Online Special Wahlforschung „Andere beneiden uns um das hohe Qualitätsniveau“

Mittwoch, 02. August 2017
Heiko Gothe ist bei Infratest dimap für den ARD DeutschlandTREND zuständig
Heiko Gothe ist bei Infratest dimap für den ARD DeutschlandTREND zuständig
© Infratest dimap

Heiko Gothe ist bei Infratest Dimap für den ARD-Deutschlandtrend zuständig. Für ihn ist die Telefonbefragung die derzeit beste Erhebungsmethode für aktuelle politische Umfragen und er ist dankbar, dass es in Deutschland noch Auftraggeber für Meinungsforschung auf hohem Qualitätsniveau gibt.

Schwerpunkt von Infratest Dimap ist die Politik- und Wahlforschung. Für die ARD erheben Sie regelmäßig den Deutschlandtrend, führen am Wahltag die Prognosen durch und sind für die Hochrechnungen im Wahlstudio zuständig. Um die Stimmung im Land zu erfassen, wird regelmäßig auch die Sonntagsfrage gestellt. Wie werden hier die Daten erhoben?
Die Ergebnisse der so genannten „Sonntagsfrage“ sind KEINE Wahlvorhersagen: Das betonen wir ständig, weil es essentiell wichtig ist, um Irritationen und falschen Erwartungen vorzubeugen. Die Sonntagsfrage ist eine Messung der politischen Stimmung, hier also von Parteianteilen, zum Zeitpunkt der Erhebung – nicht mehr, aber auch nicht weniger. Die heiße Wahlkampfphase – und damit die Phase hoher Politisierung in der Wahlbevölkerung – hat derzeit noch gar nicht begonnen. Zudem wissen wir aus unseren Studien, dass sich rund ein Drittel der Wählerschaft sehr kurzfristig für eine Partei entscheidet. Von daher kann das Ergebnis einer Sonntagsfrage keine Vorhersage auf den Wahlsonntag sein.

Befragen Sie nur am Telefon oder auch Online? Und berücksichtigen Sie bei der telefonischen Befragung für die Sonntagsfrage auch Mobiltelefone?
Da wir telefonisch nahezu 100 Prozent der Grundgesamtheit erreichen können, ist aus unserer Sicht die Telefonerhebung derzeit nach wie vor die beste Erhebungsmethode um aktuelle und bevölkerungsrepräsentative Ergebnisse zu erhalten. Um dies zu erreichen, führen wir bereits seit einigen Jahren den ARD-DeutschlandTREND, unsere monatliche Studie zur politischen Stimmung in der Bundesrepublik, als Dual-Frame-Erhebung durch, mit einem Mobilfunkanteil von 30 Prozent vom Gesamtsample. Gleichwohl führen wir für eine Reihe von Auftraggebern auch Online-Erhebungen durch und nutzen webbasierte Erhebungen ebenso wie andere Methoden, um uns ein möglichst vielseitiges Bild zu verschaffen. Um „Bevölkerungsrepräsentativität“ für kurzfristige Trends zu erreichen, halten wir allerdings Zufallsstichproben wie beim Telefon oder auch Face-to-face für die Methoden, die in dieser Hinsicht die bessere Datenqualität liefern.

Warum führen Sie Ihre Sonntagsfrage nicht online durch wie in anderen Ländern auch?
Zunächst einmal eine Einschränkung: Wir sind online mittlerweile viel im Feld, gerade rund um Wahlen und um immer wieder zu sehen, wie verschiedene Online-Surveys sich in den Ergebnissen von den anderen Erhebungsmodi unterscheiden. Wir dürfen aber nicht vergessen: Online können wir nach wie vor in Deutschland nur rund 80 Prozent der Bürger erreichen, insbesondere bei den besonders ins Gewicht fallenden älteren Wahlberechtigten. Zudem mit einer nicht zu unterschätzenden Selektivität. Durch mehr oder weniger elaborierte multivariate Verfahren kann man versuchen, aus den Daten die Selektivität ex-post wieder herauszurechnen. Genau das tun auch unsere Kollegen von Kantar in anderen Ländern, wo telefonische Erhebungen deutlich größere Probleme generieren als (bislang noch) in Deutschland und wo in den letzten Jahren Online-Erhebungen sukzessive an Bedeutung gewonnen haben. Von diesen Kollegen in anderen Ländern wissen wir aber aus zahlreichen Gesprächen auch, dass sich viele die hierzulande geltenden Qualitätsstandards wünschen, vor allem, dass sie wie wir parallel Telefon, Face-to-face und Online nutzen können, um aktuelle Stimmungstrends in einem methodischen „Dreiklang“ zu erfassen. Man sollte dankbar sein, dass es in Deutschland Auftraggeber für Meinungsforschung auf hohem Qualitätsniveau gibt, die immer noch Face-to-Face und Telefonbefragungen ermöglichen. Ein Problem besteht jedenfalls nicht dadurch, dass wir mehr Optionen als anderswo haben.

