Online Special Wahlforschung Ost- und Westdeutsche: Vereint, aber nicht gleich

Donnerstag, 13. Juli 2017
Trotz aller Unterschiede: Eine Annäherung zwischen Ost und West ist in Sicht.
Trotz aller Unterschiede: Eine Annäherung zwischen Ost und West ist in Sicht.
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Auch 27 Jahre nach der Wiedervereinigung unterscheiden sich die Bürger in Ost und West noch immer deutlich in ihren Sichtweisen auf Politik und Gesellschaft. Die Forschungs- und Beratungsagentur pollytix strategic research hat in einer Studie die politische Stimmung in Ost- und Westdeutschland untersucht. Es gibt jedoch Hoffnung auf eine Annäherung.
Man könnte annehmen, dass nach fast drei Jahrzehnten mit gemeinsamen Parteien, einer gemeinsamen Wirtschaft und einem gemeinsam umjubelten Fußball-Weltmeistertitel nun endlich aus Ost- und Westdeuschen ein deutsches Volk geworden ist. Ob sich die Bewohner der neuen und alten Bundesländer wirklich in ihren Ansichten auf Politik, Demokratie und Gesellschaft angenähert haben, ist jedoch immer noch fraglich. Das unterschiedlich starke Abschneiden der Linken oder der AfD in Ost- und Westdeutschland bei Wahlen lässt anderes vermuten. Um den Ost-West-Unterschieden nachzugehen, hat pollytix strategic research im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung die Daten der 2016 erschienenen Kartografie-Studie im Hinblick auf Einstellungsunterschiede zwischen den Bürgern der beiden Landesteile analysiert.

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Die Studie deckt deutliche Unterschiede zwischen den alten und neuen Bundesländern auf: So zeichnen sich Ostdeutsche durch einen durchweg negativeren Blick auf Politik und Parteien sowie durch eine eher ablehnende Position gegenüber Einwanderung und Weltoffenheit aus. Während 59 Prozent der Westdeutschen Einwanderung als Chance für Deutschland sehen, können nur 49 Prozent der Ostdeutschen Immigration etwas Positives abgewinnen. Zwar hat die Mehrheit der ostdeutschen Bürger (58 Prozent) nichts gegen die Unterbringung von Flüchtlingen in ihrer Nachbarschaft, aber in Westdeutschland fällt die Offenheit gegenüber Flüchtlingen im eigenen Umfeld mit 71 Prozent doch deutlich höher aus. Vor diesem Hintergrund überrascht es nicht, dass Bewegungen wie Pegida, gegründet auf der Angst vor „Überfremdung“ und dem Verlust nationaler Werte, vor allem im Osten aufgetreten sind.
Demokratiezufriedenheit
Demokratiezufriedenheit (Bild: pollytix)
Besonders bedenklich ist, dass mit 54 Prozent nur etwas mehr als die Hälfte der Ostdeutschen mit der Demokratie, so wie sie momentan in Deutschland existiert, zufrieden sind, während mit 67 Prozent der Anteil der Zufriedenen im Westen deutlich höher ist. Dies bedeutet zwar nicht, dass fast die Hälfte der Ostdeutschen die Demokratie ablehnen. Jedoch deuten die Befunde darauf hin, dass insbesondere im Osten die Beziehung zwischen Bürgern und Politikern beziehungsweise dem politischen System zerrüttet ist.  

Ost-West Unterschiede durch Bevölkerungsstruktur erklärbar

Es ist also nicht von der Hand zu weisen, dass Ost- und Westdeutsche auch nach fast drei Jahrzehnten immer noch unterschiedlich auf die Politik und die Rahmenbedingungen des gesellschaftlichen Zusammenlebens blicken. Warum ist dies so? Ein Teil der Antwort liegt in der unterschiedlichen Verteilung von einstellungsbasierten Bevölkerungsgruppen in den alten und neuen Bundesländern.

