Online Special Wahlforschung „Viele Ansätze ergeben ein besseres Bild“

Dienstag, 18. Juli 2017
Dr. Thorsten Faas ist Professor für Politikwissenschaft an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Dr. Thorsten Faas ist Professor für Politikwissenschaft an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz
© privat

Professor Thorsten Faas von der Uni Mainz kann sich als akademischer Wahlforscher ein wenig aus den heißen Debatten heraus halten. Er beobachtet die Diskussion um die Demoskopie allerdings ganz genau und versucht mit unterhaltsamen Lernvideos auf YouTube einige Fragen zu beantworten.
Auf Ihrer Webseite steht, Sie sind staatlich zertifizierter Wahlforscher. Was ist das?
Das ist erst einmal ein gutes Beispiel dafür, dass Ironie im Internet nicht immer und automatisch funktioniert. Ich bin nämlich kein staatlich zertifizierter Wahlforscher. „Wahlforscher“ ist gar kein geschützter Begriff. Es ist eigentlich nur eine ironische Anspielung darauf, dass ich mal eine Professur für Politikwissenschaft, insbesondere Wählerverhalten innehatte – und das ein einer staatlichen Universität. ☺ Sehen Sie, ich bin drauf reingefallen. Und wie ist die Situation der Wahlforschung derzeit? Steckt sie in der Krise?
Nein, eigentlich nicht. Die Herausforderungen, vor denen sowohl die akademische als auch die kommerzielle Wahlforschung aktuell stehen, sind sicherlich beachtlich. Aber das alleine macht noch keine Krise. Entscheidend scheint mir vielmehr, dass man die Ergebnisse der Demoskopie und vor allem deren Belastbarkeit und Reichweite richtig kommuniziert und interpretiert. Daran hapert es zuweilen.

Es gibt verschiedene Erklärungsansätze für die Situation. Die Leute sagen nicht mehr die Wahrheit oder sie sagen gar nichts, weil sie keine Lust mehr auf Befragungen haben. Ist dies auch eine Krise der Methoden?
Zunächst einmal sind das zwei sehr verschiedene Dinge – und das ist wichtig. Wurde Donald Trump in den Umfragen vor der US-Wahl unterschätzt, weil die Leute nicht zugeben wollten, dass sie ihn unterstützen? Oder gewinnt man Trump-Anhänger in geringerer Zahl für Umfragen? Letzteres stellt sicherlich das schwerwiegendere Problem für die Branche dar, scheint mir aber alles in allem die schlüssigere Erklärung zu sein. Einen schüchternen, introvertierten Eindruck machen die Trump-Anhänger jedenfalls nicht unbedingt. Dagegen könnten sie sehr wohl auch die Demoskopie als Teil des Establishments sehen und sich den Demoskopen deswegen verweigern.

Ist das Mantra der Zufallsauswahl nicht überholt? Bei geringer Auslastung trifft doch die Selbstauswahl auch bei den herkömmlichen Methoden zu? Es antwortet nur, wer antworten will.
Ach ja, diese Diskussion ist letztlich schon Jahrzehnte alt. Letztlich kann man ja auch den Aufstieg George Gallups und seinen Sieg über den Literary Digest im Jahr 1936 in diesem Lichte betrachten. Der Vorteil der Zufallsauswahl ist, dass ihr ein theoretisch plausibles Modell zugrunde liegt. Wenn das allerdings nicht mehr so gut funktioniert wie früher, dann gibt es ein Problem, ganz klar. Alle Herangehensweisen haben Probleme, die einen diese, die anderen jene. Und das ist dann wiederum eine potenziell gute Sache, weil sich in der Gesamtschau der vielen verschiedenen Ansätze ein besseres Bild ergibt.

Reicht es heutzutage Telefonbefragungen durchzuführen, egal ob Festnetz oder Mobiltelefon? Meine persönliche Erfahrung ist, man erreicht die Leute, die man sprechen will, nicht. Heute ist Email, bei den Älteren und WhatsApp bei den Jungen das Mittel der Wahl?
Erreichbarkeit ist natürlich die absolut zwingende Voraussetzung für eine erfolgreiche Umfrage. Allerdings scheint mir etwa die Frage, wie man per WhatsApp eine 20-minütige Umfrage realisiert, noch nicht vollständig beantwortet, um es vorsichtig – Achtung Ironie! – zu formulieren.

In der Marktforschung wird immer darauf hingewiesen, dass man die Menschen nicht direkt befragen kann, weil die meisten Entscheidungen unbewusst fallen. Warum fragt die Wahlforschung immer noch so direkt „Wählen Sie A, B oder C“?
Langsam, langsam… auch einem Marktforscher kann ein Konsument ja durchaus sagen, dass er ein Auto der Marke A oder einen Joghurt der Marke B gekauft hat. Danach können sie auch direkt fragen. Schwieriger ist dagegen herauszufinden, warum er oder sie das getan hat. Analog funktioniert das in der Wahlforschung. Nach der Wahlentscheidung kann man direkt fragen, nach subjektiven Gründen, warum die Entscheidung so ausgefallen ist wie sie ist, eher nicht. Das muss man dann auf anderen Wegen, etwa per Zusammenhangsanalysen oder durch implizite Messungen, herausfinden.

Wahlspecial
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Online Special Wahlforschung Wie erforscht man den Trend?

Sie haben so etwas wie die Sendung mit der Maus produziert und erklären auf YouTube auf was bei Wahlforschung zu achten ist. Für wen machen Sie das? Wie sind die Reaktionen?
Als akademische Wahlforscher haben wir das große Privileg, auch mal Dinge zu tun, auf die wir einfach Lust haben – und das ist hier der Fall. Mir fiel einfach auf, dass mich rund um Wahlen immer sehr ähnliche Fragen, gerade von Seiten der Medien, erreichen: Wie wirken eigentlich TV-Duelle? Wie kann man Wähler mobilisieren? Wie funktionieren Umfragen? Auf diese typischen Fragen wollen wir mit unseren YouTube-Videos bei „Was mit Wahlen“ Antworten geben.

Nehmen Sie auch noch Online-Wahl-Forschung unter die Lupe? Was halten Sie davon?
Ja, in unserem allerersten Video etwa sind wir darauf eingegangen, wie unterschiedlich Rekrutierungswege für Wahlumfragen heute sind, insbesondere für Online-Umfragen. Wir haben auch in unserer eigenen Forschung schon auf Online-Umfragen gesetzt, die ja ohne Zweifel bestimmte Vorteile für sich reklamieren können.

Ist etwa die Methode von Civey für Sie nachvollziehbar?
Durchaus, Civey ist da ja transparenter als viele andere Akteure am Meinungsforschungsmarkt. Ob sie dauerhaft funktionieren kann, ist allerdings eine andere Frage.

Wie kann man die Menschen motivieren, wieder die Fragen der Meinungsforscher zu beantworten?
Intrinsisch oder extrinsisch. Für den Mikrozensus etwa, also die Volkszählung im Miniaturformat, gilt Antwortzwang. Den gibt es in der Wahlforschung sonst nicht (aus guten Gründen), aber auch da können sie zum Beispiel Geld für die Teilnahme zahlen. Sie können den Menschen aber auch den ideellen Wert einer Teilnahme klar machen – etwas, das uns in der Wissenschaft durchaus nützt. Und sie können natürlich die Umfragen einfach so gestalten, dass sie Spaß machen.

Betreiben Sie auch selber Wahlforschung?
Aber sicher, ich bin doch Wahlforscher, sogar staatlich zertifiziert.
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