Online Special Wahlforschung Zeit für einen fairen Deal mit den Teilnehmern

Mittwoch, 10. Mai 2017
Gerrit Richter ist CEO des Meinungsforschungs-Startup Civey
Gerrit Richter ist CEO des Meinungsforschungs-Startup Civey
© civey

Das Startup Civey bringt frischen Wind in die Meinungs- und Wahlforschung. Indem sie auf zahlreichen Medien ihre Umfragen platzieren, erhalten sie die Meinung von zahlreichen Menschen, vor allem zu Wirtschaft und Politik. Bezahlt wird nicht mit Punkten oder Gutscheinen, sondern mit Information. Gerrit Richter, CEO von Civey, eklärt die Vorgehensweise und die Philosophie des jungen Unternehmens.
Sie wollen die traditionellen Meinungsforschung das Fürchten lehren. Mit welcher Methode?
Meinungsforschung hat das Problem, dass kaum noch jemand mitmachen will. Die Menschen sind genervt von Telefonanrufen und sie misstrauen zunehmend Instituten. Wir denken deshalb, dass es Zeit ist für einen fairen Deal mit den Teilnehmern: Wir zeigen jedem das repräsentative Ergebnis in Echtzeit, kein Ergebnis wird verheimlicht. Im Gegenzug stellen uns die Menschen mehr Daten über sich zur Verfügung und nehmen häufiger an Umfragen teil. Das ermöglicht zum einen feinere statistische Verfahren und zum anderen größere Stichproben. Standardmäßig befragen wir 5.000 Menschen statt wie sonst üblich nur 1.000. Auch technologisch gehen wir neue Wege: Wir haben ein Umfrage-Tool entwickelt, das in jede Webseite eingebunden kann werden. Darüber haben wir mittlerweile ein Netzwerk mit rund 5.200 Webseiten aufgebaut. Wir befragen die Menschen also dort, wo sie ohnehin gerade surfen.
Bisher galt in der Meinungsforschung das Mantra der Zufallsauswahl. Bei Ihnen müssen sich die Menschen anmelden, bevor Ihre Stimme zählt. Was ist mit dem Bias der Selbstauswahl?
Das Konzept der Zufallsauswahl ist eine Chimäre und funktioniert in der Realität meist überhaupt nicht. Ruft man 100 Menschen zufällig an, beteiligt sich heute gerade noch einer an der Umfrage. Das heißt, es gibt gerade bei der telefonischen Zufallsauswahl eine extreme Verzerrung durch Teilnahmeverweigerung und Selbstauswahl. Deshalb muss man mal ganz grundsätzlich fragen, was soll mit der Zufallsauswahl erreicht werden? Erreichen will man doch eigentlich, dass Menschen sich auch an Umfragen beteiligen, für die sie sich eigentlich gar nicht interessieren. Wenn das gelingt, kann man den Bias durch Selbstauswahl signifikant verringern. Uns gelingt das durch intelligente Technologie: Die erste Frage, die in unserem Tool angezeigt wird, ist immer der Door-Opener. Nur sie entspricht dem Kontext der Webseite. Danach folgen hunderte von empfohlenen Umfragen aus unserem Netzwerk. Im Schnitt nehmen unsere Nutzer an 64 dieser empfohlenen Umfragen pro Monat teil - ganz unabhängig von ihren persönlichen Interessen. Das heißt durch schlaue Algorithmen, einen unterhaltenden Clickflow und transparente Ergebnisse schaffen wir es, die Selbstauswahl massiv zu verringern.
Wahlspecial
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Sie versuchen durch die Auswahl der Webseiten, auf denen Ihr Befragungstool eingebaut ist, möglichst alle Gruppen der Bevölkerung zu erreichen. Auf welchen Webseiten kann man Extrem-Linke oder Rechte finden?
Das ist relativ leicht vorherzusagen: Wenn eine Webseite eher linke Positionen vertritt, dann finden sie dort auch Menschen mit linkem Gedankengut und umgekehrt. Generell aber gilt, dass sich das althergebrachte Links-Rechts-Schema auflöst: So bezeichnen sich mittlerweile 47,6 Prozent der AfD-Wähler als politisch neutral.

Wie viele Webseiten braucht man, um bevölkerungsrepräsentative Aussagen machen zu können? Sind Sie auch an Fachmedien wie planung&analyse oder Horizont interessiert?
Weniger die Anzahl der Webseiten ist hier entscheidend, sondern die Vielfalt. Zu unseren Kunden gehört von Leitmedien wie Spiegel Online und Welt.de, über regionale Tageszeitungen wie der Rheinischen Post, bis zur Diakonie, alternativen Radiosendern und Fachblogs mittlerweile die ganze Breite der deutschen Internetlandschaft. In diesem Sinne sind wir auch an Fachmedien interessiert, weil man hier oftmals Bevölkerungsgruppen erreicht, die traditionelle Meinungsforscher gar nicht mehr ansprechen können.



