Online Special Wahlforschung Wie ticken AfD-Sympathisanten

Mittwoch, 19. Juli 2017
Dirk Wieseke ist Geschäftsführer von Kernwert
Dirk Wieseke ist Geschäftsführer von Kernwert
© Kernwert

Rechtspopulistische Kräfte fordern derzeit in mehreren europäischen Ländern die etablierten, demokratischen Parteien heraus. Bei uns ist es die AfD. Um die Lebenswelten von (potentiellen) AfD-Wählern besser verstehen zu können, haben Anfang des Jahres pollytix strategic research und Kernwert eine gemeinsame qualitative Online-Studie mit Sympathisanten durchgeführt. Dirk Wieseke, Geschäftsführer Kernwert, stellt ausgewählte Ergebnisse der qualitativen Online-Exploration vor.

Sehnen wir uns nach Wohlstand, Sicherheit und Ordnung? Oder suchen wir eher das Abenteuer und streben nach Selbstverwirklichung? Werte sind orientierungsgebend und manifestieren sich in unseren Handlungen und Entscheidungen - das betrifft den alltäglichen Konsum ebenso wie unsere politischen Einstellungen. Im Rahmen der Studie zeigte sich deutlich, dass die AfD-Sympathisanten einen klar abgesteckten Wertekanon vertreten, der wenig zu den dominanten Werten unserer individualisierten, pluralisierten Gesellschaft passt. Einer der Teilnehmer stellte zusammenfassend fest: „Ich habe das Gefühl, dass die da oben, die Mächtigen und Berühmten oftmals ganz andere Werte wie ich haben.“ Ein anderer brachte es knapp auf den Punkt: " 'Unsere Werte'. Dieses 'unser' gibt es schon seit Jahrzehnten nicht mehr.“

Diese Wertediskrepanz führt zu einem grundsätzlichen Gefühl des Nicht-Verstanden-Werdens und zudem kann sie Erklärungen für das tiefe Misstrauen der AfD-Sympathisanten gegenüber Medien und etablierten Parteien liefern.
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Bild: Pixabay

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Qualitative Online-Exploration

Im Rahmen der Online-Studie diskutierten die Forscher Anfang des Jahres zehn Tage lang mit 32 Studienteilnehmern. Es gab drei Gruppen, die sich in der Stärke ihrer Sympathie für die AfD unterschieden: potenzielle, unsichere und sichere AfD-Wähler. Die Studie wurde mit der qualitativen Onlinemethode "Ethno Insight Lab" umgesetzt, ein mehrphasiger Ansatz, der ethnographische Elemente, individuelle Aufgaben und den Austausch innerhalb der Online Community kombiniert und so zu einem umfassenden, tiefen Verständnis von Einstellungen, Wertewelten und Entscheidungskontexten verhilft. Die Teilnehmer führten unter anderem ein Medientagebuch, dokumentieren ihre Woche und erstellten Collagen zu gesellschaftlichen Themen. In Forumsdiskussionen wurden die Fragen in der Gruppe reflektiert und einzelne Aspekte vertieft.

Dirk Wieseke

ist Mitbegründer und Geschäftsführer der Kernwert GmbH in Berlin. Der Marktforschungsdienstleister ist auf qualitative Online-Forschung spezialisiert.

Traditionelles Umfeld und kollektivistische Werte

Die Studienteilnehmer leben alle in einem eher traditionellen Umfeld und vertreten auch die entsprechenden Werte. Ehrlichkeit, Treue, Zuverlässigkeit, Pünktlichkeit, Respekt, Familie und Hilfsbereitschaft wurden als besonders wichtig genannt. Diese Nennungen spiegeln sich auch in der großen Bedeutung ihres direkten persönlichen Umfelds wider, das gesellige Zusammensein mit Freunden und Familie hat einen hohen Stellenwert. Etwa ein Drittel der Befragten engagiert sich auf lokaler Ebene ehrenamtlich, etwa in Sportvereinen, für lokale Hilfsprojekte, Tierschutzvereine oder in der Kirchengemeinde. Eine starke Motivation für dieses Engagement ist der Wunsch, die eigenen Werte weiterzugeben und sich für den Erhalt dieser einzusetzen. So erzählte ein Teilnehmer: (…) ich trainiere eine kleine Bambini-Mannschaft im Verein (und) versuche natürlich diesen Kindern die guten Werte zu vermitteln.“

Fehlende Wertbereiche

Neben den Werten die genannt wurden, liefern aber vor allem auch die, die unerwähnt blieben, interessante Einblicke in die Lebenswelten. Es fehlen ganze Wertebereiche: Individualistische Werten wie Selbstverwirklichung, Autonomie, Erfolg oder Anerkennung wurden von keinem Teilnehmer genannt. Innerhalb der Diskussionen kam deutlich zum Ausdruck, dass Individualismus an sich eher negativ konnotiert ist und oft mit Rücksichtslosigkeit, Egoismus oder gar allgemeinem Werteverfall in Verbindung gebracht wird. Ein weiterer fehlender Bereich sind die kreativen und schöpferischen Werte wie Fantasie, Neugierde und Spaß. Sie kommen im Wertekanon der Studienteilnehmer ebenso wenig vor wie die sozialen Werte Toleranz, Empathie oder Ethik.

