Online Special Wahlforschung Neulinge kratzen am System

Donnerstag, 07. September 2017
Wann wird entschieden, wohin man das Kreuzchen macht?
Wann wird entschieden, wohin man das Kreuzchen macht?
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Eine Handvoll Institute führt mit bewährten Methoden Wahlforschung in Deutschland durch. Die Begleitung von Wahlen durch Meinungsforscher folgt in Deutschland einem strengen Schema. Selbst die Aufregung über Fehler gehört zum Ritual. Der Wille, an diesen Strukturen etwas zu ändern, ist begrenzt. Neulinge aus der Startup-Szene und der Wissenschaft bringen allerdings Bewegung in den Markt.

Der neue amerikanische Präsident lässt sich mit einem Zeitungsartikel fotografieren, in dem der Sieg des Gegenkandidaten vorausgesagt wird. Er grinst über das ganze Gesicht und verhöhnt die Presse sowie das führende Meinungsforschungsinstitut. Als dessen Chef am selben Tag falsch in eine Einbahnstraße fährt, hält ihn ein Polizist an und sagt: „Mr. Gallup, wrong again“. Diese kleine Geschichte stammt von Elisabeth Noelle-Neumann, der bekanntesten deutschen Wahlforscherin, aus ihrem Buch „Alle, nicht jeder“. Der Wahlkampf fand im Jahr 1948 statt. Harry S. Truman gewann überraschend vor Thomas E. Dewey und der anerkannte Wahlforscher hieß George Gallup. Jener Gallup, der zwölf Jahre zuvor die Wahl von Roosevelt korrekt vorhergesagt hatte, weil er eine repräsentative Stichprobe zog und sich bemühte, dort alle Bevölkerungsschichten abzubilden. Die Konkurrenz befragte damals, 1936, zwar wesentlich mehr Menschen – aber lediglich Besitzer von Telefonen und Autos. Gallups Vorgehensweise gilt insofern als Startpunkt der modernen Wahlforschung und als Beleg für die herausragende Bedeutung der richtigen Stichprobe.

Zwischen 1936 und 2017 ist eine Menge passiert. Die Marktforschung hat eine Vielzahl an impliziten Methoden entwickelt, um die geheimen Wünsche der Konsumenten aufzudecken; bei der Wahlforschung hat sich, so meint man auf den ersten Blick, nicht so viel geändert.
Matthias Jung, Forschungsgruppe Wahlen
© Forschungsgruppe Wahlen

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Online Special Wahlforschung Wahlverhalten erklären, nicht voraussagen

Eine gute Handvoll Institute ist hierzulande seit Jahrzehnten in der Politik- und Wahlforschung aktiv: IfD Allensbach, Emnid, Forsa, Infratest Dimap, Forschungsgruppe Wahlen, GMS und INSA. Sie fragen das ganze Jahr über wöchentlich oder manche gar wochentäglich rund 1.000 bis 2.000 Wahlberechtigte „Was würden Sie wählen, wenn am Sonntag Bundestagswahl wäre?“ Die so gewonnenen Daten werden nach der Expertise der Institute gewichtet und die Ergebnisse über die jeweiligen Partner in den Medien veröffentlicht. Dort sorgen sie für Schlagzeilen.

Dabei handelt es sich weder um eine Wahlvorhersage noch um eine Prognose. Die Zahlen spiegeln lediglich ein politisches Stimmungsbild für einen bestimmten Zeitpunkt wider. Die Menschen sprechen von ihrer Wahlabsicht, sie berichten quasi über ein „gemeintes Handeln“; so nennt es der Wahlforscher Torsten Schneider-Haase von Kantar Emnid in einem Artikel.

