Online Special Wahlforschung Wahlverhalten erklären, nicht voraussagen

Montag, 07. August 2017
Matthias Jung, Forschungsgruppe Wahlen
Matthias Jung, Forschungsgruppe Wahlen
Foto: Forschungsgruppe Wahlen

Matthias Jung ist Vorstand der Forschungsgruppe Wahlen e.V., die seit Jahrzehnten das Wahlverhalten der Deutschen im Auftrag des ZDF beobachtet. Im Gespräch mit planung&analyse erklärt er, warum er an den bewährten Methoden festhalten will.

Wenn Sie keinerlei Rücksicht auf Budgets nehmen müssten und nur den Auftrag hätten, den Wahlausgang so genau wie möglich vorherzusagen, wie würden Sie vorgehen?
Jung:
Die Aufgabe stellt sich uns nicht. Unser Job ist es nicht, den Wahlausgang vorherzusagen. Und das geht auch gar nicht. Jetzt vorhersagen zu wollen, wie die Bundestagswahl ausgeht, ist vom Ansatz her ein höchst unseriöses Unterfangen. Das sollte man den Scharlatanen überlassen.

Also halten Sie die Prognoseforscher für unseriös?
Es weiß kein Mensch, was in den Wochen, die noch vor uns liegen, an politischen Ereignissen stattfinden wird. Es weiß kein Mensch, wie sich der Wahlkampf in seiner Eigendynamik entwickelt. Wir haben viele intervenierende Variablen, die ein Wahlergebnis durchaus stark beeinflussen können. Und zudem sind in den letzten Jahren – und ich mache das Geschäft ja schon ein paar Jahrzehnte – die Wähler in ihrer Einstellung zur Politik wesentlich volatiler geworden. Wenn jemand eine geniale Theorie hat, mit der man genau erklären kann, wie Wahlverhalten funktioniert, dann kann man auch ein Prognosemodell entwickeln. Aber von einer solchen Theorie sind wir meilenweit entfernt.

Forschungsgruppe Wahlen

Der eingetragene Verein hat die Hauptaufgabe der wissenschaftlichen Beratung und Betreuung von Sendungen des ZDF bei politischen und gesellschaftlichen Fragen. Ausgegliedert ist das Telefonstudio, dass auch für andere Auftraggeber zur Verfügung steht und gewinnorientiert arbeitet.
Für Sie ist die derzeitige Erfassung des Stimmungsbildes also die einzige sinnvolle Möglichkeit?
Unser Job als Wahlforscher besteht ja darin, Wahlverhalten zu erklären und nicht vorauszusagen. Als empirische Sozialforscher wollen wir durch eine kontinuierliche Einstellungsmessung und Konstellationsbeschreibung den Verlauf und die Zusammenhänge politischer Willensbildungsprozesse abbilden und damit im Idealfall die am Ende dieses Prozesses getroffene Wahlentscheidung erklären. Deshalb gibt es in einem Politbarometer neben den tagesaktuellen Fragen Dutzende Fragen zu politischen und ökonomischen Einstellungen, von denen die Sonntagsfrage nur eine unter vielen ist.

Und glauben Sie, dass man irgendetwas ändern müsste an der jetzigen Vorgehensweise, wie sie von den traditionellen Instituten betrieben wird? Also der Erhebung per Telefon und eventuell noch mobil?
Jede Erhebungsmethode hat Vor- und Nachteile. Aber wenn es darum geht, ein repräsentatives Bild der Bevölkerung methodisch sauber zu zeichnen, dann ist nach wie vor eine telefonische, zufallsbasierte Befragung das beste Mittel, um zu vernünftigen Ergebnissen zu kommen. Alle anderen Methoden, schriftlich, persönlich oder gar online haben mehr Nachteile und liefern meist minderwertige Qualität. Auch wenn die Lehrbuchidylle der reinen Zufallsauswahl in der Realität des Befragungsalltags nicht vollkommen realisiert werden kann, kann die Alternative dazu nicht sein, dass jeder an den Befragungen teilnehmen kann, der dazu Lust hat und politisch motiviert ist.

