Startups in der Marktforschung Testing Time rekrutiert Probanden

Dienstag, 04. April 2017
Die beiden Testing-Time-Gründer: Reto Lämmler (l.) ist Chief Executive Officer, Oliver Ganz Chief Technical Officer
Die beiden Testing-Time-Gründer: Reto Lämmler (l.) ist Chief Executive Officer, Oliver Ganz Chief Technical Officer
© Mirjam Herrmann

Innerhalb von 48 Stunden vermittelt das Zürcher Startup Testing Time Testpersonen für Usability-Projekte und Marktforschung. Der Online-Service kommt gut an. 
Wo auch immer die Gründe dafür liegen – alles muss immer schneller gehen. Umso besser für Startups, die die begehrten zeitnahen und kostentechnisch schlanken Lösungen anbieten können. Eine interessante Marktlücke hat das Zürcher Unternehmen Testing Time (www.testingtime.com) identifziert: die online-basierte Rekrutierung von Testpersonen. Schnell und unkompliziert stehen Probanden für Usability-Tests, Fokusgruppen, Workshops, Interviews oder Umfragen innerhalb von 48 Stunden zur Verfügung, entweder vor Ort oder online. Welche Kosten anfallen, lässt sich direkt über die Eingabemaske berechnen: Die Preise beginnen bei 30 Euro pro Testperson, Zuschläge fallen für Spezifikationen nach Alter, Geschlecht, Sprache, Gerätekenntnis oder weiteren Kriterien an. Bis zu 300 Teilnehmer lassen sich online bestellen, dieselbe Person wird einem Kunden nur einmal vermittelt. „Unser Pool umfasst zurzeit international rund 40.000 Kontakte, davon rund 30.000 im deutschsprachigen Raum“, erklärt Reto Lämmler, CEO von Testing Time. Er hat das Startup Anfang 2015 gemeinsam mit Oliver Ganz gegründet, der als Chief Technical Officer an Bord ist. Der Name Testing Time soll an die Tea Time erinnern. Beide Gründer hatten in der Vergangenheit für die Terminorganisations- Plattform Doodle gearbeitet. Im August 2015 schloss das Startup eine Finanzierungsrunde in Höhe von umgerechnet rund 792.000 Euro ab.

Seitdem ist das Unternehmen mit mittlerweile neun Mitarbeitern erfolgreich im Markt unterwegs und hat rund 200 Kunden gewonnen, darunter Check24, Trivago, Zalando, Bild, UBS und viele Werbeagenturen. „Unser Schwerpunkt liegt bislang im Bereich UX“, so Lämmler. „Aber Projekte aus der Marktforschung kommen verstärkt hinzu. Wir sind auch Mitglied im BVM.“ Durch den Online-Ansatz kennt das Geschäftsmodell theoretisch keine Grenzen: „Wir sind auch international vertreten und bekommen weltweit Anfragen“, berichtet der Testing-Time-Chef. „Einem kanadischen Unternehmen haben wir zum Beispiel fünf Nigerianer vermittelt. Und eine Firma aus Hongkong wollte Kanadier.“

Das Geschäftsmodell von Testing Time steht und fällt natürlich mit dem Probanden-Pool. Die Testpersonen werden meist über Facebook, Online-Foren oder Flyer angeworben. Sie bekommen für eine Studienteilnahme vor Ort 40 Euro pro Stunde, am heimischen Bildschirm 25 Euro. Da die meisten Kontaktpersonen lediglich drei- bis viermal im Jahr zum Einsatz kommen, halten sich die Verdienstmöglichkeiten in Grenzen. „Wir wollen keine Leute, die nur mitmachen, um Geld zu verdienen“, betont Lämmler. „Es sollte auch ein Interesse an den Projekten bestehen.“
Schnell, günstig, sexy – Startups in der Marktforschung
© p&a

Mehr zum Thema

Startups in der Marktforschung Schnell, günstig, sexy

Das Testing-Time-System führt fast zwangsläufig dazu, dass bestimmte Personengruppen deutlich überrepräsentiert sind, vor allem 18- bis 25-jährige Schüler und Studenten. Besonderer Rekrutierungsbedarf besteht in der Gruppe der beruflich und familiär eingespannten 30- bis 50-Jährigen, die ihre knapp bemessene Freizeit nicht mit Usability-Tests verbringen wollen und bei den Stundensätzen keinerlei finanzielle Anreize verspüren.

„Wir planen, unseren Pool bis Ende 2017 auf rund 100.000 Probanden auszubauen“, kündigt Lämmler an. „Schwerpunkte bei der Skalierung sind die Perfektionierung des Screening-Prozesses sowie die Einführung einer Zero-No-Show-Policy.“ Findet sich eine Testperson zum vereinbarten Termin nicht ein, entstehen dem Kunden zwar keinerlei Kosten. Die Motivation jedoch, beim nächsten Mal noch einmal über Testing Time zu ordern, sinkt deutlich.

Der Service soll sich in den kommenden beiden Jahren flächendeckend in Europa etablieren. Aktuell stehen der britische und niederländische Markt im Fokus. Eile ist geraten, denn das Geschäftsmodell ist relativ leicht kopierbar. „Noch gibt es nur sehr wenige Unternehmen, die einen ähnlichen Service anbieten“, sagt Lämmler. „Aber insbesondere die klassischen Rekrutierungsagenturen werden nicht lange schlafen.“


      Erschienen in
in planung&analyse 1/2017
zum Inhalt / zum Abo / Heft bestellen
     
Jetzt suchen >>
stats