"20 Minuten" Zürcher News-Geschnetzeltes

Freitag, 30. Juni 2017
"20 Minuten" gibt es inzwischen auf allen Kanälen
"20 Minuten" gibt es inzwischen auf allen Kanälen
© dfv

Gratiszeitungen tun sich in ganz Europa schwer – nur in der Schweiz ist der Erfolg von "20 Minuten" ungebrochen. Woran liegt das?
In der "Weltwoche" war kürzlich ein Abgesang zu lesen: "Es war ein kurzer Rausch. Gratiszeitungen sind passé." Der Autor Kurt W. Zimmermann fügte immerhin hinzu, "mit einer Ausnahme". Die Ausnahme ist in Zürich, am Sitz von Tamedia zu besichtigen. Im Newsroom ganz oben unter dem Dach residiert Marco Boselli mit seinem "20 Minuten"-Team. Hier wird die reichweitenstärkste Medienmarke der Schweiz produziert, Gratiszeitungen mit einer täglichen Auflage von 658.000 Exemplaren und fast 2 Millionen Lesern, Webseiten und Apps, Line Extensions in Print und Online. Die reichweitenstärkste dürfte auch die ertragsstärkste Medienmarke der Schweiz sein, Tamedia schweigt sich dazu vornehm aus. Etwa 40 Millionen Franken erwirtschaftet "20 Minuten" jährlich Gewinn – so wird es kolportiert und nicht dementiert. Das ist eine Menge Geld für ein Genre, das international seinen Glanz verloren hat. Die Pioniere der Gratiszeitung, Schibsted und Metro, sind längst wieder raus aus dem Geschäft, jedenfalls in Europa. Mitte der 90er Jahre hatten die Skandinavier ihr Modell der kostenlosen Pendlerzeitung erfunden und dann in mehr als 20 Ländern ausgerollt. In der Schweiz setzte Rolf Bollmann, heute Mitverleger der "Basler Zeitung", das Projekt für Schibsted auf die Schiene. Als Bollmanns Erfolg nicht mehr zu übersehen war, ließ Tamedia ein Me-too-Produkt entwickeln, von Marco Boselli. Kurz vor dessen Erscheinen verkaufte Schibsted "20 Minuten" an Tamedia. Das war 2005. Seitdem ist Boselli dabei.

Nicht anstrengend sein

Was macht "20 Minuten" in der Schweiz so erfolgreich? Für Boselli ist es zunächst einmal der Mix zwischen News- und Magazinjournalismus. "Ein Informationsmedium, das auch unterhält", so sieht er "20 Minuten". Ein Medium, das schwere Themen leicht erklärt: "Wir versuchen, nicht anstrengend zu sein." Frei von politischer Ideologie.
Eine Titelseite von "20 Minuten"
Eine Titelseite von "20 Minuten" (Bild: dfv)
So sind die Pendlerzeitungen generell angetreten, nicht nur in der Schweiz. Anderswo hat man später das Konzept geändert, mit den Inhalten experimentiert. Boselli hat den Kern des Kernprodukts über die Jahre unverändert gelassen. Bis auf die Tatsache, dass das Kernprodukt nicht mehr das Kernprodukt ist.

Innovative App

Tamedia hat "20 Minuten" digitalisiert, früher und konsequenter als andere. Den Anspruch demonstriert vor allem die App, die im Gegensatz zu vielen anderen News-Apps tatsächlich mehr zu bieten hat als die mobile Webseite: einen "Social View", in dem die Leser den Traffic live mitverfolgen können, bis hin zur regionalen Verteilung der Nutzer auf einer Karte; einen "Play View", bei dem es ausschließlich um Unterhaltung geht; einen "Personal View" mit eigener Themenauswahl. 15.000 Leserkommentare gehen im Durchschnitt täglich ein, jede Story kann in der App bewertet werden.  Mit der Webseite, dem mobilen Angebot und der App erreicht "20 Minuten" mit all seinen Ablegern monatlich 6,4 Millionen Unique Clients und ist mit Abstand die Nummer 1 unter den Schweizer Medienmarken.

