Weltweit unterwegs Geheime Rebellion oder die Psychologie der Pilzinfektion

Mittwoch, 09. August 2017
Moschee in Jakarta, Indonesien
Moschee in Jakarta, Indonesien
Foto: Rochus Winkler

Reinlichkeit ist als religiöser und gesellschaftlicher Grundpfeiler in islamisch geprägten Ländern emotional besonders stark besetzt und wird öffentlich inszeniert. So auch in Indonesien, von wo Rochus Winkler von concept m dieses Mal berichtet. Ins Wanken gerät das Konstrukt häufig schon durch eine Pilzinfektion.

Reinheit ist der halbe Glaube. So soll es der Gelehrte Mohamed gesagt haben und so steht es im Koran. In Indonesien gehören knapp 90 Prozent der Einwohner dem Islam an; während auf Bali und Lombok der Hinduismus praktiziert wird, und die meisten Christen im Ostteil des Landes leben. Der Islam prägt das öffentliche Leben. So wird Reinlichkeit als Grundvoraussetzung für die adäquate Ausübung religiöser Riten verstanden. Es ist nicht ungewöhnlich, dass zweimal am Tag geduscht wird. Insbesondere vor dem Gebet wird das Gesicht gründlich gewaschen, vor allem Ohren und Augen, um die richtige geistige Verfasstheit für das Gebet zu gewährleisten. Auch Hände, Füße und Arme werden gewaschen, weil – so der Glaube – nur Gebete in Reinheit erhört werden.

Rochus Winkler

Rochus Winkler
ist neben Thomas Ebenfeld und Dirk Ziems einer der drei Gründer von concept m und berichtet regelmäßig über globale Insights, die in mehr als 40 Ländern beforscht werden.
Die Reinheitsforderungen können aber auch zu einem  strengen Diktat werden. Eine Pilzinfektion – ob an den Füßen oder in der Intimzone – kann da zum Stigma werden und die Reinlichkeits-Balance massiv ins Wanken bringen. Wir von concept m wollten wissen, wie Menschen unter solchen Rahmenbedingungen mit Infektionen der Haut umgehen. Die Untersuchung wurde in Indonesien durchgeführt, die Ergebnisse könnten aber sicherlich auch für andere islamische Länder gelten. Wir führten lange Tiefeninterviews mit 40 Teilnehmern durch und stießen auf unerwartete Einstellungen.

Stigma Pilzbefall wird auf eigene Fehlbarkeit zurückgeführt

Wenig Wissen über Ansteckungsgefahren führt meist zu einer irrationalen Beurteilung der Situation: Eigenes Verfehlen sei der Grund für diese "Strafe". Der Pilz wird oft verschwiegen – Verspottung und Ausgrenzung drohen. Es kann zum Verlust des eigenen Selbstwertgefühls  führen „When you have it, you lose your selfconfidence“. Dies kann von Angst begleitet werden, die eigene Unreinheit auf die Familie zu übertragen: Ein eigenes Stigma ist zugleich ein Stigma für die Familie. Zaghafte Versuche, sich einen beruhigenden Reim auf den unerwarteten Befall zu machen können sein:

  • Fehlende zivilisatorische Ausstattungen (Waschmaschine)
  • Folge der Hausarbeit (zu viel Waschmittel benutzt, das in die Kleidung überging und den Pilz verursachte)
  • Folge von Umweltbedingungen und Klima (Bakterien, Viren, schwüle klimatische Bedingungen)
  • Folgen einer Nachlässigkeit nach dem Sport (nicht richtig geduscht sondern nur oberflächlich nass gemacht)