Die richtige Wortwahl

Projektion: Die Sonntagsfrage zeigt die Wahlabsicht der Befragten. Rohdaten bereinigt um soziodemografische Faktoren geben das Stimmungsbild. Gewichtet nach den Institutserfahrungen ergibt sich die Projektion. +++ Prognose: In der Regel werden nur am Wahltag Prognosen aus der Umfrage mit Wählern nach der Wahl errechnet. Es gibt aber auch komplizierte Prognosemodelle von Instituten. +++ Hochrechnungen: Sie stammen aus Daten der tatsächlich abgegebenen Stimmen im Laufe des Wahlabends.
Dieser Fakt wird von allen Instituten betont, aber von der Öffentlichkeit und vielen Medien oft geflissentlich übersehen. Solche Feinheiten können im Medienrauschen schon mal untergehen. Ebenso wie der statistische Fehler, der in den erhobenen Zahlen enthalten ist. Zwischen einem und drei Prozent Schwankungsbreite nach oben und unten sind mathematisch nicht zu vermeiden. Wird eine Partei mit 40 Prozent taxiert, kann der Anteil derjenigen, die zu dem bestimmten Zeitpunkt die Partei wählen würden, zwischen 37 und 43 Prozent liegen. Dieser statistische Fehler ist in den veröffentlichten Tabellen meist nur als leicht zu übersehende Fußnote enthalten.

Alternativen finden kaum Beachtung

Anders beim Pollytix Wahltrend, der zwar nicht selbst erhebt, sondern die 20 zuletzt veröffentlichten Umfragen zusammenfasst, aber die Schwankungsbreite in das veröffentliche Chart deutlich erkennbar aufnimmt, eine Ausnahme. Es gibt auch Institute, die echte Prognosen im Vorfeld einer Wahl wagen, aber die sind bei weitem nicht so häufig in den Schlagzeilen. Der Prognoseforscher Andreas Graefe etwa kombiniert bei PollyVote Vorhersagen mehrerer Methoden. Neben der Sonntagsfrage aller Institute lässt er Experten zu Wort kommen und verwendet Prognosemärkte sowie statistische Modelle. Auch das Projekt Signal & Rauschen wird in diesem Jahr mit Prognosen ins Rennen gehen. Sie verzichten ganz auf Befragungen und stützen sich auf historische Ergebnisse der Landtagswahlen. Und der Predictive-Analytics-Spezialist INWT steigt ebenfalls mit einem Rechenmodell ein. Warum die Presse nicht auf diese Vorhersagen setzt? Ein Erklärungsversuch von Graefe: „Für Journalisten ist der Nachrichtenwert oft wichtiger als Genauigkeit. Umfrageergebnisse unterliegen oft großen Schwankungen und liefern damit potenziell interessante Nachrichten. Unsere Prognosen sind stabiler und ändern sich kaum – und sind schwieriger zu erklären als die Sonntagsfrage.“

Ungeachtet der Einschränkungen – keine Prognose, sondern nur ein Stimmungsbild und des statistischen Fehlers – wird den Ergebnissen zur Sonntagsfrage in der Öffentlichkeit erhebliches Gewicht zugemessen, und es zeigt auch Wirkung. Journalisten füllen Zeitungsseiten mit Tabellen und Geschichten rund um die bevorstehende Wahl. Die Zahlen bewegen Politiker, ihre Kampagnen und Statements zu ändern, und sie beschäftigen die politisch interessierten Menschen, die sich überlegen, wem sie ihre Stimme geben sollen. Je nachdem, wie die dann gestrickt sind, schlagen sie sich eher auf die Seite der Gewinner oder der Verlierer, erwägen Leihstimmen oder beschließen, die Wahl sei eh gelaufen, der Ausflug zum Badesee sei wichtiger.

Das Stimmungsbild verändert die Stimmung

Je näher der Wahltag rückt, desto mehr Menschen mögen sich bereits festgelegt haben, mancher entscheidet sich aber erst in der Wahlkabine. Dort macht der Wähler dann per freiem Willen sein Kreuz bei einer der 42 Parteien, so viele sind laut Bundeswahlleiter für die kommende Bundestagswahl zugelassen. Dann kommt der spannende Moment, wenn ARD und ZDF jeweils eine erste Prognose für die Bundestagswahl veröffentlichen. Sie beruhen auf der Befragung von Wählern, die das Wahllokal verlassen. Diese wiederholen ihre Wahl anonym und werfen einen Zettel in eine aufgestellte Box, sodass der Einfluss der sozialen Erwünschtheit – weil man etwa dem freundlichen Interviewer nicht sagen möchte, dass man AfD gewählt hat – minimiert werden kann. Daraus berechnen die Institute die Wahlprognose, die um 18 Uhr, bei Schließung der Wahllokale, bekanntgegeben wird. „Diese Prognosen aus den sogenannten Exit-Polls weisen im Schnitt eine Abweichung von rund einem halben Prozentpunkt pro Partei zum Wahlergebnis auf“, so Heiko Gothe von Infratest Dimap, dem Institut, das für die ARD Umfragen und Prognosen durchführt, zu der hohen Genauigkeit.
Heiko Gothe
© Infratest dimap