Matthias Jung

ist Vorstand der Forschungsgruppe Wahlen e.V. und Geschäftsführer der FGW Telefonfeld GmbH, einem Fullservice-Anbieter in Mannheim.
Damit meinen Sie Civey, deren Tool auf Online-Websites platziert ist? Warum reagieren sie so heftig auf diese neue Methode? Die schaffen es doch zumindest den Leuten wieder Lust auf Befragungen zu machen?
Wenn ich bei Ihnen im Interview mit dem Civey-Chef lese, dass der durchschnittliche Befragte bei Civey im Monat an 64 Umfragen teilnimmt, dann kann jeder auch ganz ohne Statistik-Kenntnisse sagen, dass das kein durchschnittlicher, kein typischer Mensch ist. Da kann nichts Vernünftiges bei heraus kommen. Man darf „Repräsentativität“ nicht so verkommen lassen, dass es dafür genügt, wenn lediglich die Randauszählungen bei den wenigen kontrollierbaren demographischen Variablen – Alter, Geschlecht, Bildung etc. – mit den Soll-Zahlen der amtlichen Statistik übereinstimmen. Ich habe da wirklich heftige Bauchschmerzen, wenn man sich im journalistischen Bereich oder auch in der Marktforschung mangels Wissen und Reflexion und natürlich auch wegen der Kosten mit diesem Level an Pseudorepräsentativität zufriedengibt.

Aber vielleicht kann intelligente Statistik da einiges korrigieren?
Sie meinen die statistischen Zwillinge? Das ist eine Lachnummer. Nur ein Beispiel: Laut Daten des statistischen Bundesamtes haben bei den über 65-jährigen Deutschen gerade mal 55 Prozent Internetzugang. Das bedeutet, fast die Hälfte dieser gerade wahlsoziologisch sehr wichtigen Zielgruppe hat keinen Zugang zum Internet. Wenn aber ein Rentner, der das Internet für Teufelszeug hält, mit jemandem ersetzt wird, der zwar gleich alt ist, den gleichen Bildungsabschluss hat usw., aber ein Internetfreak ist, wird alles nur verschlimmbessert. Wenn ich dessen Aussagen als Ersatz für den online nicht erreichbaren Internethasser nehme, ist doch vollkommen klar, dass er von seiner Mentalität und vielen seiner Einstellungen eben nicht identisch mit dem anderen Rentner ist, also ganz sicher kein statistischer Zwilling.

Wahlspecial
Bild: Pixabay

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Wie groß muss denn die Ausschöpfung sein, damit man von Zufallsauswahl noch sprechen kann?
Es ist schwer, eine eindeutige Ausschöpfungsquote anzugeben. Es kommt immer darauf an, wie man sie berechnet und man kann sie auch nicht immer so zweifelsfrei feststellen. Wenn ich etwa Telefonnummern frei generiere, dann weiß ich gar nicht immer, wie viele existierende Anschlüsse sich tatsächlich dahinter verbergen. Aber es ist klar, dass die Ausschöpfung schon mal besser war. Nur, was ist die Alternative? Ich habe vielleicht eine unzureichende Zufallsauswahl, aber es ist in jedem Fall besser, wenn das Institut die Auswahl mit einer nicht perfekten Zufallsauswahl vornimmt, als wenn jeder, der Lust hat, an der Befragung teilnimmt, sich in die Schlange stellt. Es kann nicht sein, dass die Entscheidung, ob er mitmachen darf, der Befragte selber trifft.

Aber wenn nur noch zehn Prozent der Angefragten mitmachen, die haben sich doch dann auch selber ausgewählt?
Natürlich findet ein Bias statt, weil bestimmte Leute nicht an den Umfragen teilnehmen. Da haben wir etwa den jungen, linken Grünen, dem der Datenschutz über alles geht, und die alte Frau, die prinzipiell ängstlich ist, wenn sie etwas nicht kennt. Und natürlich auch den unkooperativen AfD-Aktivisten, der uns der Lügenpresse zurechnet. Aber wir sehen ja, wie hoch der Gewichtungsbedarf ist zwischen den Rohdaten und der Projektion. Der ist nicht so arg groß bei uns. Dann können die ermittelten Daten also nicht so schief sein. Bei den anderen Instituten kann ich das leider nicht beurteilen, weil die Rohdaten dort nicht veröffentlicht werden. Und wenn ich mir die Daten von Civey bei der Sonntagsfrage anschaue: Die haben teilweise astronomisch hohe Ergebnisse der AfD in den Rohdaten, die müssen zum Teil mehr als halbiert werden. Dann scheint da etwas nicht zu stimmen.

Was glauben Sie, wie sieht Wahlforschung in 10 Jahren aus?
An Spekulationen für so einen langen Zeitraum beteilige ich mich nicht, da sind noch weniger seriöse Aussagen möglich, als bei denen zum Wahlausgang im September. Und in aller Regel ändert sich in etablierten Bereichen viel weniger als selbsternannte Experten immer lauttönend prophezeien.


Herr Jung, ich danke Ihnen für das Gespräch.

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