Wie viele Befragte streben Sie an und wie ist die Ausschöpfungsquote bei dieser Befragung?
Die Erhebungszeiträume der Befragungen zur politischen Stimmung  im ARD-DeutschlandTREND und in den Bundesländern sind in der Regel zwischen zwei und fünf Tagen. Hier realisieren wir für die Sonntagsfrage 1.500 Interviews, für die anderen inhaltlichen Fragen 1.000 Interviews mit Wahlberechtigten in Deutschland. Eine Berechnung von Ausschöpfungsquoten macht bei Trenderhebungen aufgrund der kurzen Feldzeiten nur bedingt Sinn. Bei unseren Trenderhebungen macht üblicherweise von fünf Wahlberechtigten, die wir erreichen, einer mit.

Werden die Rohdaten und die Kriterien zur Gewichtung bei der GESIS zu Forschungszwecken hinterlegt? Oder an einem anderen Ort?
Ja, uns ist Transparenz und Nachvollziehbarkeit unserer Arbeit und bei unseren Forschungsinstrumenten sehr wichtig. Daher stellen wir den ARD-DeutschlandTREND über das Datenarchiv der GESIS für die wissenschaftliche Nutzung zur Verfügung. Das sind SPSS-Datensätze mit den Rohdaten und einer Variable mit Gewichtungsfaktoren. Das Angebot ist hier einzusehen.

Hat es Überlegungen gegeben nach den Pannen im vergangenen Jahr – Stichwort AfD, Brexit, US-Wahl – etwas zu ändern?
Wir testen und prüfen dauernd Methoden, Fragestellungen und Indikatoren. Das geht ja nicht anders. Die Rahmenbedingungen verändern sich, die Gesellschaft und die politische Orientierung. Von daher muss man immer seine Instrumente an die aktuellen Anforderungen anpassen. Wenn eine neue Partei, wie zum Beispiel die AfD, Eingang ins Parteiensystem findet, ist das immer eine Herausforderung. Aber da gibt es auch Erfahrungswerte. Die Sympathien für die AfD bilden die Umfragen jetzt auch ganz gut ab. Aber eine Diskussion findet ja kontinuierlich statt, etwa darüber, ob man bestimmte Zielgruppen noch am Telefon erreicht.

In der letzten Zeit wurde ja immer wieder Kritik an der Meinungsforschung geäußert, etwa nach der US-Wahl. Wie sehen Sie das?
Die meisten Länder beneiden uns um das hohe Qualitätsniveau der Wahl- und Meinungsforschung in Deutschland. Dies vor allem wegen der hervorragenden Exit-Polls an Wahlsonntagen, auf denen die 18 Uhr-Prognosen bei ARD und ZDF beruhen. Diese Prognosen weisen im Schnitt eine Abweichung von rund einem halben Prozentpunkt pro Partei zum Wahlergebnis auf. Dieses hohe Qualitätsniveau resultiert aus einem starken Wettbewerb zwischen den Forschungsinstituten in Deutschland – an Wahlsonntagen zwischen der Forschungsgruppe Wahlen für das ZDF und Infratest dimap für die ARD.

Was glauben Sie, wie sieht die Wahlforschung in zehn Jahren aus?
Ich bin überzeugt, dass die Wahlforschung auch in zehn Jahren einen wichtigen Beitrag für den demokratischen Prozess leisten wird, in dem sie die Öffentlichkeit über die Meinungen und Einstellungen der Bürger zu politischen Themen, Parteien und Politikern aufklärt und den Bürgern selbst Möglichkeit zur Selbstvergewisserung und Reflektion ihrer eigenen Meinungen und Einstellungen gibt. Darüber hinaus glaube ich, dass in zehn Jahren der Bedarf an Politikforschung auf hohem Qualitätsniveau nach wie vor groß sein wird. Ob dies auch zu Verschiebungen von der einen zur anderen Erhebungsmethode führen wird, lässt sich aktuell noch nicht endgültig absehen. Ebenso wenig, ob Veränderungen in solch langen Zeiträumen eher disruptiver oder doch eher inkrementeller Natur sind. Klar ist aber, dass auch in der Politik- und Wahlforschung nur der weiterhin eine wichtige Rolle spielen wird, der flexibel genug ist, sich auf Veränderungen einzustellen.

Herr Gothe, ich danke Ihnen recht herzlich für das Gespräch.

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