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Dann folgen die Hochrechnungen mit ersten Zahlen aus den Wahlkreisen und abrupt verblassen sämtliche Stimmungsbilder und selbst die so exakten Prognosen werden unwichtig angesichts des sich nach und abzeichnenden tatsächlichen Wahlergebnisses. Am Tag danach stellt sich mancher noch die Frage: Wer war im Vorfeld der Wahrheit am nächsten? Aber schon bald folgt die neue Sonntagsfrage für die nächste Wahl. Dieser Kreislauf vollzieht sich immer wieder.

Nun hat man zwar den Eindruck, dass in letzter Zeit die Demoskopen häufiger danebengelegen haben – Unterschätzung der AfD, Brexit und US-Wahl – in Wirklichkeit sind Stimmungsbilder, die den Wahlausgang annähernd treffen, häufiger als die Flops. Nur dann schreibt kaum jemand darüber. Auch das Demoskopen-Bashing gehört seit Jahrzehnten zum politischen Geschäft. 2005 forderte der Philosoph Peter Sloterdijk im Feuilleton der FAZ ein Gesetz zur Eindämmung der Meinungsforscher. Damals war die CDU im Vorfeld dramatisch überschätzt worden. Sloterdijk sprach von einer „außerparlamentarischen Herrschaftsinstanz“ und einer „unlegitimierten Meinungsdiktatur“. Dementsprechend haben sich die Wahlforscher ein dickes Fell zugelegt und halten an den bewährten Methoden fest. Auf die Frage, ob sie etwas an ihren Methoden ändern müssten, reagieren die meisten mit Unverständnis. Holger Geißler vom Online-Forscher YouGov glaubt, nur wenn die Wahlforscher bei der kommenden Wahl ganz erheblich danebenliegen sollten, würde eine Diskussion über Methoden und Vorgehensweisen in Gang kommen.

Wie kommt man zu Prognosen?

Eine Prognose ist eine Vorhersage dessen, was zu einem bestimmten Zeitpunkt passieren wird. Die Wahlabsichtsfrage „Was würden Sie wählen?“ liefert nur ein Stimmungsbild. „Die besten Prognosen bekommt man, wenn Methoden kombiniert werden, die auf verschiedenen Informationen beruhen“, sagt der Prognoseforscher Andreas Graefe von PollyVote dazu. Er aggregiert daher die Umfrageergebnisse mehrerer Institute. Das genügt ihm aber nicht. Eine klassische Methode in der Wahlforschung ist, nach den Erwartungen der Leute zu fragen. „Was glauben Sie, wer wird die Wahl gewinnen?“ Diese Frage wurde bereits in den 30er Jahren verwendet. Eine andere Methode, die bereits im 19. Jahrhundert populär war, sind Prognosemärkte. Hier schließt man eine Wette auf den Wahlausgang ab. „Solche Prognosemärkte funktionieren gut, aber nur, wenn echtes Geld im Spiel ist“, weiß Graefe. Außerdem werden von PollyVote noch Experten zu ihrer Einschätzung befragt. Hinzu kommen noch quantitative Modelle, entwickelt von Politikwissenschaftlern, die meist auf der Theorie des retrospektiven Wählens basieren. Außerdem verwendet er eine Reihe von Indikatoren wie beispielsweise den Zustand der Volkswirtschaft oder wie lange eine Partei bereits an der Macht ist. Auf Basis historischer Daten wird dann ein Modell aufgestellt, welches verwendet werden kann, um zu einer Prognose zu gelangen. „Durch die Kombination solch verschiedener Methoden haben wir den Effekt, dass sich die Fehler ausgleichen, weil sich in der Regel nicht alle Methoden in die gleiche Richtung irren“, erklärt Graefe. Auf dieser zentralen Erkenntnis aus der Prognoseforschung der vergangenen 50 Jahre baut er sein Modell auf und sagt die Ergebnisse der Bundestagswahl voraus.
Institute pflegen business as usual