Die Werte, die in individualisierten, pluralisierten Gesellschaften dominieren – und sich auch in den Medien, der Wirtschaft und der Politik widerspiegeln - kommen in der Welt der AfD-Sympathisanten also kaum vor. Entsprechend sehen sie ihre Werte kaum in der Gesellschaft und bei den gesellschaftlichen Akteuren abgebildet. „Insgesamt auf Deutschland betrachtet, kommt es mir so vor, als ob meine Werte nicht mehr richtig vertreten werden.“, lautete das Urteil eines Teilnehmers. Aus dieser Wertekluft heraus empfinden sie ein tiefes Misstrauen gegenüber größeren gesellschaftlichen Akteuren wie Politikern, Medien, der Kirche oder Unternehmen. „Politiker sind gekauft und wirtschaften in die eigene Tasche, sind machtgeil und geldgierig“ und „Medien sind nicht unabhängig und wenig glaubwürdig“ waren typische Statements, wie sie im Laufe der Feldzeit sehr oft geäußert wurden.

Die empfundene Distanz zu den Akteuren zeigt sich auch sehr deutlich auf sprachlicher Ebene, die Teilnehmer sprachen immer wieder von sich als „dem kleinen Mann“ oder dem „Otto-Normalbürger“, von dessen Leben „die da oben“ keine Ahnung haben, weil sie einfach in „anderen Sphären“ leben. In Bezug auf eine Rede von Angela Merkel etwa äußerte ein Teilnehmer: „Die Rede wirkt auf mich vollkommen vereinnahmend und weltfremd, eben typisch Politiker.“

Traditionelle Werte der AfD-Sympathisanten. Außen die nicht genannten Werte.
Traditionelle Werte der AfD-Sympathisanten. Außen die nicht genannten Werte. (Bild: Kernwert)

Wunsch nach gemeinsamen Werten

In den Aufgaben und Diskussionen wurde immer wieder der Wunsch nach möglichst einheitlichen und gleichbleibenden Werten in der deutschen Gesellschaft geäußert. Immigration und Mobilität im weitesten Sinne werden in diesem Zusammenhang als eher bedrohlich empfunden: „Zuerst sehe ich den Konflikt, dass Menschen mit ihren anderen Werten in andere Kulturen eindringen, warum auch immer.“ Es herrscht ein eher statisches Kulturverständnis, in dem Werte als geographisch verankert betrachtet werden: „(...) Die Werte sollen so und wo sie gewachsen sind, genauso und dort bleiben.“ Auch berichteten die meisten Teilnehmer, dass sie bevorzugt mit Menschen interagieren, die ihre eigenen Werte teilen. „Man umgibt sich ganz automatisch mit Menschen, die in ihren Wertvorstellungen und in ihren Einstellungen einem ähneln.“ Ein Austausch mit andersdenkenden Mitmenschen wird selten gesucht, von vielen sogar als wenig sinnvoll erachtet: „Man wird sich sowieso niemals einigen und ich betrachte das eher als verschwendete Zeit, darüber zu diskutieren. Da wir durch solche Diskussionen, überhaupt nichts, aber rein gar nichts, verändern können, frage ich mich: wozu?“

Brückenschlag der AfD

Die AfD kann an die bestehende Wertediskrepanz und an das Gefühl des Nicht-Verstanden-Werdens sehr gut anknüpfen. Sie löst zwar keine Probleme, aber sie nennt die Dinge beim Namen. Die Politiker der AfD pflegen über weite Strecken eine Art Stammtischsprache, die wohl die Komplexität der Welt erträglicher machen soll. Die Partei kann durch eine einfache, deutliche Sprache, provokante Aussagen und das Brechen von Tabus überzeugen und spiegelt so etwa den oft genannten Wert Ehrlichkeit wider. Insbesondere stärkt der Kollektivismus der AfD durch klare Abgrenzungen zu anderen Bevölkerungsgruppen das Wir-Gefühl und entspricht so dem starken Wunsch nach Solidarität, Zusammenhalt und einer gemeinsamen Kultur.

Stimmabgabe trotz Vorbehalten

Entsprechend berichteten die Studienteilnehmer übereinstimmend, sich hier gehört und verstanden zu fühlen, und die Mehrheit plant auch die AfD bei der nächsten Wahl zu unterstützen. Fast alle angehenden Wähler erklärten, dass sie trotz geplanter Stimmabgabe der AfD keine Regierungskompetenz zutrauen. Die Partei wird vielmehr als eine Art Werkzeug angesehen, um eine Veränderung in der aktuellen Werteorientierung der gesellschaftlichen Akteure und insbesondere der Politiker anzustoßen. „Nicht weil die es besser können, sondern als Denkzettel für die Etablierten, die nur noch Politik für sich selbst aber nicht für uns Bürger machen.“, erläuterte einer der Teilnehmer seine geplante Stimmabgabe. Ein anderen führte aus: „Sie sind gut, um die anderen vor sich her zu treiben, dann bleibt es vielleicht nicht nur bei Versprechen, vielleicht passiert dann mal was.“

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