Branche Vom Ich zum Wir

Freitag, 01. Oktober 2010
Zusammenhalt verdrängt Egoismus
Zusammenhalt verdrängt Egoismus

In Krisenzeiten ist kein Platz für Egoisten mehr. Die Deutschen wenden sich ab von Maßlosigkeit und Missmanagement. Sie wollen wieder ehrbare Kaufleute und ehrliche Politiker, die ihre „Wahlversprechen halten“ (90%). Gefragt ist ein neues bürgerliches Wir-Gefühl, mehr Zusammenhalt – nicht nur zu Zeiten einer Fußball-WM, sondern auch in Wirtschaft, Politik, Medien und Kultur.
 
Die Sicherheit (80%) ist mittlerweile wichtiger als die Freiheit (64%). Das Schutzbedürfnis rückt zunehmend ins Zentrum des Lebensinteresses. Und die Sehnsucht nach Sicherheit  wird immer größer (1995: 49% - 2010: 80%). Ein grundlegender Einstellungswandel in Zeiten der Wohlstandswende.
 
Selbst bei der jungen Generation ist in Zeiten der Unsicherheit ein grundlegender Einstellungswandel feststellbar. Nur jeder zweite junge Mensch im Alter bis zu 34 Jahren legt besonderen Wert darauf, sich im Leben „frei zu fühlen“ (49%). Drei Viertel der 14- bis 34-Jährigen finden hingegen „ein sicheres Einkommen“ (75%) viel wichtiger. Freiheitsgefühle können und wollen sich immer weniger leisten, wenn nicht gleichzeitig auch der Lebensunterhalt gesichert ist. Unter anhaltenden Krisenbedingungen muss das Verhältnis von Freiheit und Sicherheit neu bestimmt werden.
 
Von Wohlstands- zu Wohlfühlzeiten
Von Wohlstands- zu Wohlfühlzeiten
Die Erfahrungen vom 11. September 2001 bis zur Finanz- und Wirtschaftskrise brachten eine Zäsur im Denken und in den Lebenseinstellungen der Bundesbürger: Die Spaßkultur weicht einer neuen Ernsthaftigkeit. In Krisenzeiten ist kein Platz für Egoisten mehr. Das Zeitalter der Ichlinge geht zu Ende. Eine Ära der Nachhaltigkeit beginnt – auch und gerade im zwischenmenschlichen Bereich. Beständigkeit ersetzt Beliebigkeit und Bescheidenheit ist wieder gefragt. Die Bundesbürger rücken enger zusammen und sind sich weitgehend einig: „Wir müssen mehr zusammenhalten“ (Männer: 85% - Frauen: 90%). Quer durch alle Berufs-, Alters- und Sozialschichten nimmt die Überzeugung zu, dass man sich in schwierigen Zeiten aufeinander verlassen können muss.

© Stephanie Hofschlaeger / PIXELIO
© Stephanie Hofschlaeger / PIXELIO
Es zeichnet sich im Alltagsverhalten der deutschen Bevölkerung ein deutlicher Wandel vom Ich zum Wir ab. Die soziale Dimension des eigenen Handelns wird wichtiger. Aktivitäten „für sich allein“ verlieren an Bedeutung. Für das persönliche Wohlfühlen ist das Zusammensein mit Partner (+10 Prozentpunkte) sowie mit Kindern und Familie (+10) bedeutsamer. Dazu gehört auch die Kontaktpflege zu den Nachbarn (+15). Selbst- und Verantwortungsbewusstsein sind gleichermaßen gefragt. Das Ich verwirklicht sich im Wir und setzt auf die „3 V“: Vertrauen, Verantwortung und Verlässlichkeit.
 
Viele Menschen in Deutschland sind von den wirtschaftlichen und sozialen Versprechen der Politik enttäuscht. Sie verlieren zunehmend das Vertrauen in die Glaubwürdigkeit von Politikern und Parteien, weil diese nach Meinung der Bevölkerung „mehr am Machterhalt als am Wohl der Bürger interessiert“ (87%) sind.
 
Die Folgen sind absehbar. Die Glaubwürdigkeitskrise der Politiker droht zur  Vertrauenskrise der Wähler zu werden. Dramatisch zugenommen hat der Anteil der Wähler, der glaubt, dass Politiker „nicht mehr ehrlich“ sind (2002: 50% - 2010: 90%). Vertrauensschwund bedeutet daher auch Legitimationsschwund für die Parteien und den Parteienstaat.
 
Aus der Sicht der Bevölkerung gibt es nur zwei Lösungsansätze, wie Deutschland aus dem Dilemma von Politikerverdrossenheit und Parteienkrise herauskommen kann: Erstens die Macht zurückverlagern und „viel mehr Volksabstimmungen“ (78%) durchführen. Und zweitens „sich selbst mehr helfen und nicht alle Probleme einfach dem Staat überlassen (62%). Mehr Volksentscheide und mehr Selbsthilfe: Das ist die konkrete Antwort der Bevölkerung auf die  Krise der Demokratie.
 
Soweit einige Ergebnisse der Wertewandel-Studie „WIR! Warum Ichlinge keine Zukunft mehr haben“ der BAT Stiftung für Zukunftsfragen. 2.000 Personen ab 14 Jahren wurden dabei nach ihren Wertorientierungen und Lebensgewohnheiten gefragt.
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