Das Institut für Demoskopie Allensbach, 1947 von Noelle-Neumann gegründet, befragt heute noch wie seit Jahrzehnten Face-to-Face und auf Papier. Die Gesprächspartner werden dabei nach dem Quotenverfahren ausgewählt, also nicht per Zufall. Sehr aufwendig und teuer. Die FAZ veröffentlicht die Ergebnisse.

Die anderen Institute greifen alle zum Telefon. Infratest Dimap für die ARD, die Forschungsgruppe Wahlen für das ZDF, Forsa für RTL und Stern, Emnid für die Bild am Sonntag und GMS für SAT 1 Bayern. Hierfür werden Festnetz-Telefonnummern zufällig generiert, indem die letzte Ziffer verändert wird. Wird ein Anschluss erreicht, wird zusätzlich nach dem Haushaltsteilnehmer gefragt, der als letzter Geburtstag hatte. Die Zufallsauswahl ist das Mantra der Wahlforscher. Wer etwa bei Forsa anfragt, ob man sich für Umfragen anmelden kann, wird negativ beschieden. „Das geht leider nicht. Um die Repräsentativität einer Befragung sicherzustellen, muss die Auswahl der Befragten nach dem Zufallsprinzip erfolgen“, steht auf der Webseite des Instituts.
Wer führt die Sonntagsfrage durch?
Wer führt die Sonntagsfrage durch? (© p&a)
Das kann man auch anders sehen: „Wenn nur noch zehn Prozent der Befragten mitmachen, ist die Zufallsauswahl eine Fiktion“ sagt dazu Prof. Raimund Wildner, Geschäftsführer des GfK Vereins. Professor Thorsten Faas von der Uni Mainz kennt die Diskussion gut: „Der Vorteil der Zufallsauswahl ist, dass ihr ein theoretisch plausibles Modell zugrunde liegt. Wenn das allerdings nicht mehr so gut funktioniert wie früher, dann gibt es ein Problem, ganz klar.“

Es ist ein bekanntes Phänomen in der Markt-, Meinungs- und Sozialforschung, dass immer weniger Menschen telefonisch erreichbar und bereit sind, Auskunft zu geben. Dafür gibt es eine Reihe von Gründen: Viele jüngere Haushalte haben überhaupt kein Festnetz-Telefon mehr, sondern nur noch einen Mobilanschluss, viele Menschen sind schlichtweg nicht zu Hause und zudem steigt die Zurückhaltung, bei einer Telefonumfrage mitzumachen, durch schlechte Erfahrungen mit Direktmarketing, Anrufen wegen angeblicher Gewinne, Kundenbefragungen und mehr. Marktforscher weichen deshalb immer häufiger auf Onlinebefragungen aus.
„Der Vorteil der Zufallsauswahl ist, dass ihr ein theoretisch plausibles Modell zugrunde liegt. Wenn das allerdings nicht mehr so gut funktioniert wie früher, dann gibt es ein Problem, ganz klar. “
Professor Thorsten Faas, Universität Mainz
Die Meinungsforscher halten jedoch an der Telefonerhebung fest. Warum? „Da wir telefonisch nahezu 100 Prozent der Grundgesamtheit erreichen können, ist aus unserer Sicht die Telefonerhebung derzeit nach wie vor die beste Erhebungsmethode, um aktuelle und bevölkerungsrepräsentative Ergebnisse zu erhalten“, sagt Gothe, der bei Infratest Dimap für den ARD-Deutschlandtrend zuständig ist.

