprechend eingerichtet. Man kann ja auch überall direkt buchen. Das Besondere an der P war aber die Dienstleistung “One order, one bill”, die sie den Werbekunden anbot. Das war ein Gattungsvorteil von Print, und den wollen wir erhalten. Dank AdAgent wird für die Kunden das Buchen von Kampagnen einfacher sein als wenn er die einzelnen Titel einzeln buchen muss – und bei AdAgent geht es primär um Kampagnen.­ AdAgent macht also ein Dienstleistungsangebot, von dem wir glauben, das es im Markt geschätzt war. Wir bieten gewissermassen einen Ersatz für den bisherigen Service der P.
„AdAgent liegt ein NonProfit-Gedanke zugrunde: Es soll eine Abwicklungshilfe sein für die Kunden und die Branche.“
Mit was für einem Tool arbeitet AdAgentDie Basis bildet ein Verkaufssystem von SAP, coustomized über NZZ Media Solutions, aber von dort als Mandant herausgelöst. Wir haben ja schon zuvor als eigenständiges Verlagshaus verschiedene Titel abgerechnet, sei es im eigenen Haus, sei es im Rahmen von Inseratekombinationen. Das haben wir nun einfach noch etwas ausgebaut.

Kennen sich die Kunden damit aus? Das müssen sie nicht. Der Service ist recht einfach aufgebaut ist, sonst hätten wir es gar nicht so schnell hingekriegt. Wenn der Kunde eine Kampagne machen will, schreibt er ein Mail, in dem er angibt, welche Titel er wie belegen will. Das wird in unserem System erfasst und an die einzelnen Verlagshäuser weitergeleitet. Gleichzeitig generiert das System auch eine Rechnung an den Kunden, der diese dann an AdAgent bezahlt.

AdAgent wird also auch das Inkasso besorgen? Da bin ich nun vorsichtig mit der Wortwahl (lacht). Es ist aber tatsächlich so, dass der Kunde den Rechnungsbetrag an AdAgent bezahlt und dann das Geld an die Verlage weitergeleitet wird.

Verglichen mit dem Tool Pub2000/AdCampaign der Publicitas: Was konkret kann AdAgent, und was nicht – aus Sicht der Werbekunden? Es ist sicher ein viel schlankeres Modul und dient rein der Abwicklung. Man kann damit keine Planung machen, doch dafür gibt es mit dem NextLevel der Wemf ja bereits ein Tool. Das ist denn auch der grosse Unterschied zum Pub2000 mit seinen Features: Dieses diente auch als Planungstool.

Wie unterscheidet sich die Abwicklung aus Sicht der Verlage? Da muss man trennen zwischen Eigenregie-Verlagen und eher kleineren Verlagen, die in P-Regie waren: Für die Eigenregie-Verlage ist der Unterschied zur P nicht allzu gross, denn entweder erhielten sie den Auftrag über den Kunden oder dessen Agentur oder über die P. In Zukunft erhalten sie den Auftrag statt über die P neu über AdAgent und überführen ihn dann in ihre Systeme. Titel, die bisher in P-Regie waren, haben eine schwierigere Situation, weil sie zum Teil kein eigenes Abwicklungssystem hatten, sondern sich auf die P verliessen. Für diese ersetzen wir einen Teil des P-Systems, weil die Abwicklung nun über unser System erfolgen kann. Sie müssen jedoch schauen, dass sie die Aufträge nachher selbst weiterverarbeiten können.
„Wir haben weniger die Verlage im Blick als viel mehr die Kunden – die bringen ja das Geld. Und für sie ist es ein Vorteil, wenn sie vereinfacht buchen können. “
Jürg Weber, VR-Präsident der AdAgent AG
Meines Wissens konnte man über Pub2000/AdCampaign auch Banner etc. auf den Titelwebsites der Verlage buchen. Ist das auch über AdAgent möglich? Nein, im Moment nicht. Derzeit bieten wir eine reine Printlösung für Zeitungen und Zeitschriften an.

Für das zielgenaue Printbuchen braucht es eine Unmenge an Tarif-, Platzierungs-, Rabatt- und technischen Daten. Woher nehmen Sie diese? Man darf den Kunden nicht unterschätzen: Er weiss ja, wo er buchen will. Wir bauen aber im Hintergrund eine Datenbank mit den wichtigsten Titeln auf. Darin sind alle Sequenzen und Tarife hinterlegt. Die Basis haben wir bereits inhouse mit etwa 500 hinterlegten Sequenzen. Wenn nun ein Kunde kommt und einen Titel buchen will, den wir noch nicht haben, erfassen wir diesen, vorausgesetzt, der Titel will bei diesem Buchungsablauf auch mitmachen.
Jürg Weber: "Wir bieten gewissermassen einen Ersatz für den bisherigen Service der P.2
Jürg Weber: "Wir bieten gewissermassen einen Ersatz für den bisherigen Service der P.2 (© NZZ)
Konnten Sie also die P-Datenbank Mediaprint nicht übernehmen? Nein.

Warum suchten Sie für die Datenbank nicht die Zusammenarbeit beispielsweise mit Qualiant? Ich weiss, dass Qualiant einen Katalog betreibt. Darüber kann man sicherlich sprechen. Und ich will das auch gar nicht ausschliessen. Aber wir hatten einfach die Zeit nicht für solche Überlegungen. Wir wollten eine pragmatische Lösung schaffen, damit relativ schnell Titel gebucht werden können. Zudem haben wir ja schon eine interne Datenbank: Wenn jemand bei uns gebucht hat und darum bat, auch gleich die „Freiburger Nachrichten“ zu belegen, haben wir das bisher schon getan und dafür auch Daten hinterlegt. Jetzt bauen wir das einfach aus.

