Wahl- und Meinungsforschung Wer braucht heute noch den Wahl-O-Mat?

Mittwoch, 30. August 2017
15 Jahre Wahl-O-Mat
15 Jahre Wahl-O-Mat
© Bundeszentrale für politische Bildung

Heute geht der Wahl-O-Mat für die kommende Bundestagswahl online. Martin Schultze (jetzt concept m) erforscht das Tool seit Jahren und fragt sich heute: Kann man die Ergebnisse als konkrete Wahl-Empfehlung ernst nehmen? Erreicht das Instrument wirklich die Richtigen und ist es für die Erstwähler nicht viel zu sehr Web 1.0? 

 

Vor 15 Jahren, bei der Bundestagswahl 2002, testeten rund 3,6 Millionen Menschen das Tool der Bundeszentrale für politische Bildung (zum Wahl-O-Mat >>). Es soll die Wähler in ihrer Meinungsbildung unterstützen und mehr Transparenz in den Wahlkampf bringen. Im Laufe der Zeit hat das Instrument an Bekanntheit und Beliebtheit gewonnen. Bei der letzten Wahl auf Bundesebene 2013 haben annähernd 13,3 Millionen Menschen den Wahl-O-Mat durchgeklickt. Wahrscheinlich wird der diesjährige Wahl-O-Mat diese Marke erneut deutlich übertreffen. Aber, erreicht das öffentlich finanzierte Instrument wirklich seinen Zweck, junge, eher politikferne Menschen zu erreichen und zur Stimmabgabe zu motivieren? Forschungen der Universität Düsseldorf zum Wahl-O-Mat zeigen, dass das Tool tatsächlich in der Lage ist, einige Personen zur Wahl zu bewegen, die dies vorher nicht geplant haben. Doch die überwiegende Zahl der Nutzer ist bereits mobilisiert.

Nutzerprofile, basierend auf Exit-Befragungen im Anschluss an den Wahl-O-Mat, sowie Daten der German Longitudinal Election Study, zeigen, dass der prototypische Nutzer männlich, jung und deutlich höher gebildet und politisch interessierter ist, als der Querschnitt der Internetnutzer.

Das Ziel, politikferne junge Erwachsene zu erreichen, wird daher eher nicht erreicht. In Zeiten von Youtube, Twitter, Instagram und Snapchat ist der Wahl-O-Mat einfach zu textlastig, ein Klassiker aus der Zeit des Web 1.0. Junge und politisch Uninteressierte kann man nur schwer damit begeistern. Stattdessen erreicht der Wahl-O-Mat die „Falschen“, nämlich die ohnehin schon politisch Involvierten, die häufig bereits eine Partei klar präferieren. Aus Befragungen wissen wir, dass das Hauptmotiv der meisten Nutzer dementsprechend in der Bestätigung bestehender Sympathien liegt und weniger in der Suche nach politischer Orientierung und Hilfestellung für die Wahlentscheidung. Nach dem Motto: „Mal schauen, ob meine Partei ganz vorne landet.“

Dr. Martin Schultze

Martin Schultze, concept m
(Bild: concept m)
ist Projektleiter für quantitative Marktforschung bei concept m research + consulting . Von 2010 bis 2016 war er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Sozialwissenschaften an der Universität Düsseldorf und hat sich dort unter anderem mit Wahlforschung und dem Wahl-O-Mat beschäftigt. Er ist Autor zahlreicher nationaler und internationaler Fachartikel zur Wirkung und Nutzerprofilierung des Wahl-O-Mat.
Wahl-O-Mat hat eine einfache Funktionslogik 

Die Ursprünge dieses Tools liegen in den Niederlanden. Dort wurde schon in den 1990er-Jahren die Voting Advice Applications (VAA) als Paper-Pencil-Variante entwickelt. Nachdem Wähler ihre Positionen zu einer Reihe von Thesen markiert haben, werden die Antworten der Nutzer mit dem Wahlprogramm der antretenden Parteien verglichen und aufgezeigt, welcher Partei der jeweilige Wähler am nächsten steht. Einer komplexen Variante, in der die Thesen auf einer 5-stufigen Skala beantwortet und in einem zwei- oder mehrdimensionalen politischen Raum dargestellt werden - so wie bei dem jetzt glaunchten Wahl-Navi von RTL -, steht mit dem Wahl-O-Mat eine Version gegenüber, die die Beantwortung der Thesen nur mit „ja“, „nein“ oder „neutral“ erlaubt. Diese Thesen werden zuvor von Experten zusammen mit potentiellen Erstwählern erarbeitet. Die Nähe zu den Parteien wird dann in einem einfachen Ranking abgebildet. Heraus kommt das Gefühl: „Wenn Du diese Meinung vertrittst, dann müsstest Du eigentlich jene Partei wählen.“ Für manchen Nutzer eine Überraschung. 

Wahl-O-Mat ist keine Wahlempfehlung

Doch der Wahl-O-Mat möchte nicht als Wahlempfehlung verstanden werden und ist daher auch keine allzu konkrete Hilfe. Wesentliche Faktoren der Wahlentscheidung werden von dem Tool nicht berücksichtigt. So spielen für die Wahlentscheidung neben den Sachfragen vor allem langfristige Parteibindungen und die Kandidatenbewertung eine Rolle. Diese  werden vom Wahl-O-Mat überhaupt nicht erfasst, sondern lediglich der Abgleich wahlrelevanter Sachfragen zwischen Parteien und Nutzern. 
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Bild: Pixabay

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Und auch in diesem Punkt bietet der Wahl-O-Mat nur einen Ausschnitt an relevanten Informationen. Neben der grundsätzlichen Frage, ob man komplexe politische Sachverhalte auf einfache, mit ja oder nein zu beantwortende Thesen reduzieren kann, gibt es keine Anhaltspunkte dafür, wie kompetent die Parteien in diesen Themenbereichen sind oder mit welcher Vehemenz sie diese Thesen vertreten. Gerade angesichts von Koalitionsverhandlungen wäre es sicherlich wichtig zu wissen, welche Inhalte für die Parteien besonders wichtig sind und welche in Verhandlungen über die Regierungsbildung als erstes aufgegeben oder aufgeweicht werden.

Ein weiteres Problem betrifft die Thesengenerierung. Eine Auswahl der Thesen wird von der Bundeszentrale für politische Bildung etliche Wochen vor dem Wahl-O-Mat-Start erarbeitet und die Positionen der Parteien dazu eingeholt. Teilweise geschieht dies noch bevor die Wahlprogramme der Parteien stehen. Auf Grund dieser langen Vorlaufzeit können kurzfristig aufkommende Themen nicht mehr berücksichtigt werden. Auch Stellungnahmen einzelner Politiker können im Wahlkampf von den Thesen abweichen. Zudem haben die Parteien durch die Selbstpositionierung die Gelegenheit, sich der vermeintlichen Zielgruppe des Wahl-O-Mat möglichst geschmeidig zu präsentieren und kontroverse Thesen eher entsprechend dieser Wahrnehmung zu beantworten. Ein Aspekt, den man nicht unterschätzen sollte.

Im Ergebnis sollte man die konkrete Empfehlung des Wahl-O-Mat daher nicht allzu ernst nehmen, sondern das Tool als eine Möglichkeit sehen, sich vergleichend zu einigen Themenbereichen zu informieren und damit über Politik ins Gespräch zu kommen.

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