Online Special Wahlforschung "Das ist ein skurriles System"

Montag, 24. Juli 2017
Holger Geißler ist Research Chef bei YouGovDeutschland
Holger Geißler ist Research Chef bei YouGovDeutschland
© YouGovDeutschland

Für Holger Geißler, Deutschland Research Chef YouGov, gehört Wahlforschung als wichtiges Instrument zum Portfolio. Mit seiner Spezialisierung auf Online-Forschung sieht er einiges in der Branche mit etwas Abstand.

In anderen Ländern hat Wahlforschung für YouGov Tradition. Seit wann machen Sie Wahlforschung in Deutschland?
Noch gar nicht so lange. Wir machen seit 2012 Wahlumfragen in einzelnen Bundesländern, wie etwa in NRW für SAT1. Außerdem machen wir seit vielen Jahren die Feldarbeit für den INSA Meinungstrend. Und seit diesem Jahr auch eine eigene YouGov-Sonntagsfrage für die Madsack-Gruppe. Die veröffentlicht unsere Sonntagsfrage jeden Donnerstag in ihren Tageszeitungen.

Was unterscheidet Ihre Art der Wahlforschung von anderen Instituten?
Wir befragen nur Online, aber wir gehen ein bisschen anders vor als herkömmliche Online-Panel. Unsere Teilnehmer bekommen eine Mail mit der Info, dass eine Umfrage - ohne genauere Spezifizierung - für sie bereit steht. Der Teilnehmer klickt auf den Link und bekommt eine Umfrage zugewiesen. Welche das ist, wird von der Technik erst in diesem Moment entschieden. Die Maschine erfasst, wer kommt da gerade, etwa eine Person mit einem bestimmten Alter und politischem Interesse, und es wird geprüft, in welcher der anstehenden Umfragen eine solche Person gerade benötigt wird. Wenn mehrere Studien passen, dann wird geschaut, welche muss als erste fertig sein. Dann wird er dort zugewiesen. Das nennen wir YouGov-Turbo-Sampling. Das ist ein ziemlich ausgefeiltes System, um sehr ausgewogene repräsentative Stichproben, orientiert an den Verteilungen des Mikrozensus zu bekommen.

Ist da noch der Zufall im Spiel?
In gewisser Weise schon, weil wir nicht wissen, wer da gerade kommt. Aber wir sprechen von einem Non-Probability-Sample, also einer nicht-zufallsbasierten Vorgehensweise.


Wahlspecial
Bild: Pixabay

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Was ist der Unterschied zu Civey, dem anderen Institut, welches bei Wahlforschung ausschließlich auf Online-Befragungen setzt?
Civey hat kein Panel im klassischen Sinne, sondern betreibt eine Art passives Sampling. Die Teilnehmer kommen vorbei und machen bei dieser oder jener Umfrage mit. Ich kann als Teilnehmer steuern, bei welcher Umfrage ich selbst mitmachen will. Bei YouGov kann man als Teilnehmer nicht steuern, welche Umfrage man erhält. Man kann nur mitmachen - oder eben nicht.


Man kann aber auch auf Ihrer Webseite Fragen nach Gusto beantworten?
Ja, aber das hat nichts damit zu tun, was wir im Panel machen und was wir veröffentlichen. Zu jeder Frage auf der Webseite gibt es immer parallel eine repräsentative Quotenstichprobe im Panel, die wir dann veröffentlichen. Was auf der Webseite passiert ist zur Gewinnung neuer Teilnehmer und Unterhaltung für die Webseitenbesucher. Was bei uns aussieht wie Civey, ist für uns lediglich Spielerei, für Civey ist es das Geschäftsmodell.


Wenn Sie 1500 Leute für eine Frage in der Wahlforschung brauchen, wie viele müssen Sie dann anschreiben?
Wegen der Methode des Turbo-Samplings können wir keine Responseraten angeben, weil wir nie explizit für eine Befragung einladen. Wir laden täglich eine größere Anzahl von Panelisten ein, die verteilen sich auf unsere Umfragen, die gerade im Feld sind. Wie oft wir unsere Panelisten zu Umfragen einladen, hängt davon ab, wie viele Umfragen paralllel im Feld sind. Das kann zwischen wenigen Tagen, aber auch Wochen liegen.


Sind die Online-Umfragen zur Wahlforschung inzwischen eine anerkannte Methode?
Außerhalb Deutschlands schon. In England oder den USA werden auch Online-Befragungen von Instituten gemacht, die hier fast nur telefonisch befragen. Kantar Publik etwa macht in England Wahlumfragen mit Online-Samples, wogegen Infratest Dimap, ebenfalls Teil der Kantar Gruppe, hier in Deutschland bei der Sonntagsfrage noch telefonisch arbeitet.