AdAgent verlangt von den Verlagen einen Fixpreis pro Übermittlung. Wie hoch ist er? Der Fixpreis beträgt 39 Franken. Es handelt sich um eine pauschale Abwicklungsgebühr, unabhängig wie gross das Inserat ist. Es wird preislich auch nicht unterschieden zwischen Aktionär oder Nicht-Aktionär: Die Plattform steht allen zu denselben Konditionen offen.
„Eine Basis-Datenbank mit etwa 500 hinterlegten Sequenzen steht AdAgent bereits zur Verfügung. “
Jürg Weber, VR-Präsident der AdAgent AG
Schafft sich damit AdAgent nicht ein Problem, das schon Publicitas kannte: Weil den Verlagen damit Einnahmen verloren gehen, könnten sie die Agenturen auffordern, AdAgent zu umgehen und bei ihnen direkt zu buchen. Direkt buchen kann man so oder so. Das ist tatsächlich oft auch im Interesse der Verlage, weil ihnen so keine zusätzlichen Kosten entstehen. Richtig ist auch, dass das Direktbuchen für die P ein Problem war, weil ihr auf diese Weise die Kommission entging. Wir haben aber weniger den Verlag im Blick als viel mehr den Kunden – der bringt ja das Geld. Und für ihn ist es ein Vorteil, wenn er vereinfacht buchen kann. Der Verlag seinerseits hat bei AdAgent den Vorteil, dass er möglicherweise an mehr Kampagnen herankommt, weil eben das Buchen für den Kunden vereinfacht ist.

Ein Grossteil der Agenturen bucht schon heute über das Tool „Leading Media“ von Qualiant. Warum sollten sie ihre Buchungsgewohnheiten ändern? Wir bieten einfach eine Dienstleistung an, von der wir das Gefühl haben, das sie einem Bedürfnis im Markt entspricht. Wir haben aber kein Problem damit, dass es noch andere Kanäle gibt. AdAgent ist bewusst so aufgestellt, dass wir skalieren könnte: Nimmt die Nachfrage zu, bauen wir aus und stellen mehr Leute ein, ist die Nachfrage nur bescheiden, lassen wir es auf kleiner Flamme fahren. Dahinter steht ein NonProfit-Gedanke: AdAgent soll eine Abwicklungshilfe sein für die Kunden und die Branche.

Ist AdAgent auch für Kleinkunden offen? Die Grösse des Kunden spielt für uns keine Rolle, weder seitens Inserent noch seitens Titel. Letzterer muss einfach mit der Pauschalzahlung einverstanden sein.

Für Rubrikeninserate gab es bisher mypublictas.ch. Privatpersonen konnten mit hinterlegten Templates Kleinanzeigen buchen. Bietet AdAgent auch einen Ersatz dafür? Nein, ein solches Tool gibt es derzeit nicht von uns.
„Der Werbekunde bezahlt den Rechnungsbetrag an AdAgent, das dann das Geld an die Verlage weiterleitet.“
Jürg Weber, VR-Präsident der AdAgent AG
Ist es auch nicht angedacht? Im Moment sind wir froh, dass wir ohne allzu grosse zeitliche Lücke eine Basislösung auf den Markt bringen können. Jetzt schauen wir mal, ob sie auch so sehr gewünscht wird, wie es immer gesagt wurde. Und wenn dann noch weitere Bedürfnisse existieren, die von der gleichen Grundphilosophie her kommen, dann why not?

Wie viele Mitarbeitende stehen bei AdAgent im Dienst? Drei bis vier, wir verteilen die Arbeit aber auf einige weitere Schultern, damit wir flexible Pensen haben. Es handelt sich um Mitarbeitende, die bereits mit dem System arbeiten. NZZ Media Solutions stellt diese einfach teilweise AdAgent zur Verfügung. Sollte die Dienstleistung einschlagen, stellen wir logischerweise eigene Leute ein.

Die Aufträge scheinen über einen Sever bei der NZZ zu laufen. Die NZZ-Mediengruppe weiss also immer, wer wie viel wo bucht und zu welchen Konditionen. Nein. Wir arbeiten bloss mit einer Software, die von NZZ Media Solutions entwickelt worden war, diese haben wir bloss als Mandant rübergezogen. Sie wird aber selbständig geführt, nur AdAgent hat Einblick. Ob die Daten tatsächlich über einen Server bei der NZZ laufen, weiss ich nicht, ich denke eher nicht. Wir haben die meisten Daten eh in der Cloud.

Aber die Mitarbeitenden sind zum Teil dieselben wie bei NZZ Media Solutions. Ist das kein Problem? Es handelt sich ja nicht um enorme Geschäftsgeheimnisse. Und unsere Leute sind angewiesen, die Informationen zu trennen.
„Wir haben nicht damit gerechnet, dass die P so schnell in Konkurs gehen würde.“
Jürg Weber, VR-Präsident der AdAgent AG
Wie werden Sie das Pfingstwochenende verbringen? Ich hoffe, irgendwo an der Sonne.

Also relativ relaxed? Ja, definitiv. Die Sache ist ja nicht völlig neu entwickelt. Wir konnten es aus Bestehendem herauslösen und temperieren. Auch die Tests sind durchgeführt. Am Dienstag sollte somit alles klappen. knö
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