Gut besetzter Newsroom

Der Newsroom ist auf das digitale Angebot ausgerichtet. Er ist sieben Tage in der Woche, 20 Stunden am Tag besetzt. Print ist nur noch Zweitverwertung, ein kleines Team aus etwa acht Leuten stellt am Nachmittag die Zeitungsseiten zusammen. Der "Head of Print" wählt die wichtigsten Themen aus dem Online-Angebot aus, Zugriff auf eigene Reporter hat er nicht. Boselli selbst übernimmt den Job trotzdem gerne selbst, er ist schließlich ein leidenschaftlicher Blattmacher. Die Redaktion einer Gratiszeitung stellt man sich gern als superschlanke Organisation von ebenso leistungsbereiten wie preiswerten Jungredakteuren vor. Bosellis Zahlen: Die Redaktion von "20 Minuten" hat etwa 155 Mitarbeiter, 90 in Zürich, 45 in der Westschweiz, 20 im Tessin. Das ist zum Teil der Sprachenvielfalt geschuldet. Aber es zeigt auch: Mit Kostenmanagement allein sind erfolgreiche Medienprodukte nicht zu machen, Investition ist die Basis des Erfolgs.

Und Innovation. Zur 20-Minuten-Familie gehören inzwischen zwei Line Extensions: "20 Minuten Friday", ein wöchentliches Lifestyle-Magazin für Frauen. Und "20 Minuten Tillate", ein "rotziges Jugendportal", von dem Boselli hofft, "dass es Menschen über 40 nicht mehr verstehen". Es geht um Drogen, Sex, Fitness, Shopping. Vor drei Wochen gab es ausnahmsweise eine Printausgabe von Tillate – für die Digital Natives etwas Besonderes, richtig gedruckt, auf Papier.

Den Rock'n'Roll erhalten

Tillate, das größte Jugendportal der Schweiz, ist auch ein Symbol für die Veränderung von "20 Minuten". Die Pendlerzeitung ist selbst als junges Medium gegründet worden, ihre Leserschaft ist indes älter geworden und die Zeiten haben sich geändert. Facebook und Co gab es damals noch nicht. Heute hat "20 Minuten" eine enorme Reichweite, aber: "Wir sind natürlich nicht mehr so hip wie vor zehn Jahren", sagt Boselli, "nicht mehr so rock'n'rollig." Die Marke "20 Minuten" unterliegt wie andere auch den strukturellen Veränderungen auf dem Werbemarkt. Und die Zeitungsboxen am Bahnhof sind nicht mehr jeden Tag um 8 Uhr morgens so leergefegt wie einst. Noch gibt es mehr Zeitungsleser als Nutzer der Digitalangebote. Noch.

Wie "20 Minuten" in drei Jahren aussieht? Boselli hat das Bild vor Augen: Die Zeitung wird dünner sein, nicht mehr unbedingt 44 Seiten am Tag umfassen. Themen wie Lifestyle und Fitness könnten weitgehend ins Netz wandern. Es wird mehr Bewegtbild-Inhalte geben. Allerdings nicht das Video der Katze, die in Japan aus der Kloschüssel trinkt, sondern eigener Content. Unterhaltend, durchaus mit roher Anmutung, nichts Glattes aus der TV-Produktion. Und überhaupt wird man viel Neues ausprobieren, nicht den Erfolg verwalten. "20 Minuten" wird auch in drei Jahren die höchste Reichweite in der Schweiz haben, da ist Boselli sicher. Und wenn es dann noch gelingt, sich immer wieder den Rock’n’Roll zu bewahren, mag die Gratiszeitung überall in Europa passé sein. Dann wird sie eben zur Schweizer News-Spezialität.
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