Und was bedeutet das?
Haben Sie mal drauf geachtet, wie viel Sie in den letzten Wochen zu Hause noch telefoniert haben? Eine normale Sonntagsfrage ist durchschnittlich 48 Stunden im Feld und in dieser Zeit hat man einen Rücklauf von 2 bis 4 Prozent. Das heißt von 100 Leuten, die man anruft, geben 2 bis 4 eine Auskunft. Aber immer noch gehen viele Leute davon aus, dass man auf diese Weise eine repräsentative Stichprobe befragt.

Wieso sind die Ergebnisse dann dennoch so exakt hierzulande?
Die Marktforscher haben Daten aus 30 bis 40 Jahren und gute Modelle und deshalb klappt das im Moment häufig noch. Aber dadurch, dass die im Grunde wesentlich mehr Geld mit Telefonforschung machen, als sie mit Onlineforschung machen könnten, halten sie die Methode weiterhin hoch wie einen Gral. Wer einen Schwenk wagt und von der reinen Telefonbefragung weggeht, würde seinen Umsatz massiv reduzieren, weil die Preise für Online-Umfragen wesentlich niedriger sind. Und warum sollte man das ändern, wenn man langfristig Verträge etwa mit öffentlich-rechtlichen Medien hat, die einem die höheren Umsätze zusichern? Das ist in gewisser Weise ein skurriles System in Deutschland. Dadurch haben wir hierzulande eine Insel der Telefonmarktforschung, die es in dieser Form in anderen Ländern nicht mehr gibt.


Die Wahlforschung ist der einzige Zweig der Markt-, Meinungs- und Sozialforschung bei dem man hinterher genau sagen kann, wer danebengelegen hat. Da kann man sich ja ganz schön die Finger verbrennen. Warum tun Sie sich das an?
Wir wollen der bekannteste Marktforscher Deutschlands sein. Und da viel über Politik geschrieben wird, müssen wir in die Wahlforschung rein. Davon abgesehen, macht es Spaß und ist ein wahnsinnig spannendes Feld. Aber finanziell ist es nicht wirklich lukrativ. Das muss man ganz klar sagen. Im Unterschied zu anderen Ländern wird in Deutschland nicht so viel Forschung von Parteien durchgeführt.


Was muss sich ändern in der Wahlforschung in Deutschland?
Ich würde mir eine offene Diskussion über Methoden wünschen, losgelöst von den Dogmen der Vergangenheit. So eine Auseinandersetzung, die in anderen Ländern durchaus stattgefunden hat, ist in Deutschland bisher nicht erfolgt.

Wie sieht die Wahlforschung in zehn Jahren aus?
In Deutschland wahrscheinlich immer noch per Telefon (lacht). Ich glaube, das hängt davon ab, wie gut wir Wahlforscher bei der Bundestagswahl liegen. Es gibt nur dann Veränderungsdruck, wenn etwas schiefgeht. Ansonsten verlängern die Sender ihre Verträge und es läuft alles weiter wie bisher.

Ja, aber was schief gelaufen ist, war ja nicht in Deutschland...
…und da die deutschen Wahlforscher in den letzten Jahren nicht so schlecht gelegen haben… Selbst bei der NRW-Wahl haben immerhin wir und die Forschungsgruppe Wahlen die CDU am Schluss vorne gesehen. Sonst hätte es sicherlich ein Demoskopen-Bashing gegeben. Wenn alle Vorhersagen bei der Bundestagswahl mächtig daneben liegen würden, dann würde eine solche Diskussion in Gang kommen und dann würde es vielleicht auch ein methodisches Umdenken geben.

Und was wollen Sie als YouGov in der Wahlforschung anders machen?
Wir haben in England in diesem Sommer neben den landesweiten Zahlen erstmals eine zweite Vorhersage für jeden Wahlkreis gemacht. Wir prüfen im Moment, ob wir das in Deutschland auch realisieren können. Dann würden wir ebenfalls mit zwei Vorhersagen rausgehen, eine, die die Wahlkreise hochrechnet und damit erstmals die Erststimme abbildet und die klassische Vorhersage, die sich ja nur auf die Zweitstimme der Wähler bezieht. Es ist noch ein bisschen unsicher, ob wir alle Daten zusammenkriegen, die wir brauchen. Aber der Plan ist, das UK-Election-Modell auch in Deutschland einzuführen.

Herr Geißler, vielen Dank für das Gespräch

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