Wahl- und Meinungsforschung Ist das Wahl-Navi von RTL eine echte Alternative zum Wahl-O-Mat?

Mittwoch, 30. August 2017
RTL bringt jetzt das Wahl-Navi
RTL bringt jetzt das Wahl-Navi
© Wahl Navi

Heute wird der Wahl-O-Mat aktiviert, der seit 15 Jahren Unentschlossenen die Wahl erleichtern will. Doch vor wenigen Tagen haben die drei Nachrichtenangebote der Mediengruppe RTL das „Wahl-Navi“ ins Netz gestellt. Welches Instrument ist besser geeignet, um junge Wähler zu erreichen?

Welche Partei steht meinen Bedürfnissen am nächsten? Wo stehe ich mit meinen Ansichten im Parteien-Vergleich? Wen sollte ich wählen? Diese Fragen stellen sich viele Wähler vier Wochen vor der Bundestagswahl. Seit 15 Jahren will der Wahl-O-Mat der Bundeszentrale für politische Bildung dazu Antworten oder zumindest eine Hilfestellung geben. Über 50 Millionen Menschen haben sich in dieser Zeit durch das Online-Tool geklickt. Am 30. August wird die neueste Version, die in Zusammenarbeit mit der Universität Düsseldorf entwickelt wurde, freigeschaltet.

Jetzt bekommt das öffentlich geförderte Instrument Konkurrenz von RTL. Das neue Tool heißt „Wahl-Navi“ und führt 30 Thesen und Fragen auf, die jeweils für ein großes Thema im Wahlkampf und für die Programmpunkte der Parteien stehen. Die Nutzer können ihnen zustimmen, sie ablehnen oder sie als irrelevant einstufen. Bis hierhin sind sich die beiden Tools recht ähnlich. 

Wahl-O-Mat im NRW-Wahlkampf
Wahl-O-Mat im NRW-Wahlkampf (© Bundeszentrale für politische Bildung)
Anders als der Wahl-O-Mat erkundigt sich das „Wahl-Navi“ jedoch auch nach der persönlichen Meinung über die Kompetenz führender Politiker und ihrer Parteien. Es wird nach dem Wahlkreis gefragt, nach der Entscheidung bei der letzten Wahl und die Sonntagsfrage („Wen würden Sie wählen, wenn am Sonntag Bundestagswahl wäre“) gestellt. „Und es benutzt modernste Algorithmen, um die inhaltliche Nähe zwischen Usern und Parteien zu messen“, so die Presseerklärung der Mediengruppe. Steigt man tiefer in die Methodenerklärung ein, findet sich auch das Mega-Buzzword "Künstliche Intelligenz".

Unter dem Namen „Vote Compass“ ist das „Wahl-Navi“ seit Jahren bereits in Kanada, Australien und Neuseeland eingesetzt worden - zuletzt auch in Frankreich und 2013 zur US-Wahl. Es wurde von kanadischen Politik- und Datenwissenschaftlern entwickelt, die sich für die Bundestagswahl akademische Unterstützung aus Deutschland geholt haben. Prof. Thomas Gschwend von der Universität Mannheim und Prof. Heike Klüver von der Humboldt-Universität Berlin haben den Fragenkatalog mitentwickelt und die Gewichtung der Antworten im „Wahl-Navi“ übernommen.
Das neue "Wahl-Navi" der Mediengruppe RTL
Das neue "Wahl-Navi" der Mediengruppe RTL (© Wahl-Navi)
In der optischen Darstellung der Ergebnisse ist das „Wahl-Navi“ sicherlich etwas ansprechender als der Wahl-O-Mat. „Bei der Bewertung des Testergebnisses kann der User nicht nur sehen, welche Partei ihm mit seinen Antworten am nächsten kommt, sondern auch - grafisch sehr deutlich aufbereitet - wo genau er in der Parteienlandschaft steht“, heißt es dazu in der Erklärung zur Einführung des Tools.
15 Jahre Wahl-O-Mat
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Dafür verzichtet das Wahl-Navi auf den genauen Abgleich der einzelnen Thesen mit den Wahlprogrammen der Parteien. Zudem kann man beim Wahl-O-Mat seine eigene Meinung mit allen zur Wahl stehenden Parteien vergleichen, selbst mit denen der Satirepartei „Die Partei“. Das Wahl-Navi berücksichtigt nur die Parteien, die nach jetzigem Stand eine realistische Chance haben, die 5-Prozent-Hürde zu überspringen.

