Wahlforschung YouGov mit neuer Methode

Dienstag, 19. September 2017
Sonntagsfrage vs YouGovWahlmodell
Sonntagsfrage vs YouGovWahlmodell
© YouGov

Kurz vor der Bundestagswahl führt das Marktforschungsinstitut YouGov eine neue Methode in der Wahlforschung ein. Das YouGov-Wahlmodell kann erstmals auch Aussagen zur Erststimme auf regionaler Ebene treffen und somit die voraussichtliche Sitzverteilung im Bundestag ermitteln.

Wie Holger Geißler, Forschungsleiter und Sprecher von YouGov Deutschland, bereits im Interview mit planung&analyse angekündigt hat, arbeitet YouGov seit einigen Monaten an einer neuen Methode, um die Wahlabsicht der Deutschen zu ermitteln. Erstmals veröffentlich das Institut jetzt Ergebnisse und erklärt die Unterschiede des Verfahrens zur bisher standardisiert durchgeführten Sonntagsfrage. Das YouGov-Wahlmodell - der wissenschaftliche Begriff lautet Multilevel Regression und Post-Stratifikation (MRP) - wurde bereits bei der vergangenen britischen Parlamentswahl eingesetzt. Damals konnte der Verlust der absoluten Mehrheit der Tories bei der Unterhauswahl prognostiziert werden.

„Wir sind uns bewusst, dass wir uns mit unserem neuen MRP-Modell noch aus dem Fenster lehnen“, unterstreicht Geißler. „Gleichzeitig wissen wir alle spätestens seit der Trump-Wahl und dem Brexit, dass die klassische Meinungsforschung vor großen Herausforderungen steht.“ Mit dem neuen Verfahren verabschieden sich die Forscher von dem Mantra der repräsentativen Zufalls-Stichprobe.

Statt 1000 bis 2000 Menschen einmal pro Woche zu fragen „Was würden Sie wählen, wenn am Sonntag Bundestagswahl wäre?“, werden rund 17.000 Personen aus dem YouGov-Panel um eine Antwort zur Wahlabsicht gebeten. Neben den Umfrage-Ergebnissen werden zusätzliche Daten aus dem Mikrozensus, aus früheren Wahlergebnissen sowie aus zugekauften Strukturdaten von Microm verwendet. Die Merkmale sind: Alter, Geschlecht, Bildung, Region, Wahlverhalten bei der Bundestagswahl 2013 und politisches Interesse. Daraus werden verschiedene Typen identifiziert und anschließend deren Verteilung auf die Wahlkreise geschätzt. Es handelt sich somit um eine repräsentative Quotenstichprobe.
Modell von YouGov vom 19.9.2017
Modell von YouGov vom 19.9.2017 (© YouGov)
Damit kann YouGov erstmals Schätzungen auf Wahlkreisebene abgeben. Dadurch kann die Erststimme, die normalerweise bei den Wahlforschern unter den Tisch fällt, berücksichtigt und Überhangsmandate berechnet werden. Daraus leitet sich die mögliche Sitzverteilung und letztlich die Wahrscheinlichkeit für bestimmte Koalitions-Modelle ab. Bei dem Verfahren hat sich YouGov Unterstützung von zahlreichen Wissenschaftlern aus London und aus Mainz geholt.

Als Limitierungen gibt YouGov vor allem an, dass im Gegensatz zu UK und den USA die Verfügbarkeit öffentlicher Daten sehr limitiert sei. Außerdem werde nur eine Variable abgefragt. Geißler sieht auch Ausnahmen wo das Modell scheitern könnte, wie etwa, wenn ein Grüner Direktkandidat in seinem Wahlkreis wird. Im Unterschied zu den Parlamentswahlen im letzten Jahr in Großbritannien kommen bei den beiden Wahlmethoden im Vergleich momentan für die Bundestagswahl keine bedeutenden Unterschiede zum Vorschein. Immerhin wird laut der neuen Methode die AfD drittstärkste Kraft im Bundestag und die Grünen müssten um ihren Einzug in das Parlament bangen. 
Ergebnisse der beiden Wahlverfahren im Vergleich
Ergebnisse der beiden Wahlverfahren im Vergleich (© YouGov)

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