Online Special Wahlforschung Keine Rede von einer Krise

Mittwoch, 12. Juli 2017
Richard Hilmer
Richard Hilmer
Foto: policy matters

Richard Hilmer kennt die öffentliche Wahl- und Politikforschung in Deutschland wie kaum ein anderer. In unserer Serie zur Wahl- und Meinungsforschung steht er uns Rede und Antwort und erklärt, was sich geändert hat.

Sie haben Jahrzehnte Wahlforschung betrieben. Ist sie heute in der Krise oder gab es immer wieder Fehl-Vorhersagen der Demoskopen?
Von einer Krise der Wahlforschung kann keine Rede sein. Die Wahlforschung in Deutschland hat eine sehr hohe Qualität, ihre Methoden haben sich als sehr verlässlich erwiesen. Dies schließt nicht aus, dass das Wahlergebnis in dem einen oder anderen Fall von den im Vorfeld ermittelten Werten für die Parteien abweicht. Das war zuletzt etwa bei der Landtagswahl im Saarland der Fall, die von hochemotionalen und sich teilweise diametral widersprechenden Entscheidungsfaktoren geprägt war. Stichworte dazu sind : Flüchtlingspolitik, Schulz-Effekt, Rot-Rot, beliebte Ministerpräsidentin. Bei den Landtagswahlen in Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen haben die Institute ihre Leistungsfähigkeit wieder unter Beweis gestellt und in den letzten Vorwahlerhebungen kurzfristige und zum Teil drastische Stimmungswechsel korrekt wiedergegeben.

Wenn man nicht von Krise sprechen kann, dann vielleicht von Herausforderungen?
Eine spezielle Herausforderung für die Wahlforschung stellt das Auftauchen neuer Parteien dar, denn die Instrumente müssen erst auf die neue Kraft „eingestellt“ werden. Das kann eine Weile dauern, wie man bei der AfD gesehen hat. Ihre Stärke wurde in den Umfragen anfangs deutlich unterschätzt. Das mag zum Teil damit zu tun gehabt haben, dass sich viele Wähler nicht dazu bekennen mochten. Bei den jüngsten Wahlen wurde aber auch die Stärke der AfD sehr exakt wiedergegeben. Wir Demoskopen weisen gleichwohl immer darauf hin, dass die in Vorwahlerhebungen ermittelten Werte der sogenannten „Sonntagsfrage“ wegen der Komplexität des Entscheidungsprozesses nur bedingt prognosetauglich sind. Schwierige Entscheidungen fallen häufig erst in der Wahlkabine.

Es gibt verschiedene Erklärungsansätze für die Situation, die Leute sagen nicht mehr die Wahrheit oder sie sagen gar nichts, weil sie keine Lust mehr auf Befragungen haben. Ist dies auch eine Krise der Methoden?
Es gibt keine Methodenkrise, aber die Erhebungsmethoden und die Befragungsinstrumente müssen immer wieder an sich verändernde Bedingungen angepasst werden. Heute fühlen sich immer weniger Wahlberechtigte an eine Partei gebunden und treffen ihre Wahlentscheidung immer häufiger sehr kurzfristig, was in den Landtagswahlen in diesem Jahr eindrucksvoll bestätigt wurde. Dabei orientieren sie sich an aktuellen Themen, an den Spitzenkandidaten der Parteien oder lassen sich von taktischen Überlegungen leiten. Zudem beeinflussen heute emotionale Komponenten die Wahlentscheidungen stärker als früher. Und schließlich stellt auch die zuletzt stark schwankende Wahlbeteiligung eine entscheidende, aber nur schwer prognostizierbare Größe für den Wahlausgang dar. Die Güte einer Umfrage bemisst sich heute nicht zuletzt darin, ob diese Faktoren in ausreichendem Maße Berücksichtigung gefunden haben.

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Bild: Pixabay

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In der Marktforschung wird immer darauf hingewiesen, dass man die Menschen nicht direkt befragen kann, weil die meisten Entscheidungen unbewusst fallen. Warum fragt die Wahlforschung immer noch so direkt „Wählen Sie A, B oder C“?
Auch Wahlentscheidungen basieren keineswegs nur auf Rationalität, aber rationale Faktoren sind wichtiger als bei Kaufentscheidungen, bei denen das Unbewusste eine dominante Rolle spielt. Wahlentscheidungen haben in den demokratischen Gesellschaften zudem einen ungleich höheren Stellenwert. Deshalb können sie zumindest ansatzweise im Diskurs begründet, und die Gründe in Umfragen nachvollzogen werden. Fakt ist aber auch, dass Wahlentscheidungen hochkomplex sind und selbstverständlich auch emotionale Elemente umfassen – die es in den Erhebungen zu erfassen gilt. Dafür gibt es geeignete „implizite“ Analyseverfahren und auch spezielle qualitative Verfahren, wie etwa Gruppendiskussionen. Mit ihrer Hilfe kann man tieferliegenden Motiven für das Wahlverhalten auf die Spur kommen. Bei der Ermittlung der jeweiligen Parteistärke, der „Sonntagsfrage“, spielen beide aber keine Rolle.