Mathias Jung von der Forschungsgruppe Wahlen räumt ein, dass „die Lehrbuchidylle der reinen Zufallsauswahl in der Realität des Befragungsalltags nicht vollkommen realisiert werden kann.“ Er ist jedoch überzeugt, dass es keine Alternative sein kann, „dass jeder – gegebenenfalls auch mehrfach – an den Befragungen teilnehmen kann, der dazu Lust hat und politisch motiviert ist“. Damit meint Jung vor allem das noch recht junge Unternehmen Civey, das mit Umfragen auf zahlreichen Webseiten von Medien vertreten ist und die Branche derzeit etwas nervös macht. Doch dazu später.

Die Telefonbefragung ist also bei den traditionellen Instituten als Methode gesetzt. Seit wenigen Jahren werden bei manchen Instituten rund 30 Prozent Mobiltelefone mit einbezogen. Bei Befragungen zu Landtagswahlen geht dies allerdings nicht, da man an einer Mobilfunknummer nicht erkennen kann, wo der Besitzer wohnt.

Wie viele Menschen wirklich antworten, darüber gibt es nur Spekulationen. Geißler von YouGov behauptet: „Eine normale Sonntagsfrage ist durchschnittlich 48 Stunden im Feld und in dieser Zeit hat man einen Rücklauf von zwei bis vier Prozent. Das heißt, von 100 Leuten, die man anruft, geben zwei bis vier eine Auskunft.“ Die Institute, die im Gegensatz zu YouGov tatsächlich Telefonbefragungen durchführen, zieren sich etwas mit der Bekanntgabe der Ausschöpfungsquote für die Sonntagsfrage. Diese werde häufig in Mehrthemen-Umfragen integriert, deshalb sei keine Aussage möglich, heißt es. Bei Befragungen zum politischen Trend macht in der Regel „von fünf Wahlberechtigten, die wir erreichen, einer mit“, heißt es von Infratest Dimap. Auch YouGov kann übrigens aus methodischen Gründen keine Aussage zur Ausschöpfung seiner Online-Befragungen machen.

In den USA antworten noch neun Prozent

Dann schauen wir doch dafür einmal nach Übersee zum Pew Research Center, einem ursprünglich von einem Medienhaus (Los Angeles Times) gegründeten Institut, das jetzt als US-weites Meinungsforschungsinstitut arbeitet und von einem gemeinnützigen Trust finanziert wird. Nach einer kürzlich erschienenen Studie beträgt die Response Rate bei Telefonumfragen neun Prozent. Sie ist in den vergangenen 20 Jahren von 36 Prozent auf neun Prozent gesunken, allerdings auf diesem Niveau stabil seit 2012. In den Befragungen von PEW werden bereits seit zehn Jahren auch Mobiltelefone verwendet, weil nur noch jeder zweite US-Haushalt ein Festnetztelefon besitzt. Des Weiteren wurde untersucht, ob sich die so Befragten in bestimmten Kriterien von der Gesamtbevölkerung unterschieden. Ja, es sind eher die politisch Interessierten, die antworten – das trifft ja auch auf die Wähler zu –, aber ansonsten wurden für kein Kriterium Unterschiede zu anderen Befragungen mit größerer Rücklaufquote gefunden, so die Studie des PEW-Instituts.
„Unser Job als Wahlforscher besteht darin, Wahlverhalten zu erklären und nicht vorauszusagen. “
Matthias Jung, Forschungsgruppe Wahlen
Weitere Vermutungen aus der Branche, wieso die Wahlforscher an der Telefonerhebung festhalten, gehen in wirtschaftliche Richtung: Die Infrastruktur, sprich die CATI-Studios, seien schließlich vorhanden und müssten ausgenutzt werden, glaubt ein Forscher, der sich zumindest teilweise für Online-Befragungen geöffnet hat. Und Geißler weiß, Umfragen per Telefon sind teurer als etwa Online-Befragungen. Wenn ein Institut sich entscheiden würde, umzustellen, würde sich der Umsatz massiv reduzieren. Schließlich seien die Verträge mit den öffentlich-rechtlichen Sendern so lukrativ, dass keine Bewegung angeraten erscheint. Gothe kontert: „Man sollte dankbar sein, dass es in Deutschland Auftraggeber für Meinungsforschung auf hohem Qualitätsniveau gibt, die immer noch Face-to-Face- und Telefonbefragungen ermöglichen.“ Das sei im Ausland häufig nicht mehr gegeben.

