Wahl- und Meinungsforschung Online oder Telefon - Licht und Schatten

Mittwoch, 14. Juni 2017
Der Wähler im Fokus der Befragungsmethoden
Der Wähler im Fokus der Befragungsmethoden
Foto: pi

Die Online-Befragung ist aus der Wahl- und Meinungsforschung nicht mehr wegzudenken. So mancher Vorteil liegt auf der Hand, wie geringere Kosten gegenüber älteren Befragungsmethoden. Doch die Umfrage via Internet bringt auch Nachteile mit sich. Mit den Pro- und Contra-Argumenten setzt sich Dr. Ulrike Schenk von INSA Consulere auseinander.

Online-Befragungen sind in Deutschland etabliert. Ihr Anteil an den Gesamtbefragungen steigt kontinuierlich: Laut ADM betrug er im Jahr 2000 nur drei Prozent, so lag er im Jahr 2015 bei 34 Prozent. Bereits 2010 wurden mehr Interviews über das Internet als über das Telefon geführt. Öffentliche und private Organisationen, Institutionen und Verbände befragen mittlerweile online ihre Zielgruppen. Die große Skepsis, die einst gegenüber dieser Methode bestand, ist heute nur noch selten zu spüren. Mittlerweile sind Online-Befragungen zu einer akzeptierten Methode für Bevölkerungsumfragen geworden. Im Unterschied zu telefonischen oder persönlichen Interviews kann über das Internet in einer vergleichsweise kurzen Zeit eine große Anzahl von Menschen befragt werden. Dadurch ist es zum Beispiel möglich, selbst kleine Veränderungen im Wählerverhalten kurzfristig zu ermitteln, auf die Politiker dann zeitnah reagieren können.

Dr. Ulrike Schenk

Dr. Ulrike Schenk
Bild: Insa
Die promovierte Diplom-Volkswirtin ist seit 1. Jul 2016 Leiterin der Niederlassung INSA-Consulere GmbH in Berlin. Sie ist Dozentin an der Hochschule für Wirtschaft und Recht in Berlin und hat u.a. Berufserfahrungen als Key-Account Managerin beim Deutschen Spendenhilfsdienst und als wissenschaftliche Mitarbeiterin bei einem Abgeordneten des Deutschen Bundestages erworben.
Der am häufigsten vorgebrachte Kritikpunkt an der Online-Methode für Bevölkerungsumfragen betraf ihre - vermeintlich fehlende - Repräsentativität. Ältere Menschen, so die Befürchtung, seien ebenso unterrepräsentiert wie Bewohner ländlicher Gegenden und Personen mit niedrigerem Bildungsstand. Eine Möglichkeit besteht nun darin, Panelbefragungen durchzuführen. Dabei wird aus einem Panel mit registrierten Teilnehmern eine Zufallsauswahl getroffen. Damit ist das Zufallsverfahren, das für die Repräsentativität einer Umfrage entscheidend ist, weiterhin gegeben. Methoden-Mix sichert Repräsentativität

Eine andere Möglichkeit, die Repräsentativität bei Bevölkerungsumfragen sicherzustellen, ist der Einsatz eines Methoden-Mixes aus telefonischen und Online-Befragungen. Mit dieser Methode können flächendeckend alle Bevölkerungsgruppen befragt werden. Das Markt- und Sozialforschungsinstitut INSA-Consulere geht beispielsweise so bei den repräsentativen Bevölkerungsumfragen der INSA-Studie 50plus vor. Auch immer mehr Unternehmen und Verbände nutzen die Online-Methode für Befragungen. Das hat strategische und ökonomische Gründe. Kenntnisse über die Wünsche und Vorlieben der Kunden sind für unternehmerische Entscheidungen heute wichtiger denn je. Warum sich immer mehr Unternehmen für die Befragung per Internet entscheiden, erklärt sich aus den vergleichsweise geringen Kosten und der hohen Reichweite. Bei Offline-Erhebungen, also bei persönlichen und telefonischen Befragungen, entstehen hohe Personalkosten - beispielsweise für die Qualifizierung der Mitarbeiter und bei der eigentlichen Erhebung der Daten. Diese Kosten sind bei Online-Befragungen weitaus geringer. Nicht zuletzt ist die enorme Reichweite der Online-Befragung ein unschlagbares Argument für diese Methode. Vor allem internationale Unternehmen nutzen sie zur Mitarbeiter- oder Kundenbefragung. In relativ kurzer Zeit können so etwa Mitarbeiter, die in verschiedenen Ländern tätig sind, zu Unternehmensentscheidungen befragt werden. Diesen Vorteilen steht der Nachteil gegenüber, dass nicht kontrolliert werden kann, unter welchen Bedingungen die Daten eingegeben werden. Das gibt Nutzern beispielsweise die Möglichkeit, an einer Befragung mehrmals teilzunehmen.

Meinungen der Bevölkerung findet stärkere Berücksichtigung

Online-Befragungen haben die empirische Sozialwissenschaft in doppelter Hinsicht beeinflusst. Zum einen ist die Forschung um eine weitere Methode bereichert worden. Zum anderen werden Umfragen heute auch von Unternehmen, Verbänden und Organisationen selbst erhoben und nicht mehr allein von Meinungsforschungsinstitute. Letzteres hat dazu führt, dass die Themen, zu denen heute befragt wird, an Breite und Vielfalt zugenommen haben. Das Wissen über die Meinungen der Bevölkerung findet in den Entscheidungsprozessen in Politik und Gesellschaft stärkere Berücksichtigung. So hat die öffentliche Meinung heute größeren Einfluss auf die politischen Entscheidungen. Sie wird auch herangezogen, um politische Entscheidungen zu legitimieren. Kritiker sehen darin die Gefahr, dass wichtige Entscheidungen, die in der Öffentlichkeit auf nur wenig Akzeptanz stoßen, gar nicht erst in Angriff genommen werden. Auch wird bemängelt, dass durch die Berücksichtigung der öffentlichen Meinung eher kurzfristig relevante politische Entscheidungen getroffen werden. Das ist jedoch nicht der Methode anzulasten, sondern liegt in der Verantwortung der Politiker.
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Bild: INWT

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Insgesamt kann festgestellt werden: Die Beliebtheit der Online-Befragung erklärt sich durch ihre Vorteile im Vergleich zu persönlichen oder telefonischen Befragungen. Die geringeren Kosten, auch durch weniger Personalaufwand, eine potenziell höhere Reichweite und ihre Schnelligkeit wiegen in den Augen vieler Anwender die möglichen Nachteile dieser Methode auf.

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