Richard Hilmer

kennt die öffentliche Wahl- und Politikforschung in Deutschland wie kaum ein anderer. Von 1982 bis zum Jahr 2015 war er bei ínfratest dimap, zuletzt als Geschäftsführer tätig. Dannach gründete er gemeinsam mit Rita Müller-Hilmer, zuletzt Leiterin der TNS Infratest Politikforschung, das Forschungsunternehmen: policy matters, Gesellschaft für Politikforschung und Politikberatung mbH.
Reicht es heutzutage Telefonbefragungen durchzuführen, egal ob Festnetz oder Mobiltelefon? Meine persönliche Erfahrung ist, man erreicht die Leute, die man sprechen will, nicht. Heute ist Email, bei den Älteren und WhatsApp bei den Jungen das Mittel der Wahl?
Was die „Sonntagsfrage“ betrifft liefern repräsentativ angelegte Telefonerhebungen immer noch die validesten Ergebnisse. Sie basieren auf einer Zufallsauswahl der Befragten und liefern deshalb im statistischen Sinne repräsentative Ergebnisse. Dies setzt allerdings heute auf nationaler Ebene zwingend die Berücksichtigung von Mobiltelefonen voraus, da bestimmte Bevölkerungsgruppen wie etwa junge Männer in Großstädten ansonsten kaum mehr erreicht werden. Auf Länderebene ist die Berücksichtigung von Handys in der Stichprobe allerdings in der Regel zu aufwändig, da Mobilnummern über keine regionale Vorwahl verfügen.

Wie sieht es mit Online-Forschung aus? Taugen die Methoden der reinen Online-Meinungsforscher wie YouGov oder Civey?
Bei Online-Erhebungen muss man grundsätzlich unterscheiden zwischen Umfragen auf der Basis von Access-Panel, deren Probanden aktiv von Instituten nach bestimmten Auswahlkriterien eingeladen werden und „Click-me-Befragungen“, bei denen jedermann - häufig auch mehrfach - an einer Umfrage teilnehmen kann. Erstere liefern eine Stichprobe, deren Struktur der der Gesamtbevölkerung oder der jeweiligen Zielgruppe sehr genau entspricht, letztere liefern eine willkürliche Auswahl und damit keine auch nur näherungsweise repräsentativen Ergebnisse.
Online-Erhebungen auf der Basis von Access-Panel sind für eine tiefergehende Untersuchung politischer Einstellungen und ihrer Entwicklung ein äußerst probates Mittel. Da heute in Deutschland 85 Prozent der Bürger ab 14 Jahre online prinzipiell erreichbar sind, liefern heute auch Online-Erhebungen für Vorwahlstudien Ergebnisse, die zwar nicht in Bezug auf das Auswahlverfahren, wohl aber in Bezug auf die korrekte Wiedergabe der Struktur der Zielgruppe repräsentativ sind. In den USA und Großbritannien haben sich Online-Polls den Telefonumfragen zuletzt als durchaus ebenbürtig erwiesen.

Wie hat sich die Ausschöpfung entwickelt in den Jahren, in denen Sie Meinungsforschung betrieben haben? Können die Onliner durch die schiere Größe zu besseren Ergebnissen kommen?
Die Ausschöpfung bei Telefonumfragen ist in der Tat in den letzten Jahren spürbar zurückgegangen. Insbesondere politikfernere Schichten lassen sich damit immer schwerer erreichen. Online-Erhebungen bieten sich hier als Alternative an, da damit speziell diese Gruppen besser abgebildet werden können. Die Qualität solcher Online-Befragungen hängt allerdings weniger von der Größe der Stichprobe als von der Qualität des jeweiligen Access-Panels ab. Wichtige Qualitätskriterien sind dabei eine aktive, bevorzugt offline erfolgte Rekrutierung der Panelteilnehmer sowie ein gutes Panelmanagement inklusive angemessener Entschädigung der Probanden für die Teilnahme an Umfragen. Da sowohl Telefonbefragungen als auch Online-Erhebungen jeweilige Stärken aber auch Schwächen auszeichnen, empfiehlt sich bisweilen ein Methodenmix, um zu verlässlichen und validen Ergebnissen zu kommen.

Herr Hilmer, wir danken Ihnen herzlich für das Gespräch.

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