Wer bezahlt die Sonntagsfrage?

Wenn man über den wirtschaftlichen Aspekt nachdenkt, muss man auch fragen, wer eigentlich für die Sonntagsfrage bezahlt? Die Medien nehmen diese Daten in der Regel gerne exklusiv an, ob die Vereinbarungen wirklich kostendeckend sind, lässt sich schwer sagen. Geißler sagt es ganz offen: „Finanziell ist es nicht wirklich lukrativ.“ Es muss also andere Gründe geben, jede Woche dieses Stimmungsbild abzufragen, denn schließlich arbeiten Interviewer nicht umsonst. Vermutlich dient die Sonntagsfrage den beteiligten Instituten eher als eine Art Empfehlung für weitergehende Aufträge, seien es öffentliche Institutionen, Stiftungen, Universitäten oder Unternehmen. Auch Parteien nehmen zunehmend Berater aus dem Feld der Meinungsforschung in Anspruch. Und in diesem Umfeld tummeln sich noch weit mehr Anbieter als die oben genannten.
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Ein letztes Argument für den Griff zum Telefon bei den Umfragen erklärt Infratest-Dimap-Chef Michael Kunert im Deutschlandfunk: Die Gruppe der Über-60-Jährigen stellt etwa ein Drittel aller Wahlberechtigten, und in dieser Gruppe ist die Wahlbeteiligung überdurchschnittlich hoch. Bei manchen Wahlen seien das fast 40 Prozent aller Wähler. „Und genau bei dieser Gruppe gibt es große Probleme mit Online-Erhebungen, weil nur ein geringer Teil dieser Altersgruppe online unterwegs ist, und die, die es sind, die sind nicht unbedingt stellvertretend für alle anderen.“

In diesem Punkt mag nun tatsächlich ein relevanter Unterschied zur Marktforschung liegen. Während manche Kunden aus Unternehmen am liebsten die jungen, hippen Verbraucher als Zielgruppe sehen und auch nur die befragen, sollten Meinungsforscher auf die derzeitige demoskopische Zusammensetzung der Bevölkerung und auf das Wahlvolk schauen. Jeder Zweite ist hierzulande über 50 Jahre alt, aber die Altersgruppe 50 bis 100 kann beileibe nicht in einen Topf geworfen werden.

Taugen Online-Umfragen für den Trend?

Aber Online-Befragungen sind auch in der Wahlforschung angekommen. INSA, YouGov und Civey setzen darauf, wenn auch mit sehr unterschiedlichen Ansätzen. INSA schwört auf die gemischte Erhebung von Online und CATI. Das britische Unternehmen YouGov hat ein Panel aufgebaut, dessen Teilnehmer regelmäßig interviewt werden, auch zur politischen Stimmung. In UK wurden jüngst sogar Umfragen auf Wahlkreis-Ebene durchgeführt. Eine Neuerung, die Geißler auch in Deutschland realisieren will. Auch Civey versucht, sich der Wahlabsicht der Bundesbürger mit Online-Befragungen zu nähern. Das Befragungs-Tool ist mittlerweile in über 5.000 Webseiten von Medien – darunter auch Spiegel Online – eingebaut. Doch wer hier mitmacht, hat sich selbst entschieden. Vom Zufall hängt dies nicht ab. „Das Konzept der Zufallsauswahl ist eine Chimäre und funktioniert in der Realität meist überhaupt nicht“, sagt Gerrit Richter, CEO von Civey. Gerade bei der telefonischen Zufallsauswahl gebe es „eine extreme Verzerrung durch Teilnahmeverweigerung und Selbstauswahl“. Selbstauswahl, das ist genau der Bias, den Civey erzeuge, glauben hingegen die Traditionalisten. Richter ist der Überzeugung, dass seine intelligente Technologie dafür Sorge trägt, dass Menschen sich an Umfragen beteiligen, für die sie sich gar nicht interessieren. In der Tat wird man bei Civey geschickt von Frage zu Frage gelotst.

