Markus Knöpfli

Markus Knöpfli

"Reform" nach "No Billag"? Die SRG streicht nur ihre Alleinstellungsmerkmale heraus, mehr nicht

Montag, 12. März 2018
Mit dem vor einer Woche angekündigten Sparprogramm und „Reformpaket“ hat die SRG PR-mässig gepunktet. Eine echte Reform oder Strategieänderung ist jedoch nicht erkennbar, kommt doch die SRG "nur" ihren inhaltlichen, nicht aber ihren politischen Kritikern entgegen.

Aus kommunikativer Sicht war es ein geschickter Schachzug der SRG, noch am Abstimmungstag ein 100 Millionen-Sparprogramm samt Reformpaket anzukünden. Das wirkte so, als ob sie den Forderungen ihrer Gegner nachgebe. Die „Blick“-Schlagzeile „Demut statt Triumph“ vom letzten Montag bestätigt das.

Umgekehrt spielen die SRG-Gegner mit, sind sie doch froh um das Angebot, weil es ihnen hilft, trotz Abstimmungsschlappe das Gesicht zu wahren – nach dem Motto: Seht her, das haben wir immerhin erreicht. Der Auftritt der „No Billag“-Befürworterin Nathalie Rickli im Medienclub vom 6. März ist ein Beleg dafür: Seelenruhig konnte sie ihre Niederlage eingestehen, da es nun ja „in eine richtige Richtung“ gehe. Sie schien das tatsächlich zu glauben, fügte sie doch hinzu, dass eine Halbierungsinitiative im Moment nicht zur Diskussion stehe. Am 8. März folgte dann noch die NZZ, die bereits von einem "Kurswechsel" der SRG sprach.

Die SRG muss ohnehin sparen

Doch bei Lichte betrachtet zeigt sich, dass das ganze Angebotspaket der SRG nur wenig mit der „No Billag“-Initiative zu tun hat und schon gar nicht Konzessionen an die politischen Gegner enthält. Tatsache ist, dass die SRG ohnehin sparen muss – 50 Millionen allein schon auf nächstes Jahr hin, da der Bundesrat nach der RTVG-Revision von 2015 die Radio- und TV-Gebühr pro Haushalt per 2019 auf 365 Franken gesenkt und die Gesamtgebühreneinnahmen der SRG unabhängig von der nach wie vor wachsenden Zahl der Haushalte bei 1,2 Milliarden Franken pro Jahr gedeckelt hat. Sparen muss die SRG aber auch, weil ihre TV-Werbeeinnahmen sinken. Wie Roger Schawinski in seinem gleichnamigen SRF-Talk am letzten Montag preisgab, gingen sie allein im letzten Jahr um etwa 10 Prozent oder rund 25 Millionen Franken zurück. Hinzu kommt, dass die SRG-Spitze künftig auf Unterbrecherwerbung in Spielfilmen verzichten will, was die Einnahmen – ebenfalls gemäss Schawinski – um weitere 8 bis 10 Millionen Franken vermindern dürfte.

Kurzum: Mit ihrem Sparprogramm reagiert die SRG-Spitze primär auf politische Vorgaben und die Entwicklung im Werbemarkt, zudem antizipiert sie, was sie sowieso gewärtigen muss: Weitere Gebührensenkungen. So hält etwa der Preisüberwacher eine Gebührenreduktion auf 338 Franken bis 2022 für opportun, Medienministerin Doris Leuthard denkt sogar an eine Reduktion auf 300 Franken (irgendwann), was Parlamentarier schon per sofort fordern, und die Halbierungs-Initiative hängt weiterhin über der SRG. Es zeugt also nur von unternehmerischer Weitsicht, diesbezüglich vorauszudenken.

Die SRG fokussiert auf ihren USP

Wo die SRG die 100 Millionen einsparen wird, ist im Detail noch nicht klar, SRG-Generaldirektor Gilles Marchand sagte aber, dass er den Rotstift nicht beim Programm, sondern bei IT, Verwaltung, Produktion und Infrastruktur ansetzen will.

Genau das zeigt, dass es sich beim Sparprogramm eben nicht um eine tiefgreifende Reform oder neue Strategie handelt – denn für eine solche hätten deutliche Abstriche am Programm, das Einstellen einiger TV- oder Radiokanäle, der Verzicht auf Regionaljournale, die Zusicherung, nie mehr mit Onlinewerbung zu liebäugeln, der Ausstieg aus Admeira oder der Verzicht auf zielgruppenspezifische Werbung gehört. Doch all das ist nicht Teil des SRG-„Reformpakets“. Warum auch? Die Abstimmung hat klar gezeigt, dass die Bevölkerung das breite und auch regionale SRG-Angebot will. Und Admeira stellt für die meisten Medienkonsumenten schlicht kein Problem dar.