Wie die Thesen zustande kommen, war beim Wahl-O-Mat in der Vergangenheit hin und wieder ein Streitpunkt. Die Bundeszentrale für politische Bildung erarbeitet diese weit im Vorfeld und holt dann die Positionen der Parteien dazu ein. Ähnlich gehen auch die Macher des RTL-„Wahl-Navi“ vor. Die Positionen der Parteien werden anhand von Parteiprogrammen und öffentlichen Äußerungen der Parteivertreter formuliert. Anschließend wurden die Parteien selbst gebeten, ihre Standpunkte darzustellen. „Erst nach dem kritischen Abgleich beider Resultate konnte das Wahl-Navi online gehen.“

Das „Wahl-Navi“ sei ganz gezielt auch auf die sozialen Medien zugeschnitten, heißt es. Die Ergebnisse können geteilt und so auch verglichen werden. „Ein neues und attraktives Mitmach-Angebot gerade für junge Menschen“, heißt es in der Stellungnahme. Nur, fragt man sich natürlich, ob man wirklich sein persönliches Ergebnis aus einem Wahlbarometer mit seinem sozialen Netzwerk teilen will oder sollte?
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Im Grunde sind die Neuentwicklung der Kölner Mediengruppe und der 15 Jahre alte Wahl-O-Mat sehr ähnlich. Eine Kritik von Martin Schultze, der den Wahl-O-Mat lange erforschte, und heute beim Marktforschungsinstitut concept m tätig ist, gilt für beide Instrumente: „In Zeiten von Youtube, Twitter, Instagram und Snapchat ist der Wahl-O-Mat einfach zu textlastig, ein Klassiker aus der Zeit des Web 1.0. Politisch Uninteressierte kann man nur schwer damit begeistern.“ Mit einer ansprechenden Darstellung der Ergebnisse und verschiedenen Übersichten, sowie der Anbindung an soziale Medien ist das „Wahl-Navi“ bestenfalls Web 2.0.

Unabhängige Studien, wie die Canadian Election Study (CES) sollen gezeigt haben, dass „das Wahl-Navi eine positive, statistisch bedeutsame Auswirkung auf die Wahlbeteiligung gerade von jungen Wählern in Kanada hatte“. Schultze, der ähnliche Studien zum Wahl-O-Mat durchgeführt hat, weiß, dass solche Instrumente eher die erreichen, die ohnehin schon politisch involviert sind. „Aus Befragungen wissen wir, dass das Hauptmotiv der meisten Nutzer dementsprechend in der Bestätigung bestehender Sympathien liegt und weniger in der Suche nach politischer Orientierung und Hilfestellung für die Wahlentscheidung. Nach dem Motto: ‚Mal schauen, ob meine Partei ganz vorne landet’“, erklärt Schultze.

So ist das neue „Wahl-Navi“ von RTL ähnlich wie der Wahl-O-Mat der Bundeszentrale eine prima Möglichkeit, um Menschen, die sich mit dem Thema Wahl und den Standpunkten der Parteien bereits auseinandersetzen, einen kleinen Zeitvertreib zu bieten. Ob solche Tools junge, uninteressierte Menschen oder gar bildungsferne Schichten erreichen, bleibt fraglich. Wenn die drei Nachrichtensender von RTL jedoch entsprechend lautstark auf das Instrument verweise, kann es durch die Reichweite der Medien möglicherweise mehr Nutzer erreichen als der 15 Jahre alte Wahl-O-Mat.

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