Die Studie konnte insgesamt acht Bevölkerungssegmente identifizieren, die sich unter anderem in der Wahrnehmung der persönlichen Lebenssituation, der Sicht auf Staat und Politik, Einstellungen zur Gesellschaft und Wirtschaft sowie gesellschaftlichen Meta-Themen unterscheiden. Während beispielsweise sozialengagierte Demokraten und leistungsorientierte Liberale die politische Lage in Deutschland eher positiv wahrnehmen, weisen politikferne Einzelkämpfer und desillusionierte Abgehängte ein hohes Maß an Unzufriedenheit mit der Politik und der eigenen Lebenssituation auf. Eine detaillierte Beschreibung der Segmente findet sich in der Langfassung der Studie.
Die Ergebnisse der acht Bevölkerungssegmente
Die Ergebnisse der acht Bevölkerungssegmente (Bild: pollytix)
Wirft man einen Blick darauf, wie die Segmente in Ost und West verteilt sind, dann fällt auf, dass fast die Hälfte (48 Prozent) der Ostdeutschen sich in politikverdrossene und prekäre Bevölkerungssegmente kategorisieren lässt, während es hingegen im Westen nur rund ein Drittel der Bevölkerung sind. Dagegen sind im Westen politik- und demokratiezufriedene Bevölkerungsgruppen deutlich stärker vertreten als im Osten. Aus diesem Blickwinkel ist die pessimistischere Grundstimmung im Osten nicht verwunderlich: Wenn mehr politisch unzufriedene Menschen im Osten leben, dann überrascht es nicht, dass die Evaluation des politischen Systems in Osten insgesamt negativer ausfällt.

Rainer Faus

Faus
(Bild: pollytix)
ist Gründer und Geschäftsführer der Forschungs- und Beratungsagentur pollytix strategic research. In den letzten zehn Jahren hat er in mehr als 20 Wahlkämpfen in Deutschland, Asien, Australien und Neuseeland mitgewirkt. Mit pollytix berät er unter anderem Unternehmen, Verbände sowie im derzeitigen Bundestagswahlkampf die SPD.
Die Bevölkerungszusammensetzung kann zudem auch als Teilerklärung für das unterschiedliche Wahlverhalten in Ost- und Westdeutschland herangezogen werden: Von den acht Bevölkerungssegmenten neigen vor allem eher politikverdrossene und prekäre Bevölkerungsgruppen wie „desillusionierte Abgehängte“ oder „politikferne Einzelkämpfer“ zur Wahl rechtspopulistischer Parteien und insbesondere der AfD. Vor diesem Hintergrund erscheint es einleuchtend, dass die AfD gerade in den neuen Bundesländern, wo politikverdrossene Segmente überwiegen, Wahlerfolge feiern kann.

Felicitas Belok

Felicitas Belok
(Bild: pollytix)
ist Beraterin bei pollytix strategic research. Der Schwerpunkt der studierten Politikwissenschaftlerin (M.A.) liegt im Bereich der Wahl- und Wahlkampfforschung sowie der politischen Psychologie. Vor ihrer Zeit bei pollytix war sie unter anderem im Public Affairs Bereich tätig und hat für die deutsche Botschaft in Washington die US-amerikanischen Vorwahlen 2016 analysiert.
Übergreifender Wunsch nach mehr sozialer Gerechtigkeit

Trotz aller Unterschiede gibt es aber auch Gemeinsamkeiten zwischen Ost und West auf der policy-Ebene: Beispielsweise fordern mehr als vier Fünftel der Bürger – unabhängig der regionalen Herkunft – flexible Arbeitszeitmodelle zur besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Auch bei der Frage nach Investitionen herrscht in der Bevölkerung Einigkeit: Jeweils mehr als zwei Drittel der ost- und westdeutschen Bürger sind der Meinung, dass Deutschland jetzt Investitionen in die Infrastruktur tätigen sollte, um für die Zukunft gerüstet zu sein, auch wenn dies neue Schulden bedeutet.

Somit könnte eine auf solche Aspekte ausgerichtete Politik ein Mechanismus sein, um politische Forderungen aller Bürger zu beachten und damit sowohl im Westen als auch vor allem im Osten die Beziehungen zwischen  Politik und Bürgern wieder etwas zu kitten. Dies allein wird wohl kaum ausreichen, um wirklich „ein Volk“ zu werden; es wäre jedoch ein erster Schritt in die richtige Richtung.
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