Online Special Wahlforschung „Das schadet dem Image der Branche“

Donnerstag, 21. September 2017
Rainer Faus ist Geschäftsführer von pollytix strategic research
Rainer Faus ist Geschäftsführer von pollytix strategic research
© pollytix

Rainer Faus von pollytix arbeitet an der Schnittstelle von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Die Kunden werden basierend auf qualitativen oder quantitativen Forschungsergebnissen Lösungen für ihre Probleme empfohlen. Im Interview mit planung&analyse sieht er eine problematische Verstrickung von Wahlforschern, die einerseits für die öffentlich-rechtlichen Medien arbeiten und gleichzeitig politische Entscheidungsträger beraten.

Während in Großbritannien die Meinungsforschung zur Vorbereitung von politischen Entscheidungen schon üblich ist, sind die Institutionen in Deutschland noch zurückhaltend. Sehen Sie da einen Wandel?
Bevor ich pollytix gegründet habe, habe ich jahrelang in Asien, Australien und Neuseeland gelebt und geforscht. Hier wird Meinungsforschung als essentielle Basis strategischer Entscheidungen verstanden. Da ist in Deutschland auch noch viel Luft nach oben. Und da müssen beide Seiten noch viel lernen – der Kunde, der wichtige strategische Entscheidungen nicht aus dem Bauch heraus treffen sollte und der Meinungsforscher, der bereit ist, sich in ein Thema richtig reinzufuchsen, mitzudenken und eben nicht nur Tabellenbände oder automatisch nach Schema F produzierte langweilige PowerPoints abzugeben.

Während in der Marktforschung immer wieder darauf hingewiesen, dass man die Menschen nicht direkt befragen kann, weil die meisten Entscheidungen unbewusst fallen. Fragt die Wahlforschung in der Regel immer noch direkt „Wählen Sie A, B oder C“? Ist das sinnvoll?
Ja, das ist durchaus noch sinnvoll. Ich sage ‚noch‘, weil wir über den Zeitverlauf auch sehen, dass Wahlentscheidungen anders getroffen werden als das noch vor einer halben Generation der Fall war. Der Wähler legt bestimmte Heuristiken an, um zu einer Wahlentscheidung zu kommen. Das war früher leichter als heute. Etwas überspitzt gesagt, hat der Katholik eben CDU gewählt, der Arbeiter eben SPD. Heute sind die Heuristiken für den Wähler viel komplexer geworden. Auf diese Komplexitätszunahme müssen wir in der Wahlforschung noch die richtigen Antworten finden und uns neuen Methoden öffnen.

Welche Methoden benutzen Sie, um Ihre Ergebnisse zu bekommen? Muss Meinungsforschung sich methodisch öffnen? Welche alternativen Methoden halten Sie für sinnvoll?
Wir bespielen die gesamte Klaviatur, von qualitativer bis quantitativer Forschung, sowohl offline als auch online. Wir sehen qualitative und quantitative Forschung nicht als zwei konkurrierende Methoden, sondern als sich ergänzende Forschungsansätze. Daher sind auch beide Elemente in den meisten Projekten miteinander verknüpft. Wir merken, dass wir noch vor 5 Jahren auf Skepsis bei Kunden gestoßen sind, wenn wir beispielsweise semi-qualitative Onlineforen angeboten haben. Eine Methode, die ja auch vor damals alles andere als neu war. Dennoch hat es eine Weile gedauert bis auch diese Methode selbstverständlich auch in der politischen Meinungsforschung angewendet wird. Aber ja, die Meinungsforschung muss sich natürlich öffnen und andere Methoden ausprobieren. Dafür braucht es auch manchmal etwas Mut von Kundenseite.