Was ist mit den Nonlinern und mit Menschen, die zwar im Internet sind, sich aus Unsicherheit oder Angst aber nirgendwo anmelden würden? Was ist mit der Stimme meiner Mutter?
Wir freuen uns sehr, wenn auch Ihre Mutter bei uns teilnimmt! Wichtig für unsere Qualität ist aber vielmehr, dass wir ausreichend statistische Zwillinge Ihrer Mutter im Panel haben. Das sind Menschen, die sich demographisch und in ihrer Wertehaltung kaum von Ihrer Mutter unterscheiden. Das gelingt uns recht gut. Beispielsweise sind 15 Prozent unserer Teilnehmer zwischen 18 und 29 Jahre alt, und 22 Prozent unserer Teilnehmer über 65 Jahre alt. Das entspricht ziemlich genau der Verteilung in der Gesamtbevölkerung. Insgesamt wird das Problem der Nonliner aber überschätzt. Das sieht man auch anhand der Zahlen des statistischen Bundesamts: 9 von 10 Haushalte in Deutschland haben einen Internetanschluss. Genauso viele Haushalte haben in Deutschland einen Telefon-Festnetzanschluss.

Sie befragen nur Online. Da sind Sie aber nicht das einzige Institut. Was unterscheidet Ihre Methode etwa von der die YouGov anwendet?
Von den meisten anderen Online-Forschern unterscheidet uns zum einen, dass wir unseren Teilnehmern keinerlei finanzielle Incentives bieten. Das würde unserer Meinung nach nur zu einer zusätzlichen Verzerrung führen. Zum anderen - und das finde ich gerade das interessante an unserem Ansatz - führen wir unsere Umfragen nicht nur auf unserer eigenen Webseite durch, sondern auf tausenden Webseiten im ganzen deutschsprachigen Internet. Wie zu Beginn dargestellt, ermöglicht uns dieser Ansatz, von vorneherein eine gute Bevölkerungsabdeckung.

Woher bekommen Sie die Informationen für die notwendige Korrektur Ihrer Ergebnisse?
Die notwendigen Bevölkerungsdaten zur Gewichtung unserer Ergebnisse erhalten wir aus öffentlichen Quellen wie dem Mikrozensus des statistischen Bundesamtes oder der amtlichen Wahlstatistik.

Machen Sie auch Telefonumfragen?
Nein, wir sind vollständig auf Online-Umfragen spezialisiert.

Kleine Kostprobe der Civey-Methode

Welchen Stellenwert hat für Sie Transparenz?
Transparenz ist fester Bestandteil unseres Modells. Wir bieten unseren Teilnehmern als Incentive ausschließlich transparente Ergebnisse. Wir veröffentlichen immer das repräsentative Ergebnis, die Rohdaten, den statistischen Fehler, alle Teilnehmerzahlen und auf unserer Webseite kann man unser statistisches Verfahren nachlesen. Unterm Strich haben wir die Erfahrung gemacht, dass Transparenz nicht nur gut für die Teilnehmer-Motivation ist, sondern schlicht auch für ehrlichere Antworten sorgt. Die Menschen fühlen sich dadurch ernst genommen.

Was ist Ihr Geschäftsmodell? Womit verdienen Sie Ihr Geld? Zahlen die Medien für den Service?
Unser Geschäftsmodell ist Data-Subscription. Wir führen jede Woche mehrere hundert Umfragen aus unterschiedlichen Branchen durch. Diese Branchen-Reports stellen wir unseren Kunden in Echtzeit - auf Wunsch sogar via API mit Direktanbindung an ihr eigenes Data-Center - zur Verfügung. Im Augenblick konzentrieren wir uns noch auf die Bereiche Wirtschaft, Politik und Gesellschaft. Aber in Planung sind auch Branchenreports zu Energie, Gesundheit und Ernährung. Medien und überhaupt allen Webseiten-Betreibern bieten wir einen besonderen Service: Sie können unser Tool einbetten und erhalten im Gegenzug kostenlose repräsentative Umfragen mit spannenden Ergebnissen.

Nach den weltweiten Voraussage-Schlappen der vergangenen zwölf Monate sehen Sie die Meinungsforschung in einer Krise?
Ich glaube ein bisschen mehr Transparenz und Offenheit würden gut tun. Nehmen Sie die berühmten Brexit-Umfragen. Die Umfragen waren an sich gut, aber das Rennen war einfach too close to call. Hier wäre es besser, als Meinungsforscher gleich klar zu machen, dass man eben nicht sagen kann, wie die Sache ausgeht.


Herr Richter, vielen Dank für das Gespräch.
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