Der Fußpilz gilt zudem als bedrohliches Stigma der Unterschicht und als Inbegriff des Dreckig-Seins und bedroht in letzter Konsequenz wichtige soziale und persönliche Aufstiegsmöglichkeiten. Viele aufstiegsorientierte Indonesier stellen bei einer solchen Infektion sofort einen Bezug zu harter körperlicher Arbeit, verbunden mit Dreck, Schweiß, Stinken, her; mithin eine Krankheit für Werktätige, wie Hafenarbeiter oder Reispflücker. Der professionelle Behandlungsbeginn einer Pilzinfektion lässt sich mit der traumatischen Erfahrung eines  „Übergehorsam“ beschreiben. In der Folge wird die Behandlung daher auch nicht immer konsequent eingehalten. Denn viele Präparate erfordern ein hohes Maß an Disziplin, müssen regelmäßig über längere Zeit appliziert werden. Dies gilt insbesondere für Nagelpilzinfektionen, die sehr hartnäckig sein können.

Zwischen göttlicher Reinheit und irdisch Anrüchigem

Ein emanzipierter Umgang mit Infektionen wird zudem durch das Diktat der öffentlich zur Schau gestellten Reinlichkeit sehr erschwert und führt zu starken Rechtfertigungszwänge verbunden mit Scham, vor allem für Frauen. Das religiös-gesellschaftliches Wertesystem stellt besondere Ansprüche an die Frau. Wir haben es in der Kultur mit einem konservativ-tradierten Rollenverständnis zu tun: Eine Frau sollte funktionieren und die verschiedenen Rollen als Frau, Mutter, Schwiegertochter, Tochter, Mitglied der Gemeinde erfüllen. Die Frau gilt erst dann als vollwertig, wenn sie fruchtbar ist und dem Mann sexuell dienen kann. Dies führt zu verschärften Reinheitsdiktaten beim weiblichen Genital. Die hohe Bedeutung der Vagina für die Frau zeigt sich in Zitaten, wie zum Beispiel „Even you cannot see it, the V-Zone is important like your face!“Aufgrund der religiösen Aufladung des Spannungsfeldes „Reinheit (Gottesnah)“ versus  „Schmutzig (Göttliche Bestrafung für anrüchige Gedanken)“ ist es für die Betroffenen besonders schwierig, sich dauerhaft und immer wieder mit einem Pilzbefall zu beschäftigen. Man möchte es am liebsten „Ungeschehen“ machen und blendet den Befall aus. Bevor man sich einem Arzt oder einer Freundin anvertraut, wird versucht, heimlich eine Selbstmedikation zu betreiben. Haus- und Heilmittel wie Kräuterbäder, über die man sich mit der Intimzone hocken kann, werden ausprobiert. Außerdem besteht bei vielen Indonesiern der Glaube, man könne mit Gebetsübungen für die eigene Nachlässigkeit büßen und damit die Ursache bekämpfen. Entschuldigungen und Rechtfertigungen bis hin zur Unterwürfigkeit zeigen sich an Sätzen, wie: „It is because I´m so dirty in my soul!“ oder „If you are so filthy and don´t take care of yourself. I am guilty, I should not think of other men.“

Der unbewusste Gewinn und die geheime Rebellion

In den tiefgehenden Gesprächen mit betroffenen Indonesiern kam aber noch ein ganz anderer Aspekt zutage: Eine Pilzinfektion ermöglicht zugleich auch immer eine „Oppositionshaltung“ gegen das strenge Diktate und gesellschaftliche Manschetten. In einer stark reglementierten Kultur hat man mit der Infektion ein Medium, in dem man den Dingen beim unkontrollierten Wachsen und Wuchern zusehen kann. Die Infektion geht nicht von heute auf morgen wieder weg, sondern begleitet im Alltag. Analog zum „Spalt-Pilz“ in der Natur stellt man seine Individualität den kulturellen Zwängen gegenüber auf die Probe. Diese Auseinandersetzung, die man nicht gewohnt ist, weil sie entweder nicht erlaubt ist oder beargwöhnt wird, hat für manche Erkrankte ihren Reiz. Es ist möglich, so etwas wie seine eigene unverfälschte Natur zu erleben. Ohne auf andere Rücksicht nehmen zu müssen.

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