Kann man in der Meinungsforschung mittlerweile auf reine Online-Befragungen zurückgreifen?
Diese Frage kann ich so allgemein nicht beantworten. Natürlich hat die Online-Forschung ihre Grenzen, aber wir dürfen auch nicht denken, dass klassische Telefonumfragen ohne Probleme funktionieren. Auch hier haben wir natürlich die Schwierigkeit, dass bestimmte Bevölkerungsgruppen telefonisch kaum mehr erreicht werden. Und das nicht nur wegen der hohen mobile-only Rate in bestimmten Segmenten, also Menschen, die gar keinen Festnetzanschluss mehr haben. Wenn wir ehrlich sind, haben alle Methoden ihre Beschränkungen. Die Aufgabe von uns ist es, in jedem individuellen Fall das geeignetste Verfahren vorzuschlagen. Da hilft es natürlich, wenn man als Agentur selbst kein Telefonfeld oder Online-Panel betreibt und dieses finanzieren muss. Wir sind vollkommen frei in der Wahl unserer Methoden. Eine Schwierigkeit bei Online-Erhebungen ist sicherlich, dass Panels in Deutschland leider qualitativ noch nicht auf dem Stand sind, auf dem wir sie uns wünschen würden und wie sie im Ausland teilweise ja auch schon sind.

Manchen Methoden wird der Vorwurf der Selbstauswahl gemacht. Ist der angesichts der geringen Response-Raten bei herkömmlichen Telefonumfragen noch gerechtfertigt?
Ja, der Vorwurf ist gerechtfertigt. Allerdings trifft das auf alle Methoden zu, bei jeder gestaltet sich das allerdings etwas anders. Auch bei telefonischen Befragungen haben wir immer einen Bias drin, da Menschen mit bestimmten Einstellungen niemals an Telefonbefragungen teilnehmen würden, zum Beispiel weil sie keine persönlichen Daten hergeben möchten. Für die gesamte Branche ist es enorm wichtig, dass wir die Skepsis, die einige Menschen der Branche entgegenbringen, minimieren.

Sind Sie froh, dass Sie in diesen Tagen keine klassische Wahlforschung betreiben und sich mit in den Battle der Prognosen begeben müssen?
Wir machen durchaus auch klassische Wahlforschung, fangen in der Regel aber da an, wo die anderen Institute aufhören. Heißt: Wir bohren tiefer, messen nicht nur Stimmungen sondern verstehen sie und wissen bestenfalls, wie sie zu nutzen und zu verändern sind. Gleichzeitig veröffentlichen wir aber keine Umfragen und auch keine Sonntagsfrage, da wir für bezahlende Kunden aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft arbeiten. Und damit gehören die Daten den Kunden und sind nicht für die Öffentlichkeit gedacht. Die Verstrickung von Unternehmen, die einerseits für die öffentlich-rechtlichen Medien arbeiten und hier objektiv berichten sollen, gleichzeitig aber politische Entscheidungsträger beraten, ist äußerst problematisch und schadet im Übrigen auch dem Image der Branche.
Aber auch die veröffentlichte Sonntagsfrage der anderen Institute ist keine Prognose, sondern eine reine Momentaufnahme. Das ist wichtig zu verstehen, gerade heute, wo wir sehen, dass sich immer mehr Wähler auch noch sehr kurzfristig entscheiden. Was heute gilt, kann in einer Woche schon völlig anders aussehen. Dennoch hat das Institut hier nicht unbedingt einen Fehler gemacht, sondern die Realität hat sich einfach in dieser Woche nochmal verändert. Mich ärgert es, dass öffentlich so oft die Rede von Prognose ist, dabei betonen wir in der Branche immer, dass es sich lediglich um eine Momentaufnahme handelt. Und es ärgert mich, dass viel zu selten klar gemacht wird, dass wir uns bei allen Werten immer innerhalb eines gewissen Fehlerkorridors bewegen. Das heißt konkret, dass die veröffentlichte Zahl immer auch ein paar Prozentpunkte höher oder tiefer liegen könnte. Egal, wie gut wir alle arbeiten, wir können weder in die Zukunft sehen, noch auf die Nachkommastelle genau messen. Wenn das alle verstehen würden, wäre schon viel gewonnen.

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