Civeys Methode erregt Traditionalisten

Die Methode erregt die Gemüter in der Branche und die Chefs der Platzhirsche schütteln den Kopf über den Ansatz. Jung von der Forschungsgruppe Wahlen: „Man darf Repräsentativität nicht so verkommen lassen, dass es genügt, wenn lediglich bei den wenigen kontrollierbaren demografischen Variablen – Alter, Geschlecht, Bildung, et cetera – die Soll-Zahlen mit der amtlichen Statistik übereinstimmen.“ Er befürchtet zudem, dass die Befragungen etwa von AfD-Anhängern gekapert werden. „Wenn ich mir die Sonntagsfrage von Civey anschaue: Die haben teilweise astronomisch hohe Ergebnisse der AfD in den Rohdaten, die müssen zum Teil mehr als halbiert werden. Da scheint etwas nicht zu stimmen“, sagt der Chef der Forschungsgruppe Wahlen.
Gerrit Richter
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Die Rohdaten, also die exakten Ergebnisse der Umfrage, sind bei Civey anders als bei den traditionellen Instituten nur einen Klick entfernt. Man sieht auch, wie viele Menschen bereits an der Befragung teilgenommen haben und ob die Ergebnisse als repräsentativ gelten können. Diese Transparenz gehört bei dem Startup zum Programm. Ob ein normaler Leser etwas damit anfangen kann, steht zwar in Frage. Zumindest wird deutlich, dass die Ergebnisse mit den tatsächlich erhobenen Daten nicht übereinstimmen. Denn was freilich auch Civey nicht verrät, ist das Rezept, wie sie von den Rohdaten zum Endergebnis kommen. Das bleibt aber auch bei allen anderen Instituten unter Verschluss, ist deren Geschäftsgeheimnis. Hier fließen demoskopische Korrekturen ein, aber vor allem auch Erfahrungswerte.

Schock der US-Wahl ist langsam verdaut

Andreas Graefe, der Prognoseforscher, berichtet von einem Experiment während des US-Wahlkampfes. Die New York Times hat eine Umfrage durchgeführt und die erhobenen Daten anderen Umfrageinstituten zur Verfügung gestellt. Die haben sie mit ihren jeweiligen Gewichtungen versehen und heraus kamen Tendenzen von einem Vorsprung für Trump von einem Prozentpunkt bis zu einem Vorsprung für Clinton mit vier Prozentpunkten. Da gibt es mithin viel Gestaltungsspielraum.

Inzwischen, gut ein halbes Jahr nach den ernüchternden Ereignissen rund um die Präsidentenwahl in den USA, haben sich auch die dortigen Wahlforscher erholt und einen erneuten Blick auf die Umfragen geworfen. Dass sie eigentlich richtig lagen, weil Hillary Clinton US-weit tatsächlich zwei Prozentpunkte mehr Stimmen bekam als Donald Trump, kann nur ein kleiner Trost sein. Man sollte meinen, dass amerikanische Wahlforscher ihr Wahlsystem kennen. Aber einige Wähler haben die Forscher an der Nase herum geführt. Wer die Wahl zwischen zwei wenig charmanten Kandidaten hatte, zeigte sich hin- und hergerissen und entschied häufig im allerletzten Moment. Darüber hinaus haben sich die Trump-Wähler den Interviewern häufig nicht offenbart, das war der sogenannte Shy-Trump-Effekt. Dann hat die Kommission der American Association for Public Opinion Research aber noch herausgefunden, dass das Kriterium Bildung bei den Daten nicht oder nicht ausreichend gewichtet wurde. Menschen mit geringerer Bildung haben eher Trump gewählt. Das war von den Demoskopen in den USA nicht bedacht worden. Das Ergebnis ist bekannt: Ein strahlender Präsident, der am Tag nach der Wahl die Medien und die Meinungsforscher verhöhnt.

Wahlforschung, Werbewirkung und Mobilität sind die Themen der Ausgabe
Wahlforschung, Werbewirkung und Mobilität sind die Themen der Ausgabe (© p&a)
Erschienen in planung&analyse 4/2017.

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