Das soll nun nicht heissen, dass alles, was die SRG vor einer Woche ankündigte, bloss geschickte PR war. Einiges unter dem Stichwort „Reformpaket“ hat durchaus Hand und Fuss. Das gewichtigste Neuprojekt ist zweifellos eine digitale Plattform, die es erlauben soll, dem Publikum möglichst alle SRG-Produktionen aus allen Sprachregionen mit entsprechender Übersetzung zugänglich zu machen. Mit einer solchen Plattform nimmt die SRG genau das auf, was ihr ihre Unterstützer im Abstimmungskampf oft zugeschrieben haben: Sie sei eine Institution mit nationaler Klammerfunktion. Doch eine neue strategische Linie ist das nicht, die SRG stärkt damit lediglich ihr USP.

Konzessionen an die Verleger? Wo denn?

Dass die SRG künftig auf Unterbrecherwerbung in abendlichen Serien verzichten will, ist ebenfalls kein Goodie an die Privaten. Vielmehr will sie sich auch hier erklärtermassen stärker von ihnen abgrenzen. Zudem kommt sie damit einer Forderung des Publikums entgegen, also jenes Teils der Bevölkerung, der die SRG-Programme nutzt und schätzt. Ähnliches gilt für den angekündigte Fokus auf noch mehr Swissness in der Unterhaltung oder das Versprechen, künftig 50 Prozent ihrer Gebühreneinnahmen für Informationssendungen zu verwenden. Die beiden letztgenannten Punkte stammen übrigens nicht aus der SRG-Küche, sondern sind bundesrätliche Vorgaben, die ohnehin bald umgesetzt werden müssen.

Andere Angebote – etwa auf regionale zielgruppenspezifische Werbung verzichten oder mit den Privaten mehr zusammenarbeiten zu wollen – sind zwar möglicherweise gut und nützlich, aber sie bestehen schon lange. So hat die SRG bereits vor zwei Jahren eine digitale Plattform initiiert, auf der alle privaten und öffentlich-rechtlichen Radiosender mit Schweizer Inhalten zu finden wären. Auch die Einladung, dem Admeira-Aktionariat beizutreten, besteht schon seit einem Jahr. Nur liegt der Ball bei diesen Themen bei den Privaten, die wohl taktisch die “No-Billag”-Abstimmung abgewartet haben, um mit der erhofften Rückendeckung durch das Stimmvolk härter auftreten zu können. Diese Rechnung ging nun aber nicht auf, insofern war es geschickt von der SRG, diese alten Angebote im Rahmen des “Reformpaketes” noch einmal in Erinnerung zu rufen.

Zwei weitere Angebote sind zwar neu, haben aber einen Pferdefuss: So will die SRG ihr Archiv den Privaten öffnen, zudem lud sie sie ein, bei den reinen Musikkanälen Radio Swiss Pop, Jazz und Classic zusammen zu arbeiten. Doch beim Archiv gibt es urheberrechtliche Barrieren (Musik- und Sportrechte), die die SRG kaum beeinflussen kann. Und bei den werbefreien Nonstopp-Musiksendern ist für Private eigentlich nichts zu holen.

Das grösste neue Entgegenkommen, das die SRG den Privaten im Rahmen ihres “Reformpakets” zeigt, ist somit das Angebot, künftig auf den Onlinekanälen von SRF, RTS und RSI keine Texte ohne Sendebezug mehr zu publizieren. Heute dürfen solche Texte maximal 1000 Zeichen lang sein. Aber Hand aufs Herz: Das ist doch peanuts – für SRG und Verleger.

Damit all das richtig verstanden wird: Bei dem hier Gesagten handelt es sich nicht um eine Kritik an der SRG oder an ihren Massnahmen oder Vorschlägen. Diese als Ganzes zu werten, ist eine andere Sache. Es geht hier nur darum aufzuzeigen, dass die angekündigten Massnahmen keine "Reform" sind, auch wenn SRG und ihre Gegner so tun. Es ist denn auch keine Abkehr von der Strategie erkennbar, die vor allem von Ex-Generaldirektor Armin Walpen forciert worden war. Nach diesem Abstimmungsresultat muss die SRG das auch nicht. Sie zeigt aber immerhin, dass sie gewillt ist, den eigenen USP künftig deutlicher zu betonen. Und sich dies auch etwas kosten zu lassen.

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